Full text: Hessenland (8.1894)

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diese sehr nachtheilige Folgen hatten, dem unglück 
lichen Fräulein aber merkwürdiger Weise die all 
gemeine Verachtung eintrugen. 
Folgen wir nun der Bevölkerung von der 
Taufe bis zum Grabe. 
„Vierundzwanzig Stunden nach der Geburt 
eines Kindes sorgt eine Magd für die Wiege, 
mit der das kleine unschuldige Ding verbunden 
wird, wie die Schildkröte mit der Schale. Das 
Kind wird in sein Wickelzeug geschnürt, nicht 
mit Bändern von Leinen oder anderen nach 
gebenden Stoffen, sondern mit Gurten, wie die 
der Pferde, und so fest von den Schultern bis 
zu den Fußgelenken verschnürt, daß man keinen 
Finger dazwischen stecken kann; dazu würgt man 
sie noch in eine Wiege hinein, die weiter nichts 
ist als ein Weidenkorb in der Gestalt einer 
Mulde, aus denen mau sie nur zum Wechseln 
der Windeln herausnimmt. Sie trinken, essen, 
schlafen und wachen immer in derselben Lage, 
und da ist es nicht zu verwundern, daß die 
zarten Glieder dieser kleinen Unglücklichen durch 
eine solche Behandlung verdreht oder verschroben 
werden, weshalb zahlreiche davon für ihr Leben 
lang hinkend bleiben. Nach Fertigstellung der 
Wiege macht die Magd ein Kißchen oder einen 
Kringel vom ersten besten Stück Zeug, das sie 
findet, legt dies auf den Kopf, setzt darauf die 
Wiege, und nun geht sie mit schlenkernden Armen 
zur Kirche, begleitet von der Kinderfrau, gefolgt 
vom Vater, den Pathen und Pathinnen, sowie 
einigen zur Taufe geladenen Leuten. Auf dieselbe 
Weise wird das Kind von der Taufe nach Haus 
zurückgetragen, wenn die Mutter es aufzieht, 
außerdem trägt man es stets ein zwei auch drei 
Lieues auf dem Kopf zu seiner Pflegemutter. 
Ich habe die ersten Male gezittert, als ich diese 
kleinen Unglücklichen wie einen Leinenpackeu, 
ohne die geringste Vorsicht, tragen sah. 
lSchluß folgt.) 
Airnrnelsrest. 
Eine Weihnachtsgeschichte von E. Mentzel. 
ar's ein Traum oder stand Doktor Hans 
Lebrecht wirklich auf dem Boden seiner 
Vaterstadt, den er seit fünfzehn Jahren 
nicht mehr betrat? — Die Augen des stattlichen 
Mannes folgten eine Weile der dunklen Schlange 
des im silbernen Abenditebel verschwindenden 
Zuges, dann gab er einein Dienstmanne einige 
Anweisungen über sein Gepäck und trat durch 
die Vorhalle des Marburger Bahnhofs wieder 
in's Freie. Das Leben hatte ihn hart gehäm 
mert, er ließ so leicht kein Gefühl Meister über 
sich werden, aber es fluthete doch heiß in ihm 
auf und drängte ihm das Feuchte in die Augen, 
als er die alte Stadt am Berge, von zahllosen 
Sternen überglänzt, im dichten Schneemantel vor 
sich liegen sah. Dort oben am Berge, wo die 
Straßen zum Schlosse emporkletteru, stand sein 
Vaterhaus, vor ihni stiegen die Thürme der alten 
Elisabethenkirche zum leicht verschleierten Himmel, 
dort drüben in einem der Gebäude, deren weißer 
Anstrich auch jetzt noch hell in's Thal uieder- 
schimmerte, verlebte er nach dem allzufrühen Tode 
beider Eltern seine Kindheit und erste Jugend. 
Wie viele schmerzliche Erinnerungen, wie manche 
bittere Erfahrung knüpfte sich an seinen Aufent 
halt in diesem Hause! Man glaubte das Beste 
für Hans Lebrecht zu thun, als man ihn in 
Pflege zu seinen nächsten Verwandten gab und 
ahnte nicht, daß der arme Junge bei den lieb 
losen und unbarmherzigen Menschen im Laufe 
der Zeit eine wahre Leidensschule durchmachte. 
Nur ein stolzer in sich gefestigter Charakter, nur 
eine stahlfeste Gesundheit waren im Stande, so 
viel Demüthigungen und Entbehrungen zu er 
tragen, ohne geistig oder körperlich davon ge 
schädigt zu werden. Doktor Lebrechts Blick floh 
wahrhaft von dem stattlichen Gebäude und nahm 
jetzt die Richtung nach Süden, wo die Straßen 
züge der Stadt sich um den Bergrücken wenden. 
Er sah das Häuschen nicht, in dem er einst die 
Liebe fand, die er bei seinen Verwandten so 
schmerzlich vermißte, aber er wußte ungefähr, 
wo's lag, und ließ lange seine Augen auf dieser 
Stelle ruhen. Während sich der Manu vorstellte, 
welche Freude die alte Mamsell Gertrud bei 
diesen! Wiedersehen empfinden würde, klopfte ihm 
unwillkürlich das Herz lauter wie einem Kinde, 
das sehnsüchtig Christkindchens Bescheerung er 
wartet. Da die alte Gertrud mit der Feder nicht 
auf dem besten Fuße stand und Hans Lebrecht 
immer nur das Allernothwendigste von ihr er 
fuhr, plante er längst eine Reise nach der Heimath, 
doch die Jahre, in denen er das Sanatorium 
eines alten Kollegen in einem reizenden Städtchen 
unweit Genua an der Riviera di Levante über 
nahm, legten ihm viel zu schwere Pflichten auf,
        

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