Full text: Hessenland (8.1894)

wohnten in der Anstalt. Wiegrebe erregte bereits 
1819 Aufsehen durch Aufstellung einer Leuchtgas- 
Maschine, zu deren Besichtigung der Kurfürst 
Wilhelm I. im Kadettenhause erschien; später, als 
Chef des Generalstabes, wurde Wiegrebe berühmt 
durch seine topographische Aufnahme von Kurhessen, 
von Radowitz, welcher als Jüngling von seinem 
Vater aus dem Schlachtfeld von Leipzig, hülslos 
und verwundet, aufgefunden war, war kurhessischer 
Generalstabsoffizier und trat 1823 in den 
preußischen Militärdienst, wo er beim König 
Friedrich Wilhelm IV. wegen seiner bedeutenden 
geistigen Fähigkeiten in hoher Gnade stand. Nie 
meier war Schriftsteller und Herausgeber des 
„Boten von Kassel". Credo, Bereiter, später 
Stallmeister im kurfürstlichen Marstall, war ein 
hervorragender Reiter und hat bis kurz vor seinem,, 
1884, im 92. Lebensjahr erfolgten Tode Pferde 
dressirt. Er hatte in seinem langen Leben viel 
des Interessanten gesehen und war der Unterthan 
von fünf resp. sieben Regenten gewesen, nämlich 
von: Landgraf Wilhelm IX., Kurfürst Wilhelm I.; 
König Jowme voll Westfalen; Kurfürst Wilhelm II.; 
Kurfürst Friedrich Wilhelm; König Wilhelm von 
Preußen, Kaiser Wilhelm I. 
Die zwölf jungen Hessen, welche bei der Be 
gründung der Anstalt am 1. April 1815 kostenlos 
in dieselbe aufgenommen wurden, stauben im 
Alter voll 11 — 16 Jahren, ihre Namen waren: 
A. von Bardel.eben, E. von Borck, G. voll Esch- 
struth, von Ende, von Kaltenborn, F. von Knoblauch, 
C. voll Starck, E. voll Sodenstern, A. von Stock 
hausen, F. voll Trott, W. von Trott und von 
Uslar. Die ferner, bis zum Jahr 1821, auf 
genommenen Kadetten waren: F. von Apell, Gras 
von Bocholtz, Fr. Boedicker, E. von Cochenhansen, 
G. von Cochenhansen, E. voll Haynan, von Heister, 
von Koenitz, von Kutzlebell, voll Minnigerode I, 
von Minnigerode II, voll Motz, L. von Ochs, 
voll Reinhardt, C. von Schenk, von Sturmseder, 
L. von Spiegel-Peckelsheim, Schneider, von Wieder 
hold. 
Gegell Zahlung einer kleinen Pension wurden 
auch Ausländer in die Anstalt ausgenommen, was 
häufig der Fall war. Die Unisormirung war die 
des Fridericianischen Zeitalters. Beim Urlaub 
war das Tragen eigenen Anzugs gestattet. Das 
Kadettencorps hatte auch die Pagen zll stellen, 
lind war im Hofdienst deren Borgesetzter der Hof- 
kammerrath Knierim. Die Tracht der Leibpagen 
war roth, die der Livreepagen blau, reich mit 
Silber gestickt, kleidsam uub elegant. Sonnabends 
und Sonntags durften die Pagen das Hostheater 
befilchen, wo ihnen eine Loge reservirt war. Bon 
52 — 
1818 an traten alljährlich nach bestandenem Examell 
drei bis fünf Kadetteil als Secondlieutenants in 
die Armee. 
H. v. U. 
Laufen. 
Ein wahres Geschichtlein von Friedrich Hang. 
Anllo fllnszehnhundert vier und dreißig 
Arbeitete Landgraf von Hessen fleißig. 
Den Herzog Ulrich von Württemberg, 
Lang seiner Gewohnheit Augenmerk, 
Nach rebellischem Widerstände 
Nun einzusetzen in seine Lande, 
Und sandte keine geringe Zahl 
Fußgänger voraus, die überall 
Den Feind verjagtell. Ein Bot' erschien. 
Sie führten zu Hessens Landgraf ihn. 
„Wo sind die Feindet", ries lenkend den Haufen 
Der Landgraf, und jener sprach: tu Laufen. 
Das ist ein Städtlein am Neckarstrand, 
Alls welchem der Feind im Hui verschwand. 
„Hört", sprach der Landgraf, „ihr meine Krieger! 
Die beste Vorbedeutung für Sieger! 
Die Feinde sind im Lausen". Sein Zug 
Verfolgte die Flüchtigen, drängt' uub schlug 
Die zerstreuten Widersacher im Flug. 
Und so vollführt im Hui wie begonnell 
' Ward durch einWortspieldas Land gewonnen. 
K. S. 
Todesahnung. A. F. C. Vilmar erzählt in 
seiner „Hessischen Chronik" aus dem Lebell der am 
18. Februar 1722 zu Paris im Alter von 43 Jahren 
verstorbellell F ü r st i n Charlotte Amalie 
R a g o c z y, geborenen P r inz e s s i n z u 
H e s s e n - W a n s r i e d, folgende Historie: 
„Bor etwa 100 bis 200 Jahrhundert wurde 
in beu fürstlichen Kreisen von den Personen des 
Hauses Hessen ganz ernstlich geglaubt uub behauptet, 
sie hätten die Gabe, in die Zukunft zu schauen, 
Träume und Geister zll sehen. Es mag daran 
gewesen sein, was da will schwerlich sehr viel —, 
mit einer Person aus diesem Hause hatte es jedoch 
seine Richtigkeit. Charlotte Amalie, älteste Tochter 
zweiter Ehe des Landgrafen Karl voll Hessen- 
Rheinfels zu Wanfried, wurde in ihrem 16. Lebens 
jahre, am 25. September 1694, mit dem Fürsten 
Franz Ragoczy auö Siebenbürgen, dem welt 
bekannten ungarischen Revolutionshaupte, in Köln 
vermählt und hielt sich mit ihm in Folge seiner 
Abenteuer uub Schicksale an verschiedenen Höfen, 
meist an dem polnischen zu Warschau uub an dem 
russischen zll Petersburg, auf. Dem Strome einer
        

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