Full text: Hessenland (8.1894)

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und ist hier verblieben bis zu seiner Pensioniruug- 
die am 17. September 1870 erfolgte. In dieser 
Stellung hat er über ein Menschenalter lang die 
volle Kraft seines. Lebens entfaltet und galt bald 
allgemein als die bedeutendste Lehrkraft der An 
stalt. In der That war er ein geborener Lehrer 
und fand in der hingebenden Ausübung seines 
ungewöhnlich hervorragenden Lehrtalentes diejenige 
tiefe Lebensfreude, die den alten Junggesellen sich 
selbst und seinen Schülern stets frisch erhielt und 
ihn so vor dem Fluche mechanischer Schulmeisterei, 
der inneren Verödung oder äußeren Verzopfung, 
schützte. So konnte es ihm auch an der Liebe und 
Verehrung der langen Reihe von Generationell 
seiner Schüler nicht fehlen, bereit Dankbarkeit in 
der nach seiner Pensionirung erfolgten Gründung 
einer „Flügel-Stiftung" und in der Feier seines 
80. Geburtstages (1887) auch öffentlich zu weithin 
vernehmbarem Ausdrucke gelangte. Der „alte 
Flügel", der außerhalb der Schule vor allem als 
ein eifriger Theaterbesucher und Kenner der Musik, 
namentlich derjenigen Mozarts, bekannt war, wird 
im Hessenlande und namentlich in der Stadt Kassel 
noch lange unvergessen bleiben. - Am 19. Januar 
verschied in seinem 94. Lebensjahre der letzte 
Kasseler Veteran der Freiheits-Kriege, 
Hosgärtner a. D. Wilhelm En bell, der, am 
8. Juni 1799 geboren, im Jahre 1813, 14*/2 
Jahre alt, im Corps der kurhessischen freiwilligen 
Jäger den Besreiungskamps mitmachte. 
Hessische Bücherschau. 
Vor Kurzem erschien in dem Verlag von 
Thienemann's Hofbuchhandlung (V. Schröder) in 
Gotha ein Bändchen „Gedichte" von Ernst 
Wolsgang Heß von Wichdorss. - Die tief 
wurzelnde, sehnsuchtsvolle Anhänglichkeit des Ver 
fassers an seine hessische Heimath, die ja auch den 
Grundton der meisten der Gedichte bildet, welche 
unsere Zeitschrift ihm zu verdanken hatte, kommt 
in dieser Sammlung an vielen Stellen warm zum 
Ausdruck und sichert ihr eine sympathische Auf 
nahme bei dem hessischen Leser. K. K. 
Von unserem verehrten Landsmann Johann 
Lew alter sind vor Kurzem im Verlag von 
Ries & Erler vier neue Lieder erschienen, die den 
Komponisten wiederum als geschickten, feinfühligen 
Interpreten seines Textes erkennen lassen. Seine 
Gabe, das Wort des Dichters zu musikalischem 
Ausdruck zu bringen, tritt wie ein Recensent in 
einem Kasseler Blatte schreibt, am vollendetsten zu 
Tage bei dem Geibel'schen Lied „Wenn sich zwei 
Herzen scheiden", für das er ergreifende Töne ge 
funden hat. Seine schlichte, dem Volksliede ver 
wandte Art musikalischer Empfindung weiß stets, ~ 
mag seine Weise ernst oder heiter sein , zu 
unserem Herzen zu sprechen. Vielleicht aber ist 
seine Begabung am ausgeprägtesten für die in 
Moll-Akkorden erklingende Sprache seelischen Leides; 
wenigstens erscheinen uns die dieser Gattung an 
gehörenden Kompositionen zu seinen besten zu ge 
hören, wie auch das zuletzt erschienene Lied: „So 
reißt sich eines los vom andern". Ein Gedicht 
desselben Verfassers Wilhelm Speck finden 
wir auch hier: „Vater, er ist hingegangen", die 
Klage des Mädchens um den verlorenen Geliebten. 
Dichter und Sänger ergänzen sich bei demselben 
auf's Glücklichste. Die trauliche Zwiesprache des 
Mädchens mit dem gefiederten Boten, dem sie 
Grüße an den fernen Friedl aufträgt, erzählt uns 
das niedliche Liedchen „Mädchen und Buchfink", 
das ebenfalls einen Hessen, den Sammler der 
Kasseler Kinderlieber, Gustav Eskuche, zum Ver 
fasser hat. Ein konventionelles Thema behandelt 
endlich in ansprechender Weise ein Wiegenlied von 
Karl Preser. 
Erklärung. 
In Nr. 24 des vorjährigen Jahrgangs des „Hessenlands", 
Seite 321, ist in der Besprechung des „Heßler'schen 
Sammelwerks: „SagenkranzausHessen-Nassau", 
zweite Auflage, unter anderem gesagt, daß die neue 
Auflage durch Ausscheiden unechter Sagen Vortheilhaft 
von ihrer Vorgängerin abstäche. Da dies Ausscheiden 
größten Theils Balladen betrifft, die meinem Merkchen: 
„Edderg 0 ld" einseitig entnommen wurden, — es machen 
dieselben den dritten Theil desselben und den zehnten Theil 
der ersten Auflage des Heßlerschen Sammelwerks aus —, 
finde ich mich durch die bezeichnete Bemerkung verletzt. 
Nicht Echtheit oder Unechtheit der Sagen, soweit sie meine 
Balladen betreffen, sind bei der Fortlassung aus der 
zweiten Auflage maßgebend gewesen, sondern der Umstand, 
daß ich dem Herausgeber wie Verleger zum Schutze meines 
eignen Merkchens die Verwerthung nicht gestattete. 
Eschwege. Ludwig Mohr. 
Inhalt der Nr. 8 der „Touristischen Mittheilungen aus 
Hessen-Nassau und Waldes, herausgegeben von Dr. phil. 
Fritz Seelig in Kassel: Städte-Bilder. — Im Reinhards 
walde. — Berichte. — Anzeigen. 
Inhalt der Nummer 3 des „Hessenlandes": „Leichter 
Sinn", Gedicht von Otto Braun; „Hessische Städte und 
hessisches Land vor hundert Jahren: II. Die Haupt- und 
Residenzstadt Kassel", vonF.Zwenger; „Die hohen Feiertage 
in Marburg vom 15. bis 23. Juni 1653", von G. Th. Dith- 
mar ; „Die Taufe des Prinzen Friedrich Wilhelm von Hessen"; 
„Ohm und Onkel", Erzählung von C. von Dincklage-Campe 
(Fortsetzung); „Das alte Mütterlein", Gedicht von Emilie 
Scheel; „Dr Mond sitmieh bie die Sonn", Gedicht in Schwäl- 
mer Mundart von Kurt Ruhn; Aus alter und neuer Zeit; 
Aus Heimath und Fremde; Hessische Bücherschau; Er 
klärung von Ludwig Mohr. 
Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: F. Zw enger in Fulda, Druck und Verlag von Friedr. .Scheel in Kassel.
	        

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