Full text: Hessenland (8.1894)

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froher Gruß au das lichte Tagesgestiru, ihm zu ! 
Ehre« Spiel, Gesang und Jubel! Die Mächtigen 
veranstalteten insbesondere zur Suinmerfvnnen- 
wende Hochgeziten > frohe Feste) und Turniere. 
Was jetzt unser Landgraf iu’e Leben rief, war 
ebeuwohl ein Turnier, doch kein auf wenige Tage 
beschränktes, es war ei» Turnier in idealem 
Sinne, ein Kampf mit den Waffen des Geistes 
aus dem hohen Gebiete der Wissenschaft, in 
welchem dem Sieger ein unverwelklicher Kranz, 
ein Preis nicht von dieser Welt winket. „So 
ftlgent mir die sinne höher danne der sunnen 
schm." (Walther von der Vogelweide.) — 
Von Anfang an war die Stadt bei heiterem 
Wetter mit Auswärtigen überfüllt, Ehrenpforten 
gebaut, die Häuser mit grünen Zweigen geschmückt, 
Kanonen donnerten vom Markt und Schloß, i 
zwei Musikbauden, in einer Laubhütte oben j 
am Schloßberg verborgen, spielten abwechselnd. ! 
Studenten und Beamten waren dein Landgrafen \ 
und seiner Gemahlin Hedwig Sophie, der 
Schwester des großen Kurfürsten, entgegengeritten. | 
Am Hospital (der Sieche) lvurde der Landgraf ! 
und die mit ihm kommenden Herrschaften vom j 
Stadtrath und mit einer Rede des Stadtschreibers 
empfangen. Bei dem Schloß waren die Pro 
fessoren versammelt, und Werner Geise, jetzt Pro 
fessor der Eloquenz, bewillkommnete den Landgrafen 
mit einer kurzen lateinischen Rede. Dauber ant 
wortete im Namen des Fürsten ebenfalls lateinisch. ! 
Es folgte eine öffentliche Tafel, zu welcher auch 
die Studenten zugelassen ivurden. Es waren an 
200 weniger vier. No Deum und Nr. 122 ge 
sungen. Predigt des alten Crocius. Die Pro 
fessoren waren sechsspännig auf das Schloß ge 
fahren. Der Landgraf hatte in dem mit Tep 
piche» geschmückten Rittersaal den Ehrenplatz auf 
einem mit schwarzem Sammet belegten Sessel. 
Vv» da Zug in die Aula an der Lahn. Hier ein 
Thronhimmel für den Landgrafen, dessen Sitz mit 
grünem Sammet drapirt. Der Landgraf zog 
ein in glänzender Uniform, jeder Professor, — 
es waren ja nur ein Dutzend —, hatte zur Seite 
einen Edelmann, voran der Oberforstmeister von 
Meysenbng und der Oberst von Uffeln. Graf 
Hohenlohe und der Komthur des deutschen Ordens 
geleiteten den Rektor Crocius. Es waren da 
auch zu sehen: Scheffer, Dauber, von Riedesel, 
von Schöllest, von Geyso, Erbschenk Schenk zu 
Schweiusberg, Bultejus, Sixtinus u. a., alle in 
stattlicher Amtskleidung. Geh. Rath Dauber 
verkündigte die Eröffnung der Universität. Er 
gedachte im Eingang der Verdienste der verstor 
benen Mutter des Landgrafen, der Retterin des 
Hessenlandes (die auch an unserem Dichterfürsten 
Schiller einen Verherrlicher gefunden hat), welche 
Henke eine „unvergleichliche Mutter" nennt, und 
welche die Regierung in Hessen „zur Bewun 
derung von ganz Europa" geführt hatte. Er 
überreichte dein Rektor Crocius das Scepter, 
Album, Statuten, Schlüssel, Siegel und Pri 
vilegium. Es folgt eine neue Rede des nun 
installirtcn Rektors Crocius. Schön setzt er 
auseinander, wie mau zu dem Tempel der Ehre 
nur auf dem Wege der Virtus gelangt. Einer 
aus der Stadt, Philipp Kroll, sagt dem Land 
grafen im Namen der Stadt verbindlichen Dank. 
Es folgt Festmahl im Rittersaal. Da speisten 
mit dem Fürsten und hohen Adel die Professoren, 
Bürger und Studenten, und allgemeine Heiterkeit 
beseelte Alle. Am Sonntag predigten Curtius und 
Stockenius (damals Hofprediger) auf dem Schloß. 
Montags Promotionen, Fest im Rittersaal, Rektor 
schmaus. Am folgenden Tag Beeidigung der Pro 
fessoren durch den Kanzler Bultejus; Nachmittags 
großes Scheibenschießen auf dem Kämpfrasen, an 
welchem der Landgraf Theil nahm. Am Mittwoch 
Komödie vom verkauften Joseph in Egypten, 
Donnerstag verläßt der Landgraf Marburg unter 
dem Jubel des Volkes und Salven des Geschützes. 
Alles verlief in Frohsinn und in den Schranken 
des Anstandes unter den Augen des hochgeachteten 
und geliebten jungen (damals 24 Jahre alten) 
Fürsten. 
Preis, Marburg, dir! Gestritten 
In dir ward jeder Zeit, 
Es kamen hergeritten 
Oft Ritter, hoch gemeit. 
Stattlich zu Roß mit Schild und Speer 
Erkämpften sie hier Preis und Ehr. 
Dann auf des Fürsten Rufe 
Sah man auch Streiter hier 
Auf noch viel höhrer Stufe 
Gekommen zum Turnier. 
Gerüstet mit dem scharfen Sinn 
Der Jugend Schaar zum Hochgewinn. 
Kampf gab es wider Mächte, 
Die hüllten unser Land, 
Vergruben Geistes Rechte, 
Die Gottes Wort verbannt. 
Doch juble, Stadt! in Schlacht und Krieg 
Erfochten ward des Lichtes Sieg. 
-HiH-
        

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