Full text: Hessenland (8.1894)

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königlich dänische Prinzessin, hat einen Oberhof 
meister, einen Kammerherrn und drei Hofdamen; 
der Erbprinz einen adeligen Hofmeister mit Ge 
heimrathsrang ; die Prinzessinnen eine Ober 
hofmeisterin; und die Kammer- und Hofjunker 
der obigen haben bei ihnen abwechselnd die Auf 
wartung. Der Leib-, Jagd- und Livreepagen 
sind gemeiniglich gegen zwanzig. Sie machen 
jedoch in ihrer eignen Pagenverfassung für den 
Dienst bei Hof einen Theil des Kadettencorps 
aus. Indessen legen sich doch einige derselben 
von Zeit zu Zeit aus die Studien. Das Hof 
marschallamt und das nunmehrige Oberhofgericht 
halten ihre Sitzungen in einem dem Schlosse 
gegenüber zur Apotheke zugleich erbauten neuen 
Hause. Wegen des Hofhanshaltes hat bei jenem 
ein adeliger Kriegs- und Domänenrath, wegen 
der Rechtssachen haben bei diesein zwei Regierungs 
räthe und ein gelehrter Hchgerichtsrath, auch 
Assessor, Sitz und Stimme. Der Marstall hat 
einen Oberstallmeister und adeligen Stallmeister. 
Noch ist ein Ueberrest vom Falkonierwesen unter 
einem Oberfalkenmeister da; diese Jagd selbst 
findet in der Ebene von Wabern unb dem 
mainzischen Fritzlar statt, wo die Flüsse Schwalm 
und Edder die desfalls in Wäldchen gehegten 
Reiher hinziehen. Der Antheil des thätigen und 
immer beschäftigten Landgrafen daran ist gering; 
eine Parforcejagd ist gar nicht mehr vorhanden. 
Der Hof hat alle Künstler, welche Nothwendigkeit 
und Geschmack erfordern, und von Handwerks 
meistern die besten. Kassel, wo die Fürsten von 
jeher bauten, hat sie so vollkommen, als Paris 
sie nur haben kann. Der hessische Handwerks- 
hursche, der auf Hofarbeit rechnet, reist gern nach 
Frankreich und England. Es ist ein Vortheil 
für den Staat, wenn man sie reisen läßt, lind 
eine Akademie der bildenden Künste, wenn sie 
auch, wie sie doch thut, keine Maler, Bildhauer 
und Baumeister erzog, bildet als Zeichenschule sie 
für schönen Geschmack. 
„Der Hoshaushalt ist anständig, aber nicht 
verschwenderisch. Seine Vergnügungen sind die 
gewöhnlichen, deren ein Hof nicht ganz entbehren 
kann, auch der Kassel'sche nicht, weil Kassel 
größtentheils und noch ohne ein ausgezeichnetes 
Kommerz nur das hat, was der Fürst an seinem 
Hof und durch Bezahlung seiner Dienerschaft 
und seines Kriegsstaats ausgiebt. Uebrigens ist 
Wilhelm's IX. Hof ein deutscher durch seiner 
fürstlichen Herrschaften Denkungsart, durch seinen 
Adel, Sitten und Gebräuche. Die deutsch-fran 
zösischen Höfe hören im heiligen römischen Reiche 
aus, seit der Kaiser Joseph und die deutschen 
Fürsten nunmehr deutsch erzogen werden. Wenn 
die Gestalt der geistlichen Höfe hin und wieder 
zu kirchlich aussehen sollte, so haben vielleicht die 
protestantischen von der Größe des Kassel'schen 
ein allzu kriegerisches Aussehen. Dies ist der 
Unterschied der Höfe unserer Zeit und der von 
der Vorhälfte dieses Jahrhunderts. Daher erscheint 
denn auch der ganze Civilstaat nach und nach 
in Uniform. Der Kassel'sche hat Hof-, Jagd- 
und Uniformen der Kriegsbediensteten, die keine 
Offiziere sind. Die Mitglieder der Kollegien 
erscheinen iwch bis jetzt in einem ehrwürdigen 
Schwarz. Der Aufenthalt des jetzt regierenden 
Herrn für seine Person ist der Weißenstein, den 
er sicherlich zu einem der prächtigsten Sommer 
sitze umschafft. In den eigentlichen Winter- 
monaten ist's dgs Orangeriegebäude (?). Ob 
nun gleich der Hof eigentlich da ist, wo sich der 
Fürst aufhält, so ist derselbe doch im eigentlichen 
Verstände, was Cour, Tafel und andere hierher 
gehörige Dinge betrifft, im Residenzschloß der 
Stadt, dem es an keinen dazu nöthigen Zimmern 
und Sälen, auch für besuchende hohe Herrschaften, 
fehlt. 
„Von hohen Landeskollegien ist der Geheime 
rath , der unter jedesmaligem Vorsitze des Land 
grafen aus den geheimen Staatsministern 
besteht, das erste; die Sitzungen werden im 
Schlosse oder auf dem Weißenstein an festgesetzten 
Tagen gehalten, und eine geheime, eine Kriegs 
und Landkanzlei haben die Ausfertigung der 
genommenen Entschlüsse zu besorgen. Diese 
letzteren sind im sogenannten Renthof, wo sich 
eigentlich die höchsten Kollegien überhaupt befinden. 
„Der Minister, die zum Theil die Kriegs-, 
Justiz-, Finanz-, Stiftung, Post, auswärtige und 
andere sogenannte Departements innehaben, sind jetzt 
sieben, doch sind nur sechs gegenwärtig, da der eine 
fürstlich hessischer Komitialgesandter zu Regensburg 
ist. In Kassel sind königlich dänische, groß 
britannische und römisch-, auch russisch-kaiserliche 
Gesandte akkreditirt, die aber zum Theil nicht 
in Kassel wohnen, sondern nur zu gewissen Zeiten 
hinkommen. 
„In Kassel hat auch seinen Sitz das Ober- 
appellativnsgericht und zwar im Renthofe; 
gegenwärtig besteht es ans einem Präsidenten, 
vier Räthen, auch manchmal einem vdcr mehreren 
Auditoren. Was aber Kassel als Hessens Haupt 
stadt für das ganze Land vorzüglich wichtig 
macht, ist die fürstliche Regierung, weil sie im 
Namen des Landgrafen Landeshoheitsrechte und 
Justizsachen verwaltet, vor den übrigen Kollegien 
also die höchste ist. Ein Präsident, der geheimer 
Staatsminister ist, ein Vizepräsident, Vizekanzler, 
acht wirkliche Regierungsräthe, vier Justizräthe
        

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