Full text: Hessenland (8.1894)

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Im Frühjahr siedelte dann die jüngere Linie 
Münikerode nach dem gleichnamigen Gute über. 
Jlsabe, welche sich vom ersten Augenblick an der 
Kinder angenommen hatte und die das Gedeihen 
der Kleinen mit freudigem Stolz erfüllte, zog 
mit den jungen Herrschaften, denen sie sich als 
treue Dienerin mit Leib und Seele verpflichtet 
fühlte. 
In Welsen grünte und blühte alles der neuen 
Herrin entgegen. Jni Mai holte sich Tankmar 
sein Glück. Aber er wollte es zunächst ganz für 
sich allein besitzen. Das junge Paar reiste mit 
eigenen Pferden und Wage» in die Schweiz, sie 
hatten ja Beide noch gar wenig von der Herrlich 
keit der Gvtteswelt gesehen. Einer sah mit des 
Anderen Auge» voll Entzücken die großartigen 
Schönheiten dieser Gebirgswelt. — Schließlich 
überkam die Reisenden aber doch die Sehnsucht 
nach dem eigenen Dach, unter welchem Großmutter 
Münikerode die jungen Eheleute voll Ungeduld 
erwartete. 
Während in Welsen die Schwiegertochter der 
alten Frau alle mühselige Arbeit aus der Hand 
nahm und dem Hauswesen neues förderliches 
Gedeihen verlieh, lebten die Münikeroder, ohne 
irgend welche Rücksicht auf die Wirthschaft, nur 
ihrem Vergnügen. Im Sommer in der schönen 
Wald- und Berggegend herumzukutschiren, Besuche 
zu machen und zu empfangen, das söhnte selbst 
Alice mit dem unvermeidlichen Landleben aus. 
Tankmar schüttelte den Kopf, und der alte In 
spektor rang die Hände, aber Niemand hatte den 
Muth, einzugreifen. 
Die Zwillinge, welche Edith und Elisabeth 
getauft waren, zählten zwei Jahre und babbelten 
schon allerliebst deutsch und englisch durcheinander, 
als sie für einige Zeit nach Welsen in Tante 
Agnesens Obhut gegeben wurden. Sie fühlten sich 
dort sehr wohl, denn Großmama und Tante 
beschäftigten sich den ganzen Tag mit ihnen, 
während sie zu Hause meist auf Jlsabe's Gesell 
schaft angewiesen waren. Eben trippelteil die 
kleinen Dinger, immerfort plaudernd, an der 
Muhme Hand über den Hof, um den Tauben 
Futter zu streuen, als Eckebrecht auf schaum 
bedeckten Rosse in das Thor gesprengt kam. 
Schon von Weitem schwenkte er seine Mütze und 
rief der ihm entgegen Eilenden vom Pferde 
herab zu: „Hurrah, ein Knabe, ein Erbherr 
von Münikerode." Thränen liefen ihm über die 
gebräunten Wangen, als er seine Kinder aufhob 
und küßte und ihnen in jenem unwiederholbarem 
Gekose von dem neuen Brüderchen erzählte. 
Dann ging's ' in's Haus, der Mutter und 
dem Bruder die Freudenbotschaft zu verkünden. 
Tankmar ließ eine Flasche alten Weines herauf 
holen. „Komm, Bruder," sagte er, „wir wollen 
ans das Wohl des kleinen Stammhalters trinken, 
es wird Dir wohlthun nach dem angestrengten 
Ritt. Wenn ich Anlage zum Neid hätte, wahrlich, 
heute könnte ich ihm Raum geben." 
Agnese war herangetreten, sie legte ihren Arm 
um des Gatten Schulter und sagte leise, zu ihni 
geneigt: „Ich dächte, Du beschiedest Dich mit 
dem Glück, das uns zu Theil geworden ist." 
„Du hast Recht, ein Kind inüßte mir einen 
Theil dessen nehmen, was jetzt ganz und aus 
schließlich mein Eigen ist." 
Sie sprachen Dies und Jenes. Eckebrecht 
äußerte die besten Vorsätze. Er wollte seine Ver 
hältnisse ordnen.und sein Leben der Nothwendig 
keit anpassen. Daß es so nicht weiter gehen 
konnte, hatte er längst eingesehen, aber es fehlte 
ihni die Energie, gründlich dnrchzugreisen. Jetzt 
sollte das anders werden. 
„Ich glaube, daß es Dir rechter Ernst ist," 
erwiderte Tankmar, „aber Deine Frau wird 
Dir das Gegenspiel halten, und Du ihr wie stets 
um des lieben Friedens willen nachgeben, auch 
wenn Du mit offenen Augen dem Ruin entgegen 
gehst." 
„Nun, so schlimm ist es doch noch nicht," 
unterbrach ihn Eckebrecht. „Schmähe Alice nicht, 
heute nicht, wo sie ein so großes Glück in mein 
Haus gebracht hat. Sie wird es einsehen, daß 
sie für unseren Sohn sparen muß. Lieber 
Tankmar, wir wollten Dich bitten, dem kleinen 
Mann Deinen Namen zu geben. Der älteste in 
der Familie hat ihn allemal getragen, und wenn 
die dritte Ader, wie man sagt, nach dem Gevatter 
schlügt, ist das eine gute Aussicht für unser Kind, 
ein Gegengewicht gegen das, was es von Vater 
und Mutter erbt." 
„Halt!" rief Agnese lachend, „Du wirst Tankmar 
mit Deinen Schmeichelreden noch ganz eitel machen. 
Da wir nun aber als Mann und Frau eins 
sind, nehmen wir mit einander die Pathenstelle an." 
lFortsetzung folgt.)
	        

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