Volltext: Hessenland (8.1894)

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„Wirklich?" 
„In der That. Es ist deshalb auch gut, daß 
sie auf Ihre Ankunft vorbereitet ist, denn eine 
so große unerwartete Freude könnte ihr krankes 
Herz wohl kaum noch aushalten. Sobald sie 
erwacht sein wird, zünde ich dort das Bäumchen 
an, bereite sie drin erst ein wenig vor mib 
bescheere Sie dann als eben eingetroffenes Christ 
kindchen." 
„Ordnen Sie Alles an, wie es Ihnen am 
besten dünkt", erwiderte Doktor Lebrecht. Dann 
glitt sein Blick durch das trauliche Stübchen mit 
den kunstvoll gehäkelten Gardinen, den vielen 
weißen Deckchen, den alten verblaßten Photo 
graphien und den unmoderne», aber glänzend 
polirten Möbeln, und er setzte noch hinzu: 
„Jetzt, wo ich nach Jahren einmal wieder in 
diesem Raume weile, kommt mir Alles, was da 
zwischen liegt, wie ein Traum vor. Ich habe 
viel im Leben erfahren und kennen gelernt, habe 
viel Schönes genossen, aber Besseres, wie mir hier 
zu Theil wurde, habe ich nie wieder gefunden." 
„Ich auch nicht, Herr Doktor, der Gedanke 
an dies Stübchen und an Mamsell Getrud waren 
immer ein Stückchen blauen Himmels für mich, 
wenn sonst trübe Wolken über meinem Leben 
hingen. Hütte ich mich nicht manchmal in dies 
Eldorado flüchten können, ich wäre nicht so 
muthig geblieben und oft im harten Kampf des 
Daseins flügellahm geworden." 
„Es ist Ihnen gerade gegangen wie mir! 
Auch ich habe mich an die alten Erinnerungen 
angeklammert und sie nach dem Zusammensturz 
vieler Ideale meinen letzten Himmelsrest genannt. 
Wir waren einst beide unglücklich, Jeder von 
uns in seiner Art, aber hier wurde unseren 
armen verhungerten Herzen immer wieder Liebe 
in reichem Maße bescheert. Lassen Sie uns 
heute gemeinsam recht glückliche Weihnachten 
feiern, Fräulein Klara! Wir wollen nicht an die 
trüben Schatten denken, welche die Zukunft voraus 
wirft, und wieder einmal ein Paar harmlose Kinder 
sein, die noch an Weihnachtswunder glauben." 
Er sagte dies in großer Erregung und streckte 
ihr die Rechte entgegen. Sie legte die ihrige 
hinein und versetzte mit jener schönen Unbefangen 
heit, durch die eiu selbstloses, von persönlicher 
Eitelkeit vollkommen freies 'Gemüth schimmerte: 
„Ja, das wollen wir, Herr Doktor. Was auch 
später werden mag, es wird Ihnen in Ihrem 
reichen Dasein und mir in meinem stillen 
Wirken eine freundliche Erinnerung bleiben, de» 
Himmelsrest aus der Kindheit noch einmal 
gemeinsam mit Mamsell Gertrud verlebt zu haben." 
Eine Viertelstunde später brannte das Bäumchen, 
in der alterthümlichen kleinen Stube saß eine 
eingesunkene alte Frau mit unmoderner Falbel 
haube, schneeweißen Haaren, doch jugendlich 
glänzenden Augen neben Doktor Lebrecht auf 
dem Sopha und schlang ein über's andere Mal 
die Arme um seine kräftige Gestalt. Als ihn 
Mamsell Gertrud zuerst nach so langer, langer 
Zeit wiedersah, wollten ihr die Thränen gewalt 
sam aus den Augen springen, aber sie kniff sie 
fest zusammen und schüttelte in innerem Unwillen 
den Kopf: „Nor küä Geflenn, nor küä Geflcnn, 
Ihr laiwe goute Kinner!" rief sie dann in der nie 
verleugneten Marburger Mundart. „Merr verderbt 
säch un Annere die schennste Stunn dermit. Ach, 
Du laiwes Gottche in Deim Thron, un's Lewe 
gitt so schnell voriwwer." Heiter verfloß denn 
auch der Weihnachtsabend, Mamsell Gertrud 
plauderte lustig wie eine Gesunde und mußte 
oft ermahnt werden, sich zu schonen und nicht zu 
sehr anzustrengen. „Löß maich nor gieh, los; 
maich nor gieh, Hans!" rief sie, als Doktor 
Lebrecht wieder einmal diese Mahnung besorgt 
an sie richtete. „Wos leiht dann nu d'ran, 
ob's e Winker früiher oder später mit merr ze 
Enn gitt! Ich hab Eich zwäü so scheu zesamme 
Widder bei merr gehabt, un e greßer Glick kann 
merr des liewe Chriskinnche nit beschere. Alles 
Annere denk ich merr, ich sein nit so dumm, wie 
ich aussehe." Mamsell Gertrud schmunzelte und 
ließ ihr freundliches Auge so wohlgefällig ttiib 
bedeutungsvoll von dem Doktor auf das junge 
Mädchen gleiten, daß ihr dieser, einem heißen 
Herzensbedürfniß nachgebend, unwillkürlich dank 
bar die Hand drückte, während Klara zum ersten 
male ihre Harmlosigkeit verlor und über und 
über roth wurde. — 
Eiu Jahr war vergangen. Wieder hielt der 
heilige Christ den Einzug in die Häuser und in 
die Herzen, wieder zogen die Gedanken vieler 
Tausende am heiligen Abend aus der Fremde 
in die Heimath, in das Vaterhaus und in die 
Stube, wo ihnen nnter'm Weihnachtsbaum die 
heiligsten Freuden der Kindheit erblühten. Am 
Fenster einer Villa, deren schönsten Raum das 
Kerzengeflimmer einer deutschen Tanne durch 
strahlte, stand eng verschlungen und in seligem 
Glück ein junges Paar. Der Abendhauch trug 
den Duft der Orangen durch die offenen Flügel, 
Rosen rankten am Spalier des Hauses hinauf, 
das Meer, von dem tiefblauen Sternenhimmel 
überwölbt, rauschte leise unter den Fenstern und 
schillerte weit hinaus wie eine riesige, unter 
leichter versilberter Hülle melodisch bewegte Flüche. 
Es war einer jener wunderbaren Abende, wie sie
        

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