Full text: Hessenland (8.1894)

324 
holte, was sonst nirgends für es zu finden war: 
Trost und Muth, mütterliches Verständniß und 
werkthätige Liebe!" 
„Klara Kortefeld!" rief Doktor Lebrecht und 
streckte ihr beide Hände entgegen. „Sie sind es 
also wirklich! Ich wagte gar nicht meinen Augen 
zu trauen, weil Sie sich in Ihrem Wesen zu sehr 
verändert haben." 
Die junge Dame fühlte sofort heraus, auf was 
Doktor Lebrecht anspielte. „Ja, zwischen. einst 
und heute liegt auch ein Zeitraum von fünfzehn 
Jahren", erwiderte sie. „Das Leben hat mich 
inzwischen in eine strenge Schule genommen." 
„In der Sie sehr viel lernten, wie mir scheint, 
Fräulein Kortefeld. Ich habe Sie ja schon damals 
für ein ungemein begabtes, willensstarkes Kind 
gehalten, aber ich bin doch von Ihren Errungen 
schaften auf's Höchste überrascht." 
Klara hob die Rechte, als wolle sie ein un 
verdientes Kompliment abwehren. „Das kommt 
jedenfalls daher, weil Sie sehr lange nicht an 
mich gedacht haben, Herr Doktor. Da ist man 
bei einem unerwarteten Wiedersehen gewöhnlich 
sehr überrascht, einen anderen Menschen zu finden, 
als man sich vorstellte." 
„Mag auch sein", gab er etwas verlegen zu; 
denn es siel plötzlich wie ein Druck auf ihn, daß 
er ihre richtige Annahme nicht widerlegen konnte. 
Aber er wollte nicht zu einer Lüge seine Zuflucht 
nehmen, vielmehr die unverzeihliche und unbegreif 
liche Vergeßlichkeit durch einen zweifellos richtigen 
Hinweis zu mildern suchen. „Es wird Ihnen 
wohl ähnlich so gegangen sein wie mir, Fräulein 
Kortefeld", meinte Doktor Lebrecht. „Ich bin 
wohl auch längst aus Ihrem Gedächtnisse ent 
schwunden und sehe nicht mehr so aus wie das 
Bild, das Sie in Ihrer Erinnerung von mir 
bewahrten. Freilich, was Ihnen zum Vortheil 
gereichte, hat mir nur Nachtheil gebracht. Ich 
bin ein alter Knabe geworden." 
Die junge Dame schüttelte den feinen, von 
dunkelblondem Haar wellig umrahmten Kopf und 
sah den Doktor mit den klugen hellen Augen 
prüfend an. „Sie haben sich sehr wenig ver 
ändert", meinte sie ernst und ohne eine Spur 
von Koketterie. „Auch wenn ich nicht vor einiger 
Zeit Ihr Bild in einer medizinischen Zeitschrift 
gesehen hätte, würde ich Sie sofort wieder erkannt 
haben." 
„So? — Aber, wie kam das Bild in Ihre 
Hände?" 
„Ganz einfach. Ich habe Sie nämlich nicht 
vergessen, wie Sie glauben, Herr Doktor, und mich 
immer wieder bemüht, von Zeit zu Zeit etwas 
über Sie zu erfahren. Ich habe an allen Vor 
kommnissen in Ihrem Leben den wärmsten An 
theil genommen und war sehr erfreut, als mir 
Mamsell Gertrud neulich schrieb, Sie wollten 
bald einmal hierherkommen. Daß ich Sie wieder 
sehen würde, ahnte ich freilich damals nicht." 
Klara sagte das Alles ganz unbefangen und 
in schwesterlich vertraulichem Ton. Auf Lebrecht 
machten aber ihre Worte tiefen Eindruck. Es 
war ihm zu Muthe wie einem Kinde, dem das 
Christkind überreiche Gaben bescheert. Bewegt 
ergriff er ihre Rechte, drückte seine Lippen darauf 
und sagte: „Ich danke Ihnen, mein Fräulein! 
Wie schade, daß ich erst heute etwas von Ihrem 
freundlichen Gedenkei: erfahre." 
Eben hatte ihr seine Aufrichtigkeit, die lieber 
unhöflich war, als sich hinter eine Lüge flüchtete, 
noch große Achtung eingeflößt, jetzt dachte sie, 
etwas büßte er doch von seiner eckigen Gradheit 
in Italien ein, er hat gelernt, gegen eine Da:ne 
galant zu sein, ob er sich nun viel dabei denkt 
oder nicht! Unwillkürlich durchflog sie dabei 
die Frage, wer denn wohl die Glückliche sein 
möge, die jetzt sein Herz besäße. Erschien es ihr 
doch ganz natürlich, daß ein so braver und 
schöner Mann nicht ein ganzes Leben lang einer 
Enttäuschung nachhängen, sich vielmehr ein neues 
Glück begründen würde. Während sie mit ge 
neigtem Antlitz dasaß, studirte Lebrecht die fein- 
geschwungenen Linien ihrer Züge, die einst wie 
heute auf ein stark entwickeltes Empfindungsleben 
deuteten. Nach längerer Pause unterbrach er 
dann ihren Gedankengang durch die Frage, welcher 
glückliche Zufall es gefügt habe, daß sie gerade 
diese Weihnachten in Marburg zubringe. 
Nun erzählte Klara, schon seit Jahren sei es 
ihre Absicht, einmal wieder einen Weihnachts 
abend bei ihrer Wohlthäterin zu verleben, aber 
sie hätte die leidende alte Dame, bei der sie 
schon seit langer Zeit die Stellung einer Gesell 
schafterin bekleide, nie verlassen können. Da aber 
dieselbe augenblicklich sich ziemlich wohl bei ihrer 
ältesten Tochter in Frankfurt befinde, habe sie 
es gewagt, vor der geplanten Reise an die 
Riviera um einige Tage Urlaub zu bitten. 
Klara erklärte, als sie gehört habe, wie leidend 
Mamsell Gertrud seit letzter Zeit sei, hätte sie 
es kaum noch in ihrer Stellung aushalten 
können. Wie mit unsichtbaren Seilen habe es 
immer an ihr gezogen und ihr nirgends Ruhe 
gelassen. „Und ich glaube, es war das Richtige, 
daß ich meiner Sehnsucht nachgab," schloß sie 
bewegt, „denn ich fürchte, ich fürchte, Mamsell 
Gertrud wird keine Weihnachten mehr erleben. 
Sie ist sehr elend, viel kränker als sie selbst 
weiß."
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.