Full text: Hessenland (8.1894)

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und ebensoviel Assessoren mit und ohne Stimme 
machen die eigentliche Regierung ans. Sie ist 
in drei Senate getheilt; der erste hat die Hoheits-, 
Kirchen-, Lehen-, peinliche und Vormundschasts- 
sachen, die beiden anderen theilen sich in alle 
Justiz und Prozesse betreffenden Sachen. Da 
das Konsistorium mit ihr verbunden ist, so ist 
jeder Regierungsrath auch Konsistorialrath, doch 
sitzen noch dabei drei geistliche Konsistorialräthe 
und ein Syndikus. Wenn die Regierung Lehen 
sachen besorgt, die ihr alle aufgetragen sind, so 
ist sie der eigentliche Lehenhof, und an einem der 
Verhandlung vormundschaftlicher Sachen gewid 
meten Tage in eben benfetben Mitgliedern das 
Pupillenkollegium. Die Anzahl der in Kassel 
sich aufhaltenden Sachwalter, die an diesem 
Kollegia Regierungsadvokaten und Prokuratoren 
und nach einem alten Herkommen, ohne daß sie 
nothwendig graduirt sein müssen, im gemeinen 
Leben Licentiaten genannt werden, ist nach dem 
Verhältniß der Geschäfte und dieser Pflanzschule 
künftiger Jnstizbeamten nicht so stark wie ander 
wärts, doch haben noch die Untergerichte ihre 
eigenen Advokaten. 
„Seit dem Jahre 1760 hat Kassel ein aus 
Generalspersonen und Räthen bestehendes Kriegs 
kollegium, welches die Besorgung des Militär 
wesens und die Gerichtsbarkeit über alle Per 
sonen hat, die dazu gehören, doch so, daß seine 
Aussprüche dem Oberappellationsgerichte unter 
worfen sind. Das, was Militärökonomie im 
Großen und Kleinen betrifft, so ist dasselbe unter 
einem Generalkriegskommisiare, der ein General 
lieutenant und geheimer Staatsminister ist, einem 
Generalkriegskommissariat, sogenanntem Kriegs 
pfennigamt, und einer Kommission untergeben, 
welche letztere die Rekrutirung, Remontirnng und 
Montirnng durch jenen, einen General von dem 
Fußvolk und einen von der Reiterei besorgt. 
Dieses provisorische Kriegsdepartement hat jetzt 
auf der Oberneustadt das Gebäude, in welchem 
sonst sich das nunmehr zum Wohle des Staats 
abgeschaffte Lotto befand. 
„Ein besonderes Kommerzkollegium sorgt in 
Kassel für alles, was dem Handel in Stadt und 
Land, dessen Beförderung, auch Manufakturen 
und Fabriken betrifft, entscheidet alle dahin ein 
schlagenden Streitigkeiten und spricht nach dem 
Frankfurter Wechselrecht; doch wird in Sachen, 
die 200 Thaler übersteigen, an das Ober 
appellationsgericht gegangen. Es besteht seit 
1763, hat einen Präsidenten und außer gelehrten 
Räthen von anderen Kollegien Kaufleute als 
eigentliche Kommerzräthe, Assessoren und Kom 
missarien. Gegenwärtig beschäftigt es sich unter 
anderem mit Beförderung des Seidenbaues durch 
das ganze Land hin. Der Absicht dieses Kom 
merzkollegiums entspricht es sehr, daß sogenannte 
Kommerzdeputationen in anderen beträchtlichen 
Städten Hessens als solche mit ihm in Verbin 
dung stehen; die Mitglieder derselben haben im 
Kasselffchen Kollegium Sitz und Stimme, sobald 
sie in die Hauptstadt kommen. Nach dem weisen 
Grundsätze der jetzigen Negierung, nach welchem 
der Landgraf Manufakturen und Fabriken lieber 
anderen überläßt als selbst betreibt und durch 
Aufhebung manches schädlichen Licents seinem 
bisherigen doch nur vermeintlichen Interesse 
entsagt, läßt sich von dergleichen Anstalten etwas 
versprechen. In ben beiden seit 1763 angelegten 
Messen der Oberneustadt hält dieses Kollegium 
zur Entscheidung laufender Händel täglich 
Sitzungen; der künftige Flor beider hängt nun 
freilich noch vom Landeskommerz selbst ab; gegen 
die Einrichtung, auch die Lage der Stadt in 
Rücksicht auf Messen läßt sich übrigens nichts 
sagen. Die Anstalten für die Kaufleute beson 
ders, wozu noch ein wohleingerichtetes Meßhaus 
gehört, sind sehr zweckmäßig. 
(Fortsetzung folgt.) 
Vas hessische Postwesen unter Landgraf Wilhelm IX., 
nachherigem Kurfürsten Wilhelm I. 
Von Schwalm in Marburg. 
'Wie Kaiser des heiligen römischen Reiches 
Wf deutscher Nation hatten anfänglich einen 
Botendienst eingerichtet, um ihre Briefe und 
Befehle nach den entfernt gelegenen Provinzen 
tragen zu lassen und Nachrichten von dort her 
zu empfangen. Von Kaiser Friedrich III. 
(1440—1493) wurden diese Botenposten erweitert, 
und tritt hierbei zuerst ein italienischer Edel 
mann: Roger von Tassis, als Vermittler 
ein, indem der Kaiser mit ihm, wahrscheinlich 
im Jahr 1451, einen Vertrag abschließt. Dann 
war es Maximilian I. (1493—1519), der 
einst in verzweifelte Klagen ausbrach, daß er 
nicht an allen Orten seines Reiches zugleich
        

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