Full text: Hessenland (8.1894)

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fangen hielt. Eckebrecht mußte alsbald nach 
Welsen reiten, um den Angehörigen dort die frohe 
Botschaft zu verkünden. Nun durfte er auch sein 
Herz gegen den Bruder über seine verhängniß- 
volle Lage ausschütten. 
„Ja, nun kannst Du die so nothwendige Ent 
wässerung der niedrigen Wiesen vornehmen. Du 
sollst sehen, was für einen Graswuchs das geben 
wird", erwog Tankmar. 
„Und das in der Wirthschaft so unentbehrliche 
zweite Spann Ackerpserde anschaffen", setzte der 
Jüngere den Gedankengang fort. 
Den Kopf voll von diesen Dingen, kam der 
Oberst guten Muthes heim. Nichts natürlicher, 
als daß er seine Projekte vor der Gattin aus 
kramte, die ihm ruhig zuhörte. Dann aber sagte 
sie kühl: „Du mußt nicht denken, daß ich mein 
schönes Geld in die schmutzige Erde stecken will. 
Nein, mein Schatz, wir wollen mehr davon haben. 
Wir miethen uns in London eine hübsche Woh 
nung, wir wollen nun auch einmal das Leben 
genießen. Hier mag währenddem wachsen, was 
wachsen will, mir ist es gleich." 
Bon seiner Frau Gelde sich tu nutzlosem 
Schlaraffenleben ernähren zu lassen, nein, das 
lief schnurstraks gegen des Edelmanns Ehrgefühl 
und entsprach ebensowenig seinen Neigungen. - 
Das Ehepaar wartete nicht einmal die Üeberlegung 
eines vollen Tages ab, um über den Danae-Regen 
in hellen Streit zu gerathen. 
Der Baronin erste selbstständige Benutzung 
ihres Reichthums bestand darin, ben Maler 
kommen zu lassen, dessen vortreffliche Darstellung 
des Welser Ehepaares längst ihren Neid erregte. 
Eckebrecht ließ sich nur widerstrebend zu einer 
Sitzung bestimmen mtb schaute dementsprechend 
kriegerisch aus seiner goldenen Umrahmung in 
die Welt. Alice aber, die lachenden Augen auf 
ihre drei Kinder gerichtet, bildete mit diesen zu 
sammen eine bezaubernde Gruppe, der man die 
Unterschrift „Mutterglück" hätte geben können. 
Das Kräutlein der Zwietracht ist eine Wucher 
pflanze, die rasch und üppig aufschießt, wenn sie 
nicht im Keime ausgerottet wird. - Umsonst ver 
suchte die bekümmerte alte Mutter den Frieden 
durch wohlmeinende Ermahnung herzustellen, be 
redete Tankmar bm Bruder zum Einlenken. 
Die streitenden Parteien hatten sich nun einmal 
in ihre Meinungen verrannt und fanden keine 
Umkehr. 
Eine Weile ging das so hin, bis endlich ein 
völliger Bruch zwischen den Gatten eintrat. Alice 
verließ ihren Mann und ihre Kinder, denn an 
letzteren wollte der Oberst ihr unter keiner Be 
dingung ein Recht zugestehen. 
Nach allem Vorhergegangenen konnte dieser 
Ausgang in Welsen nicht allzu sehr überraschen. 
Eines Morgens brachte Eckebrecht seine Kinder 
dorthin, mit finsterem Blick übergab er sie seiner 
Schwägerin. 
„Alice ist fort," sagte er „Ihr, Du und Mama, 
werdet Euch der armen Würmer annehmen. 
Bringe sie zur Großmama, Agnese, und komme 
dann in Deines Mannes Zimmer, dies ist es 
nicht, was mich am schwersten drückt." 
Angsterfüllten Herzens trat die junge Frau 
bei den Männern ein, die saßen sich am Tisch 
gegenüber, Eckebrecht stützte den Kopf auf beide 
Hände und weinte bitterlich. Agnese hatte den 
lebensfrohen Menschen niemals Thränen vergießen 
sehen; der Anblick war für sie so ergreifend, daß 
sie zu ihm ging, mit den Worten „armer Onkel" 
sein Haupt emporhob und ihn küßte. Sie be 
griff es selbst nicht, warum sich ihr in diesem 
Augenblick die halb vergessene Benennung auf 
die Lippen drängte, sie erschrack fast darüber, 
als sein aufleuchtender Blick ihr dankte. Jetzt 
streckte auch Tankmar dem Bruder die Hände 
entgegen. „Nun ist unser Rath vollständig, 
lasset uns gemeinsam überlegen, wie Dir zu 
helfen ist, Bruder." 
Der Oberst hatte sich wie ein Ertrinkender 
über Wasser zu halten gesucht, bis ihm nun doch 
die Schuldenmasse über dem Kopfe zusammen 
schlug. Das Geld seiner reichen Frau hatte er 
verschmäht, er hätte ja darum bitten müssen. 
Lieber untergehen, wie von ihr abhängig sein, 
so war zur Zeit seine Stimmung. Hier war er 
sicher, Hülfe zu finden, ivenn es ihm auch eine 
Demüthigung kostete. 
Nachdem Tankmar eine Uebersicht gewonnen 
hatte, sagte er: „Wir sind bereit, Dir zn helfen, 
und können es mit Hülfe von Agnesens Ver 
mögen, aber ich knüpfe eine Bedingung daran: 
Im Falle ich früher aus der Welt scheide wie 
meine Frau, soll Müuikerode dieser als Wittwen- 
sitz verbleiben." 
Eine augenblickliche Stille trat ein, dann lachte 
Eckebrecht auf. „Du stehst in der Vollkraft des 
Lebens, Du besitzest alles, was ein Menschen 
dasein schön und begehrenswerth machen kann, 
wie kommst Du auf Todesgedanken, die mir mit 
dem gebrochenen Muthe weit eher zustehen. 
„Will's Gott," sprach auch Agnese, sich an den 
Gatten schmiegend, „mache ich niemals Gebrauch 
von dieser Klausel." 
„Wer vermag in die Zukunft zu blicken ? Wir 
Männer fahren hernach zum Notar, um die 
Sache rechtsgültig zu machen. Das Weitere steht
        

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