Full text: Hessenland (8.1894)

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Hessische Städte und hessisches Land vor hundert Jahren. 
ii. 
Die Haupt- und Residenzstadt Kassel. 
Von F. Zw eng er. 
ir beginnen heute mit der Schilderung der 
Haupt- und Residenzstadt Kassel. Dem 
topographischen Theile unseres Artikels 
legen wir eine Beschreibung Kassels in dem 
„Journal von und für Deutschland" zu Grunde, 
das von 1784 — 1792 erschien und nach dem 
Urtheile des Historikers Fr. Chr. Schlosser zu 
den gediegensten deutschen Zeitschriften der da 
maligen Zeit zählte. Wir bringen die Dar 
stellung des Verfassers, der seinen Namen nicht 
genannt hat, dem man aber eine scharfe Be 
obachtungsgabe und große Kenntniß der Ver 
hältnisse nachrühmen muß, theils im Auszuge, 
theils wörtlich, und gewiß wird es für die Leser 
nicht uninteressant sein, Vergleiche der da 
maligen Zustünde in Kassel mit den heutigen 
zu ziehen. 
Der Verfasser beschäftigt sich zunächst mit der Lage 
Kassels und beginnt seine Aufzeichnungen wie folgt: 
„So schön und reich an Schönheiten die 
Lage Kassels durch den Anbau der Kunst mit 
dem Anfange dieses (XVIII.) Jahrhunderts ist, 
so schön war sie immer von Natur. Sie 
liegt am Abhange einer von einem großen und 
weiten Thäte umgebenen Anhöhe, und der Fulda 
strom durchschneidet das alte Kassel in die zwei 
Theile der eigentlichen Alt- und Neustadt. Diese 
letztere aber hat vermuthlich seit der Zeit den 
Namen der Unterneustadt bekommen, seit welcher 
durch Veranlassung der vom Jahre 1685 dahin 
gekommenen französischen Flüchtlinge (Hugenotten) 
auf ihrer Anhöhe eine Oberneustadt entstanden 
ist. Folglich besteht sie aus drei Städten und 
hat nach dem siebenjährigen Kriege eine mit der 
Oberneustadt verbundene Vorstadt bekommen; 
diese heißt, weil sie durch eine Straße nach dem 
Lustschloß Weißenstein hinführt, die Wcißensteiner 
Vorstadt. Ihr Anbau ist durch schlechte Kolonisten 
verunglückt. Eine andere Reihe Häuser, welche 
an die Unterneustadt stößt, ist durch ein hier 
liegendes Hospital, das vor Alters ein Siechenhof 
war und noch so genannt wird, auch eine Vor 
stadt geworden. Sie ist durch ein sehr großes 
Krankenhaus, Oliaritä genannt, verlängert. Die 
stößt so dicht an das Dorf Bettenhausen, wo ehe 
mals ein Bethaus war, daß es mit zur Vorstadt 
zu gehören scheint. Beiden gegenüber an der 
Fulda ist die eigentlich einzige Ebene bei Kassel, 
der Forst genannt; im Jahre 1729 und im sieben 
jährigen Kriege faßte sie ein Lager von 12 000 
Mann. Man heißt die letztere Vorstadt auch die 
neuen Häuser. Unter dem sogenannten Weinberge 
vor dem Frankfurter Thore ist die Anlage zu 
einer dritten Vorstadt. Das eigentliche Kassel 
hat, ohne die dazu vor den Thoren gehörigen 
Häuser, 1228, wird aber und ist durch die nach 
der Niederreißung der Festungswerke und die 
dadurch entstandenen großen Plätze und wirklichen 
Anlagen neuer, zum Theil schon bebauter Straßen 
eine von den deutschen Städten mittlerer Größe. 
Von den vier Weltgegenden her umgiebt sie näher 
vder entfernt ein weiter Kranz von waldigen 
Bergen, die näheren sind eine Stunde, die weiteren 
eine Meile davon gelegen. Von der südöstlichen 
und nördlichen Seite führen Landstraßen über 
Berge und durch Thäler nach dem ober-, dem 
niedersächsischen und dein fränkischen Kreise, auch 
dem oberrheinischen hin, von welchem sie die letzte 
Stadt ist; westlich geht man über Berge nach 
dem westfälischen hin. Die Fahrt aus einem in 
den andern durchschneidet sich gleichsam in der 
Stadt und giebt ihr manchen Vortheil wegen 
starker Durchfuhr. Der Fuldastrom, welcher von 
seinem Zusammenfluß mit der Werra bei Münden 
bis nach Hersfeld acht Meilen unter Kassel schiffbar 
ist, bringt ihr und einem Theile Hessens die 
holländischen Waaren von Bremen, führt aber 
auch die Landesprodukte, besonders Linnen, Holz, 
Eisen und Steine aus. Wenn die an einander 
grenzenden Fürsten von Hessen und dem fränkischen 
Kreise sich über Niederlagen und gute Landstraßen 
vergleichen wollten, so könnten sie auf diese Art 
zu beiderseitigem Nutzen die Weser und den Main 
einander näher bringen.
        

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