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Hessische Städte und hessisches Land vor hundert Jahren.
ii.
Die Haupt- und Residenzstadt Kaffel.
Von F. Zw eng er.
CA ls eine Hauptschöpfung des XVIII. Jahr-
r\ Hunderts bezeichnet der Verfasser die Karlsaue.
o V Mit begeisterten Worten schildert er dieselbe
und citirt zum Schlüsse den Ausruf Klopstock's
„Welch' schönen Gedanken hat hier Landgraf
Karl in unseres lieben Herrgotts Schöpfung
hineingeworfen!" Es wird dann des Friedrichs
platzes und der Oberneustadt gedacht und nament
lich die Umgebung der letzteren „als eine stolze
Reihe von hängenden Gärten und Weinbergen,
eine ganze Stadt von Gürten" hervorgehoben,
wie auch der Verfasser nach Beschreibung der
weiteren Umgebung und der Aussicht von dort
aus sagt: „Ich wüßte nicht viele deutsche Städte,
die von sich ans solchen Ausblick haben könnten!"
In der Beschreibung heißt es weiter: „Außer
dem ist Kassel von allen seinen Thoren aus nach
den Landstraßen hin mit Alleen bepflanzt, die
Gegend zwischen der Stadt und dem Weißensteine,
die von einer Seite noch ein bloßer rauher,
ziemlich unfruchtbarer Kalkberg ist, hat dergleichen
durch den seligen Landgrafen erhalten, wie auch
Wege nach und durch die umliegenden Dörfer-
hin. Auch verschönert jetzt die Stadt selbst durch
Pflanzungen diese Höhe, wo man sonst nur Kalk
brannte."
Ein Gebäude, das dem Verfasser besonders
gefüllt, ist das Modellhaus: „Zu Kassels neuer
Gestalt gehört ferner ein Haus, das meines
Wissens Kassel vorzüglich eigen ist, ein sogenanntes
Modellhaus. Das Gebäude selbst ist das ge
meinste in seiner Art, liegt auch gleichsam zur
Seite des Paradeplatzes versteckt; allein es ent
hält alle die architektonischen Denkmale des
schöpferischen und unternehmenden Baugeistes von
Landgraf Karl. Das Modell vom Karlsberg mit
allem, was er werden sollte, eine architektonische
Epopee, dem Herkules gleichsam gewidmet, der
auf dem wirklich ausgeführtem Hauptwerke, auf
einer Pyramide von Kupfer und 31 Fuß hoch in
den Wolken steht, alles am Modell im Verhältniß
des Kleineren zum Berg im Großen. Außerdem
wirklich in und um Kassel und in's Land hin
gebaute und für seine fürstliche Nachkommenschaft
hinterlassene Gedanken, — Städte, Gärten,
Schlösser, Brücken. Wer mit diesen neuen Ideen
den Anblick der alten, aus Korkholz nach der
Natur verfertigten Ruinen des ehemaligen Roms
im Museum verbindet, der traf Altes und Neues
großer und schöner Baukunst, auch ohne die Ge
bäude selbst zu sehen, vor sich." Ueber die Bilder
galerie läßt sich der Autor nur in den folgenden
wenigen Worten aus: „Ich führe die 1749 von
Landgraf Wilhelm VIII. erbaute Bildergalerie
nicht wegen des Gebäudes an, denn das ist noch
unvollendet, sondern wegen der strengen Auswahl
von Stücken der besten Meister, unb um dieser
Auswahl willen kann sie den viel größeren
Bildersammlungen anderer Städte an die Seite
gestellt werden".
In längerer Beschreibung verbreitet sich der
Verfasser über das Opernhaus (Theater), die
frauzösische Kirche, die Fayade des „französischen
Rathhauses", das Posthaus und das Museum
Fridericianum, über die er sich gleichfalls mit
großer Anerkennung ansspricht.
Der Verfasser geht nun zur Beschreibung des
Hofstaates und der politischen Verfassung in
Kassel über, die wir möglichst wörtlich wieder
geben :
„Das, was Kassels Verfassung als Hauptstadt
für das Land und für sich selbst in Rücksicht
auf Hof, Rechtspflege, Polizei, Kriegs-, kirchliche,
Kommerz- und andere Verfassungen ist, folgt hier
von dem Gesichtspunkte, daß die statistische Ge
schichte einer solchen Hauptstadt zum Theil Schilde
rung derjenigen vom Lande ist. Der Hofstaat in
Kassel ist der Würde des Fürstenthums an
gemessen. Er hat außer einem Oberkammerherrn
und dieser eigentlich seit der Regierung des Land
grafen Friedrich II. alle sogenannten Oberhof
ämter; die Zahl von Kammerherren, Kammer-
und Hofjunkern beträgt nicht über fünf. Die
Gemahlin des Landgrafen, bekanntlich eine