Full text: Hessenland (8.1894)

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ich's verschweigen, daß ich sie damals glühend 
verehrte, jedoch so, daß keinen von uns beiden 
ein Vorwurf trifft. Ich wollte vergessen, und 
ich vergaß! Es kam endlich der Friede, mein 
Sinnen und Trachten flog der Heimath zu. 
Schon war alles zu unserer Einschiffung bereit, 
als im letzten Augenblicke ein anderes Regiment 
vorgeschoben wurde. In diese unwillkommene 
Wartezeit fällt mein Wiedersehen mit Alice. Ihr 
Mann war in den Kämpfen des Südens gefallen, 
sie flüchtete zu mir in dem vollen Vertrauen aus 
die Beständigkeit meiner einst unberechtigten Ge 
fühle. In ihrer grenzenlosen Verlassenheit, allein 
im fremden Lande, klammerte sie sich an den 
Schlitz des Freundes, auf dessen Dankbarkeit sie 
ein Anrecht hatte. Als Mann von. Ehre, als 
Kavalier glaubte ich nicht anders zu können, als 
der in ihrer Hülflosigkeit doppelt schönen Frau 
möglichst bald den gesetzlichen Schirm meines 
Namens zu geben. Ihr werdet sie lieben, meine 
Alice, ich biil dessen gewiß." 
Die zuckenden Lippen der Gefährtin schienen 
eine bittere Aeußerung zurückzuhalten. „Ich will 
für Dich sprechen," sagte sie, sich erhebend, „folge 
mir langsam bis zur Terrasse." 
Sie schritt vor ihm her mit der stolzen Haltung 
einer Siegerin, plötzlich hemmte sie den Schritt, 
um zil fragen: ob Christian mit ihm gekommen sei. 
„Der arme Schelm", erwiderte der Offizier, 
„schläft in frcinder Erde, ein Fieber hat ihn fort 
gerafft. Ich habe ihn gepflegt wie einen Bruder, 
aber gegen den Tod ist kein Kraut gewachsen." 
„Arme Jlsabe!" seufzte Agnese. Ohne ein 
weiteres Wort zu verlieren, schlug sie einen 
Seitenpfad ein, der sie rascher zum Ziele führte. 
Sie achtete es nicht, daß Dornen und Disteln 
ihr Kleid und ihre Hände ritzten und der Fuß 
auf dem unebenen Boden strauchelte. Es schien 
ihr ein Abbild des Lebensweges, der nun vor ihr 
lag, und den sie auch unbeirrt, mit Gottes Hülse, 
gehen wollte. 
Frau von Münikerode hatte ihre Enkelin 
bereits vermißt, in dem Gartenzimmer, dessen 
offene Thür auf die Terrasse mündete, kam sie 
ihr entgegen. Agnese schlang beide Arme um den 
Hals der überraschten alten Frau und barg das 
glühende Antlitz an ihrer Schulter. 
„Großmama," flüsterte sie „dies ist ein Freuden 
tag für Dich, er schenkt Dir zwei Töchter auf 
einmal. Eckebrecht bringt eine schöne, geliebte 
Gattin heim, für die er Deinen Segen erfleht. 
Tankmar aber soll nicht traurig bei Seite stehen, 
ich will sein treues Werben erhören. Du darfst 
es ihm sagen." 
Der Baronin versagten die Füße den Dienst, 
die Wucht dieser Neuigkeiten erdrückte sie fast. 
Das Mädchen führte sie zu einem Sessel, kniete 
neben ihr nieder und erzählte mit beredten Worten 
alles, was zu des Onkels Rechtfertigung dienen 
konnte. 
Während sie sprach, trat, von den Frauen 
unbemerkt, Tankmar ein. Der stumme Zeuge 
ihrer Unterredung horchte hoch auf, als er ver 
nahm mit welchem Eifer Agnese der unbekannten 
Frau seines Bruders das Wort redete. Sein 
Herz begann in neuer Hoffnung zu schlagen, wie 
freudig wollte er den Heimgekehrten begrüßen, 
wenn dieser nicht zwischen ihm und seiner Liebe 
stand. 
Den Sturm der verschiedenartigen Gefühle und 
Erwägungen unterbrach Eckebrecht's Erscheinen. 
Agnese entwich alsbald, die drei durch engste 
Bande des Blutes verknüpften Menscben sich selbst 
überlassend. Sie lenkte ihre Schritte in die 
Arbeitsräume des Hauses. Einen Augenblick 
zögernd, öffnete sie die schwere eichene Thür 
der Gesindestube, wo sie Jlsabe allein, mit 
einer Näharbeit beschäftigt, antraf. Hier in 
der Abgeschlossenheit weinten zu dieser Stunde die 
beiden Mädchen ihre bitteren Thränen in schmerz 
licher Umarmung, obwohl eine solche Gemeinschaft 
gegen alles Herkommen arg verstieß. Welche von 
ihnen den erlittenen Verlust am schmerzlichsten 
empfand, wer mag es ermessen! Jlsabe genoß 
das Vorrecht, ihren Gram nicht verbergen zu 
müssen, sie sah sich als ein Vermächtniß Christian's 
an und widmete fortan ihre treuen Dienste seinem 
geliebten Herrn. 
Alle Hände, die sich rühren konnten, mußten 
an diesem Nachmittage zugreifen, um Frau Alice 
von Münikerode einen würdigen Empfang zu 
bereiten. Ihr Gatte hatte sie ruhebedürftig in 
Olsberg zurückgelassen. Jetzt legte der alte 
Kutscher das beste Geschirr auf die vier wohl 
genährten Braunen, um die „junge Gnädige" 
einzuholen. — 
Agnese und Jlsabe rüsteten die Fremdenkammer, 
doch mochte es kein gutes Omen sein, daß 
Thränen verlorener Liebe niederfielen auf die 
blendend weißen Linnen, welche die Mädchen über 
die aufgebauschten Federbetten schlichteten. 
VII. 
Auf Herrn von Loßberg's Wunsch brachte 
Agnese ihren Brautstand im Elternhause zu. 
Diese Aufforderung befreite das junge Mädchen 
nicht allein aus der peinlichen Lage, welche fremdes 
und eigenes Verschulden ihr in Welsen bereitet 
hatten, sie kam auch dem längst gehegten Ver 
langen entgegen, ihren Frieden mit den Eltern
        

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