Full text: Hessenland (8.1894)

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Hessische Städte und hessisches Land vor hundert Jahren 
ii. 
Die Haupt- und Residenzstadt Kaffel. 
Von F. Zwenger. 
(Fortsetzung.) 
u der Hauptstadt Kassel ist, ivie der Verfasser 
)| sehr richtig bemerkt, der Zusammenhang alles 
| dessen, wodurch Staats- und Landesgeschäfte, 
entweder von dem ganzen Hessen oder doch von 
Niederhessen besorgt werden; nur haben die 
Grafschaft Hanau zu Hanau, das Oberfürstenthum 
Hessen zu Marburg und die Grafschaft Schaumburg 
zu Rinteln wenigstens ihre eigenen Justizhöfe als 
Regierungen und so auch ihre Konsistorien. Der 
Verfasser geht dann zu den Bildungsanstalten 
der Hauptstadt Kassel über. Er schreibt: 
„Kassel hat höhere und niedere Anstalten dieser 
Art. Die niederen und sogenannten Trivial- 
jchnlcn in den drei Stadttheilen gehören 51t den 
verschiedenen Kirchen Kassels, unb wäre es vielleicht 
gut, wenn keine andere als diese, folglich Winkel- 
und Nebenschulen nicht geduldet würden. Der 
gemeine Mann verdient als Mensch diese Achtung; 
eigentliche zweckmäßige Mädchenschulen hat die 
Stadt nicht. Dahin sind so wenig die sogenannten 
französischen Pensionen, davon Kassel einige für 
junge Frauenzimmer von Erziehung hat, zu rechnen, 
als jede sogenannte Schule, in der eine Wittwe 
ohne weiter vorhergegangene Prüfung, noch weniger 
ohne unter einer oder der anderen Aufsicht zu 
stehen, Unterricht weiblicher Köpfe in der Religion 
und ini Nähen und Stricken für eines und eben 
dasselbe hält. In Erziehung seiner künftigen 
Mütter, ob sie gleich jedem Kinde die erste Bildung 
geben, ist das ganze Deutschland noch sehr zurück. 
Die Deutschen und Franzosen von Kassel haben 
beide ihre eignen Schulen dieser Art. 
„Alle öffentlichen Schulen stehen in Kassel, so 
wie im Lande, unter einer bestimmten und zweck 
mäßigen Aufsicht. Kassel bekam durch Landgraf 
Philipp im Jahre 1539 ein sogenanntes Päda 
gogium zur Bildung von Studirenden, und Schul 
ordnungen von den Landgrafen Moritz, und 
Wilhelm V. gaben ihm und allen Hessen, nach 
den Begriffen und dem Geschmacke der Zeit, bessere 
Einrichtungen. Die vom Landgrafen Karl 1709 
vollzogene Stiftung eines Collegii illustris, 
„Carolinum" genannt, rückte sie durch ihre Ein 
richtung in Rücksicht auf vorübende, besonders 
mathematische und physikalische Wissenschaften, als 
eine gelehrte Anstalt der heutigen Pädagogik näher; 
ein Rektor des Pädagogiums war zu gleicher 
Zeit Professor an letzterem, und daraus entstand 
der Vortheil, daß jener für dieses in seinen 
Schülern arbeitete. Als das Carolinum 1766 
unter Landgraf Friedrich II. eine mehr erweiterte 
Verfassung erhielt, die hin und wieder zu akademisch 
in einem Staate sein mochte, der schon zwei 
Universitäten besaß, so verbesserte dieses alles die 
neuere Gestalt des Pädagogiums nicht. Dies 
war einem Zufall, dem Landgrafen Friedrich II., 
einem neuen Direktorium und guten Lehrern vor 
behalten, die alle zu wirklicher und wesentlicher 
Verbesserung der Schule gleichsam durch ein glück 
liches Ungefähr zusammentrafen. Das alte Schul 
gebäude an der Stiftskirche St. Martin wollte 
einstürzen, und Lehrer und Schüler mußten es zu 
ihres Lebens Sicherheit verlassen; die Stadt war 
außer Stande, ein zweckmäßiges Gebäude aufzufüh 
ren, wie das die neue Zeit erfordert, und Friedrich II. 
schenkte ihr dazu ein ansehnliches neues von ihm 
erkauftes Privathaus auf der Oberneustadt, gab 
ihr auch das Geld, solches dazu auf's Beste ein 
zurichten. Um den» Gebäude die Schule zu geben, 
ernannte er ein eigenes zum Theil aus dem vorigen 
Scholarchat gezogenes Direktorium, verbesserte die 
der Zeit Philipp's angemessenen, jetzt aber 
schwachen Einkünfte desselben merklich, und so 
entstand das jetzige Lyceum Fridericianum. 
Es hat dadurch eine dem unterrichteten Geiste 
und Geschmacke des Jahrhunderts gemäßere Gestalt, 
durch vier obere Klassen unter einem Rektor und 
drei anderen Lehrern als Gelehrten für die eigent 
lichen studirenden Söhne Kassels erhalten und 
durch drei untere Klassen, in welchen drei andere 
Lehrer jenen in den ersten Gründen vorarbeiten 
und den künftigen Bürger, das ist den Kaufmann 
und Handwerker, ausbilden. Es wurde neulich 
von einer Christenschule gesagt, daß Juden ihre
        

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