Full text: Hessenland (8.1894)

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Nach dem Verhältniß der nicht von allen 
Seiten gleich fruchtbaren Umgegend Kassels kann 
keine deutsche Stadt durch Dörfer, Felder, Wiesen, 
Gärten und Bäume an den Straßen angebauter 
sein, als sie. In allem aber bemerkt man mehr 
die nach uitb nach anbauenden Fürsten, als den 
Bürger oder Bauern. Die südöstliche Seite, als 
die weiteste um die Stadt, ist die reichste davon, 
und durch prächtige Gebäude und Anlagen der 
Landgrafen in der Nähe und von der Ferne her, 
ein durch die Aussicht jeden Fremden überraschendes 
Lustgefilde. Man übersieht dasselbe vom Friedrichs 
platz, als dem größten der Stadt, und besonders 
von einer Reihe von Häusern, welche deswegen 
LoUovus heißt. Ueberhaupt führt jedes der vier 
Hauptthore der Stadt nach einem der benachbarten 
fürstlichen Lustschlösser und Gürten hin. Die 
Luft ist, nachdem durch Niederreißung der Wälle 
und Füllung der Gräben solche die ganze Stadt 
freier durchstreicht, so gesund, daß ansteckende 
Krankheiten hier seltener sind, als anderwärts. 
Wasserleitungen von nahen Bergen geben ihr ein 
gesundes Wasser. Nach dem Durchschnitt der 
Geborenen und Sterbenden von mehreren Jahren 
hat sie 20 000 Einwohner, doch ist die Besatzung 
nicht mitgerechnet. Die meisten Straßen und 
Gassen der Altstadt, als ihres größeren Theiles, 
werden auf beiden Seiten von einem Bach, namens 
Drusel, dessen Wasser in einem Behälter gesammelt 
wird, durchwässert. Dies und das größtentheils 
schönste Pflaster, das eine Stadt haben kann, 
machen sie sehr rein. Die Volksmenge muß man 
nicht nach den großen Plätzen und breiten langen 
Straßen der Oberneustadt beurtheilen; ein Prinz, 
Minister oder General bewohnt hier oft ein großes 
Haus, einen Kasselschen Palast allein; der untere 
Theil der Stadt zeigt in vollen Häusern die 
meisten Einwohner. 
Das alte Residenzschloß, die Stiftskirche zu 
St. Martin, die Brüderkirche, von den Brüdern 
des Ordens der heiligen Maria vom Berge 
Karmel so genannt, und die Maria-Magda- 
lenenkirche in der Unterneustadt nebst einigen 
noch übrigen Klostergebäuden und dem Rathhause 
zeigen die Gothische Periode der Stadt; der 
Renthos, welcher die höchsten Landeskollegia in 
sich begreift, der Marstall, das Zeughaus nebst 
anderen minder beträchtlichen öffentlichen Ge 
bäuden den seit dem 16. Jahrhundert besser 
werdenden Geschmack der Baukunst, vorzüglich unter 
Landgraf Wilhelm IV. und seinem Sohne Moritz; 
die Oberneustadt und Kassels eigentliche Pracht 
gebäude, vvur Orangeriegebäude in der Aue unter 
Landgraf Karl bis auf's Museum unter Land 
graf Friedrich, schildern die Theilnehmung der 
Landgrafen unseres Jahrhunderts an dem nun 
mehr verbesserten Geschmacke. Hiernach sind die 
Privathäuser von Holz und Stein beschaffen. 
Eine neue Brücke über die Fulda, welche der 
jetzige Landgraf Wilhelm IX. herstellt, ver 
ursachte die Niederreißung der schlechtesten Häuser 
in dem ebenso schlechten Theile Kassels und trug 
wesentlich zur Verschönerung bei. Die alte Brücke 
war so gefährlich schadhaft geworden, daß dies 
die Erbauung einer neuen nothwendig machte. 
Im Ganzen, es sei alt oder neu, herrscht aber 
nicht der bunte oder groteske Geschniack mancher 
Reichsstadt, aber auch nicht der Prunk von 
italienischen Fahnden, hinter welchen nur ein 
gewöhnliches altes Haus steht. Der Bürger von 
Kassel baut nach dem Beispiele seiner Fürsten 
gerne, hat die Materialien gut, und zu Wasser, 
fand auch von jeher Unterstützung. 
Von Hauptplätzen, Straßen und Gebäuden sind 
folgende beachtenswerth: das fürstliche Residenz- 
schloß, ein Viereck von Quadersteinen, wegen seiner 
ausgesuchten herrlichen Lage an der Fulda. Ein 
ihm gegenüber liegender Platz, ein römischer Circus, 
war unter Landgraf Moritz zu ritterlichen Uebungen 
bestimmt; sie haben sich ganz in die Waffen 
übungen unserer stehenden Soldaten verwandelt, 
jetzt ist er also Paradeplatz. Wo sonst das 
Judizirhaus war, da ist jetzt ein Säulengebäude, 
jedes ein Bild seiner Zeit, im herrschenden Ge 
schmacke des Jahrhunderts. Blos die Niederreißung 
der Festungswerke hat, verhältnißmäßig zur Größe 
des nunmehrigen Platzes, den Säulenbau zu klein 
gemacht. Der bekannte Bildhauer Nahl hat den 
Circus, der 440 Fuß lang und breit ist, mit 
römischen Ringern, Schleuderern, kolossalischen 
Pferdebändigern ausgeschmückt. Zu den Füßen 
eines der letzterern wird mit Recht die Trommel 
getadelt. Es ist übrigens durch den im Jahre 
1770 vom Landgrafen Friedrich gestifteten größeren 
hessischen Orden vom goldenen Löwen ein neuer 
hessischer Ritter entstanden; für dessen jährliches 
Ordenskapitel und den Ritterschlag ist iin Schlosse 
ein Saal eingerichtet worden, der als Ordenssaal 
in seiner neu-antiken Art sehenswerth ist. Der 
kleinere Orden für Hessens brave Krieger ist 
bekannt. Andere alte und öffentliche Gebäude 
Kassels haben außer ihrem Alter nichts Besonderes 
an sich. Von den alten Kirchen der Stadt ist 
die vom heiligen Martin die einzige, welche allen 
falls ein Beweis der Andacht sein könnte, die 
man mehr daran schätzen sollte als de» Geschmack, 
in welchem sie gebaut ist. Die darin befindliche 
Erbgruft der Herren Landgrafen macht sie als die 
Ruhestätte großer Fürsten merkwürdig. Land 
graf Friedrich II. ruht in einem Gewölbe der
	        

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