Full text: Hessenland (8.1894)

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Das Schwert Karins des Großen. In 
dem oberhessischen Städtchen Alsfeld spielte sich 
Mitte der fünfziger Jahre ein heiterer Vorfall ab, 
der heute noch im Volksmunde weiterlebt. Be 
sagtem Städtchen war die Ehre eines landes 
herrlichen Besuches angekündigt worden, und männig- 
lich freute sich darüber. Der Bürgermeister R. 
hatte an dem festlichen Tage die Ehre, den Groß 
herzog bei der Besichtigung des mittelalterlichen, 
schönen Rathhauses führen und ihm die daselbst 
aufbewahrten werthvollen Alterthümer, darunter 
ein prachtvolles Missale mit herrlichen Initialen 
itub kostbarer Malerei, sowie ein altes Schwert 
mit seltener Ziselierarbeit, das die Sage Karl dem 
Großen zuschreibt, vorzeigen zu dürfen. Dieser 
Stolz der Sammlung bildete auch zugleich den 
Schluß, und im Gefühle der Bedeutung des Augen 
blickes zog der Bürgermeister mit den Worten: 
„Das Schwert Karl's des Großen" kühn die Klinge. 
Und siehe da! Blank wie ein Spiegel, als 
hätte es eben die Werkstätte verlassen, leuchtete 
das zu Ehren des hohen Besuches vorher geschlissene 
Schwert dem Landesvater entgegen. — „Welcher 
E.. l hat das Schwert schleifen lassen?" „Ich, 
königliche Hoheit", war die prompte Antwort des 
Bürgermeisters. W. 
Zu Vorstehendem bemerken wir, daß die Sache 
historisch ist; sie hat sich unter dem Großherzog 
Ludwig III. zugetragen und wird von Ferd. Dieffen- 
bach in dessen Werke „Das Großherzogtum Hessen" 
S. 476 mitgetheilt. Geschichtliche Forscher be 
zweifeln, daß das Schwert von Karl bent Großen 
herrühre, führen es vielmehr auf Lothar von Sachsen 
zurück. Uebrigens wäre später den Alsseldern beinahe 
ein noch viel schlimmerer Streich als die Schleifung 
der Klinge passirt. Sie hatten in den achtziger Jahren 
den Beschluß gefaßt, ihr Rathhaus, das allerdings 
starke Spuren des Verfalls zeigte, niederzureißen 
und einen Neubau an seine Stelle zu setzen. Die 
Verwaltungsbehörde legte sich in's Mittel, sodaß 
die Ausführung des Beschlusses unterblieb. Das 
außen ganz, im Innern theilweise wiederhergestellte 
alte Rathhaus ist eine Perle mittelalterlicher 
Holzbaukunst nnb hat wenige seines Gleichen in 
Deutschland. Red. d. „H.-L." 
Alte Notizen. Ein Freund unseres Blattes 
schreibt uns: „Auf ben freien Blättern einer mir 
gehörigen Ausgabe der griechischen Anthologie 
(Venedig 1550) sind voll verschiedenen Händen 
Eintragungen gemacht worden. Dem 17. Jahr 
hundert, wie ich taxire, gehört die folgende all, 
deren Schreiber — nach einer anderen Notiz — 
in Leipzig lebte: 
(1.) Es stehet geschrieben 
Das ihr sechs oder sieben 
Nicht alle anff einen lotsen harren 
Sondern essen u. des Narren vergessen. 
(2.) in Landt Hessen seindt die meise wolgemessen, 
und harte betten und wenig zu fressen. 
Das letzte der beiden priamelnartigen Gedichte, 
das allein für die Leser Interesse haben wird, ist 
inhaltlich mit jetzt noch in Umlauf befindlichen 
zusammenzustellen, das erste bezieht sich, scheint es, 
aus einen Schmaus, bei dem man einen der Ge 
ladenen vermißt." 
Dr. W. U. in Berlin. 
Aus Hermath und Fremde. 
Am 9. d. M. feierte Dr. Karl Weismann, 
Oberschulrath und Gymnasialdirektor a. D. zu 
Koburg, seinen 80. Geburtstag. Ist Weismann 
auch kein geborener Hesse, lebt er auch seit Auf 
gehen des Kurstaates in Preußen in dem benach 
barten Thüringen, so nehmen wir ihn doch als 
einen der Unseren, als einen unserer Besten in 
Anspruch. Denn er hat ein Menschenalter hindurch 
in hohem Segen int Hessenland gewirkt, vielen 
Hunderten von Schülern seinen geistvollen Unter 
richt im Delltschen zu Theil werden lassen, vor 
Allem aber sie eingeführt in die wunderbaren Schatz 
kammern der klassischen Literatur. Wer denkt nicht 
mit Entzücken zurück an die unübertrefflichen Inter 
pretationen und Uebersetzungen der griechischen 
Dramen, an Weismann's Ajas- und Antigone- 
Stunden ! 
Weismann ist geborener Frankfurter. Er ftnbirte 
von 1832 — 35 in Marburg, war einige Monate 
Lehrer an einem Privatinstitut zu Heidelberg, er 
hielt aber schon Ende 1835 eene Berufung an das 
Rinteler Gymnasium. Hier wirkte er bis zuul 
Jahre 1846. Seine segensreichste Thätigkeit aber 
entfaltete er darnach während eines 20jührigen 
Wirkens am Gymnasium zu Fulda. Er und fein 
bereits im Jahre 1891 dahingeschiedener Freund 
Professor Dr. Gies*) waren die weithinstrahlenden 
Leuchten der alten Rhabannsschule. Auch der in 
diesen Tagen verstorbene damalige Obergerichtsrath 
G a n s l a n d t gehörte den: Weismann - Gies'schen 
Freundeskreise an. 
Im Jahre 1866 nach Koburg berufen, erhielt 
Weismauu das Direktorat des alten Gymnasium 
Casimirianum. Es erfreute sich 21 Jahre lang 
der Leitung Weismann's und gelangte zu hoher 
Blüthe. Weismann wurde 1878 durch den Titel 
*) Vergl. „Hessenland" 1891, Nr. 5 und 6.
        

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