Full text: Hessenland (8.1894)

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Aus alter und neuer Jett. 
Kurfürst Wilhelm I. von Hessen hatte 
wie bekannt einen tiefen Haß gegen alles Fran 
zösische. Er wollte auch keine französische Musik hören. 
Trotzdem liebte er sehr die kriegerischen Weisen 
Gasparo Spontini's, die er für italienische 
hielt, obwohl dieser der eigentliche Komponist des 
französischen Kaiserreichs war und seit 1804 in 
Paris lebte. (1820 — 1842 war Spvntini General 
musikdirektor in Berlin und starb 1851 in 
Jesi im Kirchenstaat, seinem Geburtsort). Zur 
glänzenden Feier der Rückkehr des Kurfürsten sollte 
Spontini's „Vestalin" 1813 auf der Kasseler Hos- 
bühne zur Ausführung kommen. Aber die In 
tendanz konnte nur das Textbuch auftreiben, nicht 
auch die Partitur. Die Zeit drängte. Da setzte 
sich, wie man sagt, der kurhessische Hofkapell 
meister Karl Guhr, dieses musikalische Genie des 
Leichtsinns, hin und schrieb in wenigen Wochen 
eine Musik in Spontiui's Art zu dem bekannten 
Libretto. Man gab diese improvisirte „Vestalin" 
für die Spontini'sche, und der Kurfürst war be 
friedigt , nicht ahnend, daß er sich damit recht tief 
unter den ihm so verhaßten französischen Geist 
gebeugt hatte. So erzählt uns W. H. Riehl in 
seinem Werke: „Musikalische Charakterköpfe, ein 
kunstgeschichtliches Skizzenbuch". I. S. 
Aus Heunath und Fremde. 
Am 22. Januar vollendete der Professor 
Dr. Eduard Zeller in Berlin sein acht 
zigstes Lebensjahr. Der berühmte Philosoph 
beging diesen Tag in stiller Zurückgezogenheit. 
Dies hinderte aber nicht, daß ihm zahlreiche 
Gratulationen und Ehrungen zu Theil wurden. 
Die Kaiserin Friedrich sandte Blumen. Das 
Kultusministerium und die Universität ließen ihm 
durch Vertreter ihre Glückwünsche abstatten. 
Se. Majestät der Kaiser ernannte ihn zum 
„Wirklichen Geheimen Rathe" mit dem Titel 
„Excellenz", und wurde ihm das von dem ge 
summten Staatsministerium gegengezeichnete Patent 
durch den Kultusminister Dr. Bosse überreicht. 
Drahtgrüße in großer Anzahl bezeugten die Ver 
ehrung , die der Jubilar in allen Theilen der 
Welt genießt. — Von 1849 bis 1862 wirkte der 
selbe als Professor der Philosophie in Marburg. 
Er war eine Zierde der dortigen Universität. 
Unserer verehrte Freund Dr. D. Saul in Stutt 
gart hat in der „Deutschen Rundschau" ein vor 
treffliches Lebensbild dieses klassischen Geschichts 
schreibers der Philosophie entworfen, aus welches 
wir unsere Leser ganz besonders aufmerksam zu 
machen nicht verfehlen wollen. — Wir behalten 
uns vor, in der nächsten Nummer unserer Zeit 
schrift eine kurze Biographie des gefeierten Gelehrten 
zu bringen. 
Mit Schluß des Monats Januar d. I. werden 
es 25 Jahre, daß in der belletristischen Beilage 
zur „Hessischen Volkszeitung", in beu „Feier 
stunden", die hessische Erzählung „Roth-Weiß" 
aus der Feder Ludwig Mohr's ihren Abschluß 
fand. Diesen Zeitpunkt betrachtet der Verfasser 
als den Beginn seiner schriftstellerischen Thätigkeit. 
Seitdem sind 25 Jahre verflossen und wird, wie 
wir hören, der Genannte um jene Zeit sein 
25jähriges Schriftstellerjubiläum im Kreise einiger 
vertrauter Freunde feiern. Die dritte Auslage 
von „Roth-Weiß" befindet sich in Vorbereitung. 
Diese hessische Erzählung fand gleich bei ihrer ersten 
Veröffentlichung ganz außerordentlichen Anklang 
und wird heute noch mit größtem Interesse ge 
lesen. Es wird daher auch das Erscheinen der 
neuen Auflage in Hessen freudig begrüßt werden. 
Universitäts n a ch richten. Den Privat 
dozenten in der philosophischen Fakultät der Uiti= 
versität Marburg Dr. Karl Wenck und 
Dr. R e i n h a r d B r a u n s ist das Prädikat 
„Professor" verliehen worden. — In der philo 
sophischen Fakultät der Universität Marburg 
hat sich Dr. A. B r a u e r als Privatdozent 
Habilitirt und wird am Sonnabend den 3. Februar 
seine Antrittsvorlesung „über neuere Entwickelungs 
theorien" halten. — Wie der „Vossischen Zeitung" 
gemeldet wird, wird' vom nächsten Halbjahr ab in 
M a r b u r g der Vorstand des dortigen Staats 
archivs, Archivrath Dr. G. K ö n n e ck e, Vor 
lesungen über A r ch i v w i s s e n s ch a s t 
halten und Seminarübungen in dem neubegründeten 
staatswissenschaftlichen Seminare des Professors 
Paul Kehr veranstalten. 
Todesfälle. Am 18. Januar verschied an 
der Influenza, 86 Jahre alt, zu Kassel der 
frühere Gymnasiallehrer Professor Dr. Johann 
Karl Flügel. Die „Hessischen Blätter" widmen 
dem Verblichenen einen warmen Nachruf, den wir 
nachstehend wiedergeben: Professor Dr. Flügel 
war am 7. Juni 1807 als der Sohn eines 
Fabriks-Vorstehers 51t Hanau geboren, besuchte das 
dortige Gymnasium und studirte zu Heidelberg 
Philologie. Von 1830 bis 1832 war er Privat 
lehrer zu Frankfurt a. M., dann Gymnasiallehrer 
zu Hanau und Marburg. Im Jahre 1835 kam 
er bei der Umwandlung des alten Lyceum Fri- 
dericianum in ein Gymnasium als Lehrer an dieses
        

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