Full text: Hessenland (8.1894)

Cvt soll die neue Universität ihre Stelle haben. 
Es machten Kassel und Hersfeld Ansprüche ans 
dieselbe. Marburg, eine lutherische Stadt, gab 
für eine Universität, welche mehr den reformirten 
Charakter tragen sollte, gerechtes Bedenken. 
Eine dritte Schwierigkeit fand man in der 
Wahl geeigneter Lehrer oder Professoren. Es 
mochten solche nach der zerstörenden Herrschaft 
des Kriegsgottes nicht im Ueberfluß vorhanden 
sein. 
Das erste Bedenken wegen der kaiserlichen Be 
stätigung ließ man im Vertrauen auf die 
frühere von Kaiser Karl V. 1541 gegebene 
Bestätigung fallen. 
Den Ort betreffend, so erkannte man die Vor 
züge Marburgs, in welchem der Universität 
seit 1527 schon eine Heimstätte in den alten 
Klostergebäuden bereitet worden war. Die gesunde 
lind reizende, schon viel besungene Lage der 
Stadt fiel in das Gewicht, und für Marburg 
ward sich entschieden. 
Hier soll nun nicht vergessen werden, darauf 
hinzuweisen, daß Landgraf Wilhelm VI. zwei 
vortreffliche Räthe hatte, die ihm helfend bei 
seinem Werke zur Seite standen, Reinhard 
Scheffer und I. H. Dauber. Als dritten kann 
ich noch den landesherrlichen Kommissar und 
ersten Rektor der neuen Universität, den Professor 
Cr o ei ns, zufügen, der bisher in Kassel an der 
Universität eine Stelle hatte. Die gelehrten 
Häupter, welche damals nach Marburg berufen 
wurden und die Ehre hatten, Lehrstühle zu 
besteigen, waren folgende: 
Aus Kassel kamen nach Marburg mit 
Joh. Croeius und Sebastian Curtius (Theologen) 
Erich Grafs und Joh. Kleinschmidt (Juristen), 
Gregor Stannarius und Werner Geise (Philosophen). 
Von der früheren Darmstädter Universität ver 
blieben die Juristen: Joh. Breidenbach (schon 
1614 Professor zu Gießen) und Joh. Kornmann. 
Dazu kommt Joh. Tilemann, ein Mann, der 
zuletzt Jude geworden sein soll. Er hat einen Vor 
gänger in dieser Wunderlichkeit in einem gewissen 
Vietor, Sohn des Professors H. Viktor, im 16. Jahr- ! 
hundert. Dazu kommt ferner Chr. Fr. Croeius, Pro- ' 
fessor der Medizin, früher in Bremen, dann ein j 
Sohn des Juristen Kornmann, Joh. Hartmann 
Kornmann (Jurist) und schließlich Carolus j 
Lombardus, früher katholisch, in Zürich evangelisch : 
geworden, dann in Kassel gewesen. Somit 
waren es 12 Professoren, während Gießen, 1650 
wieder eröffnet, nur 11 Professoren hatte, zum 
Theil solche, die bisher in Marburg gelehrt 
hatten, wie namentlich Menzer und Feuer- 
born. 
Ein Uebel, welches bisher die Universitäten 
geschädigt hatte, sollte fortan durch die an 
gestellten Professoren aus der Welt geschafft 
werden, das war der Pennalismus, eine kann» 
zu beschreibende Rohheit, welche, gefördert durch 
das frühere wilde Kriegsleben, endlich einmal 
ausgerottet werden sollte. Solange Unkraut und 
Gestrüpp nicht ausgerottet wird, ist eine Besamung 
und Bepflanzung des Erdbodens ganz unmöglich. 
Einige der Rohheiten sollen hier nur namhaft 
gemacht werden. Namentlich die sogenannten 
Füchse wurden derart von alten Studenten 
mißhandelt, daß ihnen die edle Zeit ganz und 
gar verloren ging. Sie hatten ihre sogenannten 
Schönsten sklavisch zu bedienen, mußten wie Thiere 
umherkriechen und bellen, Salz, Scherben, Kvth 
gemengt verschlingen, Unzucht treiben, Kleider 
verpfänden, Schulden machen, alles auf Befehl 
der sie Beherrschenden, und sonst noch unter deren 
Tyrannei leiden und verderben. — Comessatum 
et scortatum — adducti sunt. 
Nicht erst in neuerer Zeit sind Stiftungstage, 
Jubiläen und sonstige Feierlichkeiten in Schwang 
gekommen. Wie feierlich, ja üppig es schon 
damals bei der Neubegründung der Universität 
Marburg herging, das ausführlicher zu berichten soll 
jetzt meine Aufgabe sein. Das Bild ist nach alten 
Aufzeichnungen in getreuen Züge» von Professor 
Henke entworfen worden in einer Rede am 
Geburtstag des Kurfürsten, am 20. August 1861, 
gehalten, die mir hier den Stoff darbieten soll. 
Der gütige Fürst ivvllte nickst allein der 
Universität, er wollte der lieben Stadt Marburg, 
ja seinem ganzen Lande eine große Freude 
bereiten. 
Den 15. Juni, an einem Mittwoch, war der 
Einzug des Landgrafen, den folgenden Tag war 
die Hauptfeier, dann folgten Disputationen, und 
Examina und am Sonntag den 19. Juni Gottes 
dienst, Montag de» 20. Promotionen in der 
Aula, am 21. Fest auf dem Kämpfrasen und 
theologischer Redeakt, am 22. wieder Redeakt, 
diesmal juristischer, und Komödie auf dem 
Schloß, am 23. medizinische Rede und dann 
noch Dankrede und Schlußrede der Philosophen. 
Wie passend war doch die z» der neuen 
Universitätsweihe gewählte Zeit! 
Seit unvordenklichen Tagen war die Sonnen 
wende im Juni bei den Deutschen eine hohe 
Zeit, eine festlidi gefeierte. Die Freude über 
den vollendeten Sieg der Segen bringenden 
Sonne erreichte in diesen Tagen ihren Höhepunkt. 
Es sind jetzt alle Schätze der Natur wie durch 
einen Zauber aus der Tiefe gehoben, aller Segen 
hat sich in Fülle über die Erde ergossen. Darum
        

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