Volltext: Hessenland (8.1894)

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gottvergessenen und sich alles erlaubenden Zeit 
solgte auch sie, und ihr Leben ist voll der selt 
samsten und anstößigsten Anekdoten und Abenteuer. 
Dennoch trat auch in dies leichtsinnige und zer 
rüttete Leben einst das Mene Mene Tekel, die 
Ahnung des Todes, mitten hinein und begleitete 
dasselbe, bis sich die Ahnung erfüllt hatte. Während 
sie, in den ersten Jahren des Jahrhunderts, sich 
in Warschau aushielt, träumte ihr einst, ein fremder 
Mann komme zu ihr in eine kleine Kammer, die 
sie gleichfalls nie gesehen hatte; der Fremde bringt 
ihr einen Becher und sagt, sie solle trinken; sie 
verweigerte es mit dem Bemerken, sie habe keinen 
Durst. Aber der Fremde wiederholte, sie solle 
trinken, es sei dies der letzte Trunk, den sie in 
ihrem Leben trinken würde. Darauf erwachte sie, 
aber Gestalt und Gesichtszüge des Fremden, sowie 
das Aussehen des Zimmers hatten sich ihr unaus 
löschlich eingeprägt, itnb öfters erzählte sie diese 
sie niemals wieder verlassende Todesahnung theils 
ihren Leuten, theils Anderen, zuweilen mitten in 
dem Strudel der sinnlichen Lüste ihrer Zeit und 
ihres Lebens. Als sie im Oktober 1721 nach 
Paris kam, wohnte sie in einem Gasthanse, und 
ließ, als sie sich übel befand, einen Arzt rufen. 
Als derselbe, Dr. Helvetius, kam, erstaunte sie, 
sah ihn starr an und sich darauf in ihrem Zimmer- 
rings umher um. Ihr Begleiter, Graf Schlieben, 
fragte sie, was ihr wäre, daß sie sich so verwunderte. 
,Herr Helvetius', antwortete sie, ,ist eben derselbe 
Mann, welchen ich in Warschau einst im Traum 
gesehen habe und welcher mir den letzten Trunk 
reichen wird; doch', fuhr sie mit Lachen fort, ,cm 
dieser Krankheit werde ich noch nicht sterben, denn 
dies ist das Zimmer nicht, in welchem ich mich 
damals im Traum befunden habe.' Einige Monate 
später wurde ihr eine Wohnung in einem Kloster 
gemiethet, ohne daß sie dieselbe zuvor gesehen hatte. 
Kaum betrat sie aber ihr Schlafzimmer daselbst, 
als sie zu ihren Leuten sagte: ,Aus dieser Kammer 
werde ich nicht lebendig kommen, denn dies ist 
dieselbe, die ich vor Jahren in Polen im Traum 
gesehen habe.' Damals war sie jedoch, wenngleich 
sehr stark und schwer, vollkommen gesund. Ein 
leichtes Zahnweh veranlaßte sie am 16. Februar 1722 
sich einen Zahn ausnehmen zu lassen; es solgte 
ein unbedeutendes Zahngeschwür und Fieber, worauf 
man zur Ader ließ, — und kaum war dies ge 
schehen, so gab sie, am 18. Februar 1722, den 
Geist auf, unerwartet für sie selbst wie für ihre 
Umgebung. Ihr Zimmer hatte sie nicht wieder 
verlassen, und Dr. Helvetius stand neben ihr und 
reichte ihr den letzten Trunk." 
Aus Hermath und Fremde. 
Wie die Kasseler Zeitungen berichten, ist nach 
längerer Unterbrechung seit dem 11. d. M. die 
Sammlung hessischer Münzen im Frie 
drichs-Museum zu Kassel wieder zugänglich. 
Den Freunden hessischer Geschichte, insbesondere 
aber den Münzkennern, wird die Sammlung 
manche Ueberraschung bereiten. Was seit Jahren 
uub Jahrzehnten in Schränken verschlossen ge 
ruht hat, ist zum ersten Male öffentlich aus 
gestellt, der alte Besitz ist durch zahlreiche neue 
Erwerbungen beträchtlich vermehrt worden, be 
kanntes Altes und unbekanntes Neues ist in 
chronologischer Folge übersichtlich geordnet dem 
Beschauer vorgelegt. Raummangel zwang zur 
Zurückhaltung der Hessen - Darmstädter Münzen. 
Sonst ist der ganze Besitz an hessischen Münzen 
und Medaillen ausgestellt, der hessischen Prägungen 
von Denaren der Sophie von Brabant bis zur 
Medaille aus die Jubelfeier der Oberrealschule zu 
Kassel, die Prägungen der Ziegenhainer, Henne 
berger, Hanauer, Schauenburger und Jsenbnrger 
Grafen, der geistlichen Stifte Fulda, Hersfeld re. 
Ein Stück deutscher Kulturgeschichte spiegelt sich 
in dieser Sammlung wieder, die in 2600 Stücken 
fast sieben Jahrhunderte umfaßt. 
Die st u d e n t i s ch e n Korporationen zil 
Marburg haben dem Rektor des vorigen Studien 
jahres, zeitigen Prorektor der Universität, Professor 
Dr. Max Bauer, welcher bekanntlich bei seinem 
Rücktritte vom Rektorate beit ihm von der Marburger 
Studentenschaft zugedachten Fackelzng ablehnte, 
nunmehr in Anerkennung seiner verdienstvolleil 
Führung des Rektorates eine Adresse überreicheil 
lassen, die, angefertigt vom Universitäts-Zeichenlehrer 
Schürmann, ein Meisterwerk der Zeichenkunst ge 
nannt zu werden verdient. Das Titelblatt hat 
folgende Inschrift: 
Adresse der Korporationen an der alma mater 
Phüippina. Dem Herrn Prorektor und Professor Dr. 
Max Bauer, Ritter rc. gewidmet und dargebracht im 
Wintersemester 1893/94. 
Der Text lautet: 
Hochzuverehrender Herr Prorektor! 
Sehr geehrter Herr Professor! 
Da es den Korporationen an der alma mater Philippina 
leider nicht möglich war, Ew. Hochwohlgeboren den Aus 
druck ihrer Dankbarkeit persönlich darbringen und durch 
einen Fackelzug die Verdienste, die Ew. Hochwohlgeboren 
während der Zeit Ihres Rektorates um die gesammte 
Marburger Studentenschaft unzweifelhaft erworben haben, 
ehren zu können, so bitten dieselben Ew. Hochwohlgeboren 
durch die Annahme dieser Adresse gütigst die Aeußerung 
des Dankes der unterzeichneten Korporationen entgegen 
nehmen und dadurch bethätigen zu wollen, daß, solange
        

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