Volltext: Hessenland (8.1894)

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Hessische Städte und hessisches Land vor hundert Jahren. 
ii. 
Die Haupt- und Residenzstadt Kaffel. 
Von F. Zw eng er. 
CA ls eine Hauptschöpfung des XVIII. Jahr- 
r\ Hunderts bezeichnet der Verfasser die Karlsaue. 
o V Mit begeisterten Worten schildert er dieselbe 
und citirt zum Schlüsse den Ausruf Klopstock's 
„Welch' schönen Gedanken hat hier Landgraf 
Karl in unseres lieben Herrgotts Schöpfung 
hineingeworfen!" Es wird dann des Friedrichs 
platzes und der Oberneustadt gedacht und nament 
lich die Umgebung der letzteren „als eine stolze 
Reihe von hängenden Gärten und Weinbergen, 
eine ganze Stadt von Gürten" hervorgehoben, 
wie auch der Verfasser nach Beschreibung der 
weiteren Umgebung und der Aussicht von dort 
aus sagt: „Ich wüßte nicht viele deutsche Städte, 
die von sich ans solchen Ausblick haben könnten!" 
In der Beschreibung heißt es weiter: „Außer 
dem ist Kassel von allen seinen Thoren aus nach 
den Landstraßen hin mit Alleen bepflanzt, die 
Gegend zwischen der Stadt und dem Weißensteine, 
die von einer Seite noch ein bloßer rauher, 
ziemlich unfruchtbarer Kalkberg ist, hat dergleichen 
durch den seligen Landgrafen erhalten, wie auch 
Wege nach und durch die umliegenden Dörfer- 
hin. Auch verschönert jetzt die Stadt selbst durch 
Pflanzungen diese Höhe, wo man sonst nur Kalk 
brannte." 
Ein Gebäude, das dem Verfasser besonders 
gefüllt, ist das Modellhaus: „Zu Kassels neuer 
Gestalt gehört ferner ein Haus, das meines 
Wissens Kassel vorzüglich eigen ist, ein sogenanntes 
Modellhaus. Das Gebäude selbst ist das ge 
meinste in seiner Art, liegt auch gleichsam zur 
Seite des Paradeplatzes versteckt; allein es ent 
hält alle die architektonischen Denkmale des 
schöpferischen und unternehmenden Baugeistes von 
Landgraf Karl. Das Modell vom Karlsberg mit 
allem, was er werden sollte, eine architektonische 
Epopee, dem Herkules gleichsam gewidmet, der 
auf dem wirklich ausgeführtem Hauptwerke, auf 
einer Pyramide von Kupfer und 31 Fuß hoch in 
den Wolken steht, alles am Modell im Verhältniß 
des Kleineren zum Berg im Großen. Außerdem 
wirklich in und um Kassel und in's Land hin 
gebaute und für seine fürstliche Nachkommenschaft 
hinterlassene Gedanken, — Städte, Gärten, 
Schlösser, Brücken. Wer mit diesen neuen Ideen 
den Anblick der alten, aus Korkholz nach der 
Natur verfertigten Ruinen des ehemaligen Roms 
im Museum verbindet, der traf Altes und Neues 
großer und schöner Baukunst, auch ohne die Ge 
bäude selbst zu sehen, vor sich." Ueber die Bilder 
galerie läßt sich der Autor nur in den folgenden 
wenigen Worten aus: „Ich führe die 1749 von 
Landgraf Wilhelm VIII. erbaute Bildergalerie 
nicht wegen des Gebäudes an, denn das ist noch 
unvollendet, sondern wegen der strengen Auswahl 
von Stücken der besten Meister, unb um dieser 
Auswahl willen kann sie den viel größeren 
Bildersammlungen anderer Städte an die Seite 
gestellt werden". 
In längerer Beschreibung verbreitet sich der 
Verfasser über das Opernhaus (Theater), die 
frauzösische Kirche, die Fayade des „französischen 
Rathhauses", das Posthaus und das Museum 
Fridericianum, über die er sich gleichfalls mit 
großer Anerkennung ansspricht. 
Der Verfasser geht nun zur Beschreibung des 
Hofstaates und der politischen Verfassung in 
Kassel über, die wir möglichst wörtlich wieder 
geben : 
„Das, was Kassels Verfassung als Hauptstadt 
für das Land und für sich selbst in Rücksicht 
auf Hof, Rechtspflege, Polizei, Kriegs-, kirchliche, 
Kommerz- und andere Verfassungen ist, folgt hier 
von dem Gesichtspunkte, daß die statistische Ge 
schichte einer solchen Hauptstadt zum Theil Schilde 
rung derjenigen vom Lande ist. Der Hofstaat in 
Kassel ist der Würde des Fürstenthums an 
gemessen. Er hat außer einem Oberkammerherrn 
und dieser eigentlich seit der Regierung des Land 
grafen Friedrich II. alle sogenannten Oberhof 
ämter; die Zahl von Kammerherren, Kammer- 
und Hofjunkern beträgt nicht über fünf. Die 
Gemahlin des Landgrafen, bekanntlich eine
        

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