Full text: Hessenland (8.1894)

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das gute und schöne Pflaster, welches sie vor 
mancher selbst größeren deutschen Stadt auszeichnet. 
„Die Nachtlaternen aus deu Straßen, deren 
gegen tausend sind, werden unter Direktion der 
Kriegs- und Domänenkammer gegen die dazu 
eingeführte Bezahlung eines Hellers vom Pfund 
Rindfleisch durch die nöthigen Unterbedienten 
bestritten. Die Verpachtung des Fleischhellers 
sowie des Laternenbrennens hat gezeigt, daß beide 
Einrichtungen sehr darunter leiden. Kassel hat 
seit 172 l Laternen, eckig gestaltet, auf Pfählen. 
Daß die Laternen in drei Sommermonaten nicht 
brennen, wenngleich die Nächte dunkel sind, das 
ist ein Vorwurf, deu sie mit weit größeren Städten 
sich kann und muß mache» lassen. 
„Ein neuerrichtetes Oberforstamt unter dem 
Oberjägermeister, der zugleich geheimer Stnats- 
minister ist, das bisher in Hanau war, ist nun 
mehr in Kassel, breitet sich aber über das Land-, 
Forst- und Jägerwesen aller fürstlich hessischen 
Lande durch die ihm untergebenen Hofjäger, 
Oberforst- und Forstmeister ans, deren nach den 
verschiedenen Forstmeistereien sieben sind. Bei 
den ersteren sind Forsträthe, auch Forstmeister 
und Jagdjunker. Damit ist eine jenem auch 
untergebene Holzkommission verbunden. 
„Die Münze ist auch in Kassel, unter den deut 
schen Fürstenmünzen eine der vollständigsten, und 
hat ein aus dem Vizepräsidenten der Kammer 
und dem Kriegszahlmeister bestehendes Direktorium. 
Man münzt hier goldene und silberne und Scheide 
münze von Kupfer ununterbrochen fort und zwar 
in deu Gewölben des Renthofes. 
(Schluß folgt.) 
•! -8H- 
Ohm und Onkel. 
Erzählung von C. von Dincklage-Campe. 
lFortsetzuug.) 
VIII. 
Es gewann in der That den Anschein, als ob Ecke 
brecht seinen Vorsatz ausführen würde, er war häus 
licher und bekümmerte sich persönlich um seine 
Landwirthschast, welcher er bald ein reges Interesse 
abgewann. Seiner Frau gegenüber schlug er da 
gegen den möglichst verkehrten Weg zur Besserung 
ein, indem er ihr die wirthschaftlichen Tugenden 
seiner Mutter und Schwägerin anpries. 
„Sieh einmal," sagte er unter Anderem einmal 
in schroffem To» zu ihr, „wie Deine Mägde meine 
Wäsche hergerichtet haben. Aber das kommt da 
von, daß Du Dich garnicht um dergleichen be 
kümmerst. Zu Haus, in Welsen, leitet Agnese 
die Mägde selbst in solchen Arbeiten an." 
Statt aller Antwort streckte Alice ihre zarten 
rosigen Händchen dem Gatten entgegen. „Do 
you like more Arbeitsfäuste?" lächelte sie. 
Er konnte nicht umhin, die rosigen Finger an 
seine Lippen ,;u ziehen, und nach wie vor ging 
alles den alten Gang bergab. 
War des Obersten Stimmung weniger galant 
und verwies er Alice mit dürren Worten ihre 
Nachlässigkeit und Verschwendung, dann gab es 
eine Scene, und die Baronin „boudirte", zu 
deutsch maulte, bis Eckebrecht klein beigab. 
Die Münikerodes von Welsen durften sich einen 
Winterausflug »ach Kassel gestatten. Es war 
ein längst gehegter Wunsch Tankmar's, sich dort 
mit seiner Frau malen zu lassen, um diese Bilder 
der langen Reihe ritterlicher Ahnen anzufügen. 
Sie kamen, um für die kurze Zeit Abschied von 
den Geschwistern zu nehmen. 
„Dir wird alles gewährt, mir alles ab 
geschlagen," grollte Frau Alice. 
Agnese hob den kleinen derben Tankmar vom 
Boden aus, indem sie entgeguete: „O wie gern 
bliebe ich zu Haus, wenn ich solch' süßes Kind 
mein Eigen nennen dürfte." 
Dergleichen Mahnungen fruchteten indessen bei 
der Lady nicht, Einschränkungen hielt sie für 
Launen ihres Gatten. Die Verhältnisse spitzten 
sich mehr und mehr zum Ruine zu, für die noth 
wendigsten landwirthschaftlichen Verbesserungen 
fehlte das Geld, und sie unterblieben. Nach Art 
schwacher Charaktere versagte Eckebrecht zwar Alicens 
überflüssige Wünsche, um dann aber doch schließ 
lich ohne Dank doppelt zu geben. — 
Alle berechtigten und unbegründeten Klagen 
verstummten plötzlich vor einem großen, un 
erwarteten Glücksfall. Die Baronin Alice erbte 
ein Vermögen von einem unbekannten Oheim, 
gleichviel ob er es als Nnbob in Indien erwarb 
oder als Peer in irgend einer englischen Graf 
schaft. Die großen Summen waren nicht 
illusorisch, sondern wurden ihr in klingender 
Münze zahlbar angewiesen. 
Einen Tag lang herrschte ungeheure Freude 
auf Münikerode, es war wie die Erlösung von 
einem schweren Banne, der auch die Herzen ge-
        

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