Full text: Hessenland (8.1894)

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zu schließen —, nicht als ob die Stiefmutter ihr 
sympathischer erschienen wäre, sondern weil die 
Trennung sie auch dem Vater entfremdete, zu dem 
sie stets mit Liebe und Ehrfurcht aufgeblickt hatte. 
Frau von Loßberg ging aus die Aussöhnung mit 
vollster Bereitwilligkeit ein, das heißt, sie vermied 
jede Andeutung einer Mißhelligkeit; die bräutliche 
Tochter ward im Vaterhause mit offenen Armen 
und allen ihr zustehenden Empfangsfeierlichkeiten 
aufgenommen. 
Frau von Loßberg war keine kleinliche Natur, 
die Haupttriebfeder ihres Handelns bildete der 
Ehrgeiz. Ihr Gatte diente ihr als Staffel, auf 
welcher sie bereits zu der höchsten Stellung am 
Hofe herangeklommen war. Als Wirklichem 
Geheimen Rath stand ihni die „Excellenz" zu. 
Seine Gemahlin nahm einen Platz bei Hofe ein, 
von dem sie auf inanches ohne Puder ergraute 
Haupt herabblicken durfte. 
Stellte Agnefe Vergleiche an zwischen den beiden 
schönen Frauen, denen sie so ganz wider Willen 
nahegetreten war, so neigte sich das Zünglein der 
Waage doch bedeutend nach Aurora's Seite herab. 
Das Streberthum ihrer Stiefmutter erschien ihr 
weit erträglicher als die launenhafte Liebens 
würdigkeit Alicens, welche stets auf Triumphe 
ihrer Eitelkeit bedacht war. Vielfach durch die 
Huldigungen der Männer verwöhnt, fand sie es 
nur natürlich, ihren Gatten zugleich als obersten 
Sklaven zu betrachten. Daß Eckebrecht sich diese 
Behandlung widerstandslos gefallen ließ, empörte 
Agnesens Rechtsgefühl bis zum Ingrimm. Des 
Obersten ebenfalls scharf ausgeprägter Egoismus 
erblickte im Lobe der Schönheit seiner Frau ein 
billiges Mittel zur Versöhnung, wenn diese ihm 
wegen kleiner Rücksichtslosigkeiten schmollte. 
Daß Niemand ahnte, welche bittere Enttäuschung 
Agnese erfahren hatte, erleichterte es ihr in ge 
wisser Weise, den Schmerz über diese Niederlage 
muthig zu bekänipfen. Sie hätte sich selbst ver 
achten müssen, wenn sie auch nur in Gedanken 
eine Untreue gegen Tankmar begangen hätte. 
Daß der Eckebrecht der Wirklichkeit vielfach von 
dem idealen Wesen ihrer Phantasie abwich, be 
wirkte eine allmälige Wandlung in ihren 
Gefühlen zu Gunsten Tankmar's. Jetzt, als feine 
Braut, vermeinte sie erst seinen vollen Werth zu 
erkennen. 
In der That, wenn Agnese die Männer mit 
einander verglich, mit denen sie verkehrte, so fand 
sie keinen, den eigenen Vater nicht ausgenommen, 
zu dem sie in gleicher Weise mit vollem Vertrauen 
und aufrichtiger Hochachtung aufblicken konnte. 
Des Barons reichem Wissen verband sich eine 
seltene Herzensgüte und Lauterkeit des Gemüthes. 
Inzwischen ward zu Welse» im Familienrathe 
beschlvssen, Eckebrecht solle seine» Abschied nehmen 
und das Gut Münikervde bewirthschaften. Damals 
hielt man eine Vorbildung zum Landwirth ebenso 
erläßlich als die Ausbildung der Frau zur 
Führung des Hauswesens. Der Boden brachte 
die Haushaltsbedürfnisse aus, und man glaubte 
dieselben am Vortheilhafteste» iin eigenen Ver 
brauch auszunützen. Zudem war der Oberst des 
Militärdienstes im Frieden gründlich überdrüssig 
und diesmal taub gegen die Bitten der schönen 
Frau. Alice weinte denn auch einen ganzen Tag, 
und als sie sich endlich bewegen ließ, mit hinaus 
zu fahren nach der Burg Münikervde, fand sie 
alles dort „shocking“. 
„Hätte ich es geahnt, daß Du mich hier iu 
dem Felsennest einsperren willst, wäre ich lieber 
in Amerika geblieben oder allein nach England 
zurückgekehrt." 
Der Baron suchte ihr zu beweisen, daß sie iu 
Münikervde eine angenehme Gutsnachbarschaft 
fänden und er alles aufbieten wolle, dies „Nest" 
behaglich einzurichten. Als indessen seine Gattin 
eigensinnig auf ihrer Mißachtung aller Vorschläge 
beharrte, da schwoll auch ihm die Zornesader 
und gereizt entgegnete er ihr: 
„Wenn es Dir hier nicht gefüllt und ich nur 
gut genug war, Dich aus Deiner hülslosen, ver 
lassenen Lage zu reißen, so gehe doch zu Deinen 
liebevollen vornehmen Verwandten in England. 
Damals wollten sie freilich nichts von Dir wisse», 
weil ihnen Deine ganze Feldzugs-Escapade nicht 
anstand. Ich halte Dich nicht." 
Es war ein fast haßerfüllter Blick, den die 
Frau auf ihren Mann richtete, er aber kehrte 
ihr den Rücken und blickte unverwandt in 
das auch im winterlichen Schmuck anmuthige 
Thal, auf welches die bleigefaßten Scheiben des 
Erkerstübchens den Ausblick boten. O, wie anders 
hatte er sich's dereinst gedacht, in sein Haus 
einzuziehen! 
In der Nacht nach dieser stürmischen Unter 
redung gab Alice zu Welsen Zwillingstöchtern 
das Leben. In die für alle Theile unerquickliche 
Stimmung der letzten Zeit brachten die kleinen 
Wesen einen Strahl von Glück und Hoffnung. 
Als Frau von Münikervde ihrem Sohne aus 
jeden Arm eines der winzigen kleinen Geschöpfe 
legte, ward es dem Kriegsmanne gar weich um's 
Herz. Dies waren seine Kinder, und er gelobte 
sich, der Mutter fortan mit Liebe und Nachsicht 
zu begegnen. 
„Nun wird schon alles gut werden", vermeinte 
auch die Großmutter. „Alice wird Befriedigung 
iu ihren mütterlichen Pflichten finden."
        

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