Full text: Hessenland (8.1894)

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des Wohlwollens. Es gewann den Anschein, als 
wäre alles im alten Geleise, weil ein jeder sein 
Leid vor dem andern verheimlichte. Tankmar 
saß wieder viel über den Büchern, seine Ge 
sundheit litt ersichtlich unter dem verborgenen 
Gram. Frau von Münikervdc sah ihn mit Leid 
wesen dem alten Trübsinn verfallen. 
Die Urheberin all' dieses Leids, Agnese von 
Loßberg empfand für den Augenblick nicht minder 
den Druck dieser Verhältnisse. Sie aber wähnte, 
Hinausblicken zu dürfen in eine freudige Zukunft. 
Durch Eckebrecht's letzten Brief mit der Friedens 
botschaft, der im Frühling 1783 eintraf, wehte 
ein warmer Hauch, ihn umschmeichelte gleichsam 
Heimathluft. Aus ihm sprach des jugendlichen 
Eckebrecht leicht erregtes, überströmendes Gefühl. 
Nach seinen Lieben in Welsen breitete er die 
Arme aus und äußerte unverhohlen seine Freude, 
auch Agnese dort zu finden. Weitere Mittheilungen 
verschob er auf das „will's Gott, nahe Wieder 
sehen". 
Diese dem jungen Oberst in greifbarer Nähe 
vorschwebende Rückkehr sollte indessen noch uin 
ein volles Jahr verzögert werden, eine Zeit voll 
Harrens und Bangens, ohne die Erleichterung 
gegenseitiger Mittheilung. 
Endlich, als wieder die Staare auf den 
blühenden Obstbäumen die schillernden Flügel im 
Sonnenlicht bewegten, kam ein Bote, von Herrn 
von Loßberg entsandt. Er brachte die Mittheilung: 
„Ich habe Schwager Eckebrecht auf dem Durch 
marsch nach Marburg frisch und gesund hier 
gesprochen. Sobald er es irgend ermöglichen 
kann, wird er heim kommen." 
Freudig, jedoch mit Seelenruhe sahe« Mutter 
und Bruder dem Wiedersehen nach langer 
Trennung entgegen, alle Gefahren lagen ja nun 
hinter dem Zurückgekehrten. Gott hatte Flügel 
über ihn gebreitet. Agnese hingegen dehnten sich 
diese letzten Tage des Wartens zu unerträglicher 
Länge aus. Voll Ungeduld, hoffte sie auf einen 
Zufall, welcher der Berechnung des Ohmes zum 
Trotz den heißersehnten Onkel früher herführen 
sollte, als die andern es erwarteten. Von rast 
loser Unruhe getrieben, ging das Mädchen oft 
mals den Weg hinunter, den er kommen mußte, 
aber immer blickte sie vergeblich die Straße ent 
lang, sie blieb verödet. 
Der Juni war bereits in's Land gekommen 
und hatte Berg und Thal mit seinem frischesten 
Grün geschmückt. Wiederum war sie hinaus ge 
gangen und schickte sich eben an, unverrichteter 
Sache heimzukehren, als ein Knabe des Weges 
daher kam und ihr mit einer Art Heimlichkeit 
ein Briefchen in die Hand steckte, worauf er 
schleunig verschwand. Verwundert betrachtete Agnese 
das Billet, ihr Herzschlag stockte, und ihre Hand 
zitterte, dasselbe trug Eckebrecht's Schriftzüge. 
„Liebe kleine Agnese!" lautete der Inhalt, 
„Du bist immer gut und liebevoll gegen mich 
gewesen, so wirst Du mir auch meine erste Bitte 
nach der Rückkehr nicht abschlagen. Ich muß Dich 
ohne Zeugen sprechen, bevor ich in den Familien 
kreis trete. Auf dein wohlbekannten Ruheplätzchen 
in der Schlucht wartet Deiner in Devotion Onkel 
Eckebrecht." 
Tausendmal hatte sich das Mädchen den Augen 
blick des Wiedersehens ausgemalt und immer 
gewünscht, dem über alles Geliebten allein zu 
begegnen. Bevor seine Angehörigen ihre Rechte 
an ihn geltend machten, wollte sie das Geständnis; 
seiner Liebe und Treue empfangen. Wie be 
schwingt eilte sie den Waldweg zur Schlucht 
hinab. Jetzt bog sie die verschlungenen Zweige 
auseinander, ihr junges, liebliches Gesicht strahlte 
von Glück und Erregung, doch stockte der Fuß iu 
banger, jungfräulicher Scheu, die auch den Freuden 
schrei ihrer halbgeöffneten Lippen zurückdrängte. 
Vor ihr auf der Rasenbank saß die hohe Ge 
stalt des Onkels. Er hatte den Kops in die 
Hand gestützt und erhob erst beim Knacken eines 
Astes das gebräunte, männlich schöne Antlitz. 
Im nächsten Augenblick stand er neben dem 
bebenden Mädchen, das vermeinte, er müsse es 
wortlos an sein Herz ziehen. Eckebrecht aber 
ergriff nur ihre beiden Häude und sagte, sie 
anschauend: „Wie groß und schön Du geworden 
bist, Agnese." Sein Wesen war beherrscht von 
einer Befangenheit, welche es ihm schwer machte 
das rechte Wort zu finden. Daß dieses aber keine 
Liebeserklärung enthalten würde, fühlte die Nichte 
schon beim Freigeben ihrer Hände. 
Sie schüttelte denn auch den Bann ab, der 
ihre Zunge gefesselt hielt und sagte innig: „Du 
hast ein Anliegen, Onkel Eckebrecht; fordere, was 
Du willst, wenn ich Deinen Wunsch erfüllen kann, 
ist er gewährt." 
„Siehst Du, darauf rechnete ich bei meinem 
treuen Kameraden. Setze Dich zu mir, liebe 
Agnese, es ist nicht in zwei Worten gesagt." 
Sie folgte willenlos und blickte erwartungsvoll 
zu ihm auf. 
„Du kennst Mama," begann er, „sie will 
auch bei den flügge gewordenen Kindern das erste 
Wort mitreden. Im Augenblicke des Wiedersehens 
möchte ich keine Verstimmung bei ihr hervorrufen, 
darum ..." 
„Wenn Du Geld brauchst," unterbrach ihn 
Agnese liebevoll, „ich kann über mein mütterliches 
Erbtheil verfügen."
        

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