Volltext: Hessenland (8.1894)

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Fester, wie ein Stück der Heimath, 
Mußt' ich gar den Stock umfassen. 
Und ich fühlte plötzlich Heimweh 
Dort in San Antonios Gassen. 
War's, was Zufall Manche nennen, 
Andere des Schicksals Thaten? . . 
Nächsten Tags las int Journal ich 
Unter andern Inseraten: 
„Fünfzig Thaler soll der Finder 
Eines alten Stocks erhalten, 
Liefert er ihn ab in Weststreet 
Nummer dreizehn wohlbehalten." 
Und dann folgte die Beschreibung, 
Und des Zweifels blieb mir keiner: 
Fünfzig Thaler bot man wirklich 
Für den alten Ziegenhainer! 
Fünfzig Thaler für den alten, 
Dessen Firniß längst erloschen! 
Solch ein Ding kauft man daheim doch, 
Nun, für einen Silbergroschen! 
Welche andere Bewandtniß 
War wohl mit dem Stock verschlungen? 
Oder war sein Eigenthümer 
Just dem Irrenhaus entsprungen? 
Würd' ich wohl das Räthsel lösen? 
Nun, zum mind'sten wollt' ich zuseh'n. 
Und ich ging zum Inserenten 
Stracks nach Weststreet Nummer dreizehn. 
„— Sie haben nicht die Müh' gescheut, 
Sind weit heraus zu mir gekommen, 
Sie haben sich mit mir gefreut 
Und die Belohnung nicht genommen; 
— Sie fragen nun, warum's Wohl sei, 
Daß ich so treu des Stockes hüte? ? . . 
Nun wohl! Der Stock und ich, wir zwei, 
Wir standen einst zugleich in Blüthe. 
— Ja, ja. Schon lange ist das her: 
Wohl vierzig Jahre oder drüber, 
Und doch wird mir das Herz noch schwer, 
Schlag' eine Brücke ich hinüber. 
— Sie kennen ja mein Heimathland, 
Sind selber groß darin geworden: 
Als Sie vorhin mir das bekannt, 
Ward seltsam mir bei Ihren Worten: 
— Denn ich vernahm von jenem Ort 
Den Namen niemals mehr inzwischen . . . 
Den Staub der Zeit, wie kann ein Wort 
Bon der Erinnerung ihn wischen! 
— Ja, vierzig Jahre sind vorbei, 
Kaum Monde sind's, daß sie sich füllten, 
Als jenen Stock im Monat Mai 
Die letzten Blüthenähren hüllten. 
— Ein Weißdorn war's und wuchs am Rand 
Des Fahrwegs, in des Städtchens Nähe . . 
Ach, als ich damals vor ihm stand, 
War mir um's Herz zum Sterben wehe. 
— Ein Jahr zuvor, im selben Mai'n, 
Als Blüthen ihn ganz gleich umwanden, 
Da hatten wir bei ihm zu Zwei'n, 
Zu Zwei'n, zwei Glückliche gestanden. 
— Er nur allein war's, der vernahm, 
Wie sie ihr Jawort mir gegeben .... 
Doch als der Lenz auf's Neue kam, 
Da war mein Lieb nicht mehr am Leben. 
— Da stand allein ich vor dem Strauch, 
Der einst zu unser'm Bunde nickte, 
Da griff ich ihn und brach ihn auch, 
So wie mich selbst das Schicksal -knickte. 
— Ich riß auch ihm die Wurzeln ab 
Und hab' die Zweige ihm verschnitten. 
Und bin mit ihm als Wanderstab 
Dann freudlos in die Welt geschritten. 
— Bald liebt' ich ihn. Einst für mein Glück 
War er in Blüthen ausgeschlagen; 
Mit mir verdorrt, hat er ein Stück 
Von meinem Weh nachher getragen. 
— Wir zogen beide über's Meer 
Und beide nach der Wildniß Gründen, 
Zusammen kamen wir hierher 
Und halfen San Antonio gründen. 
— Und immer hat er mir genützt, 
Als Waffe selbst oft in Gefahren, 
Wie einst den Jüngling, jetzund stützt 
Den Greis er noch, gebeugt von Jahren, 
— Der Stock und ich, wir wurden Ein's; 
Ein jedes Kind kann hier mich nennen. 
Doch ohne ihn würd' morgen kein's 
Den alten Tom wohl mehr erkennen. 
— Drum will ich auch, daß man beim End' 
Zu mir in's Grab den Stecken thue. 
Ich glaube sonst — bei Gott —, ich feint)' 
Im Grabe nicht die rechte Ruhe. 
— Sie kennen nun, mein Freund, den Grund, 
Weshalb des Stocks so treu ich hüte; 
Er mahnt mich an die Jugend, .... und, 
Daß Menschenglück gleich Weißdornblüthe." 
Guatemala bett 29. November 1893. 
IUchard Jordan. 
H~aH~
        

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