Full text: Hessenland (8.1894)

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stehen in jeder Hinsicht zurück, sie sind linkisch 
und voll von all' den Kleinigkeiten, die aus 
dem Fehlen des Geistes und dem Mangel der 
Erziehung entspringen. Nichts ist langweiliger 
als ihre Unterhaltung, die sich halb um Feld 
arbeiten und halb um die Tagesneuigkeiten dreht, 
z. B. die Heirath eines Maires, die Streitig 
keiten in diesem oder jenem Haushalt, beu Eintritt 
eines hugenottischen Fräuleins in ein Kloster, 
die Frage, ob man seinen katholischen Geliebten 
heirathen könne. Niemand ist geiziger mit der 
Zeit als die Leute hier, und Niemand wendet die 
Zeit, welche die vier Mahlzeiten frei lassen, 
schlechter an. Man steht mit der Sonne auf, 
man vertreibt die Zeit, indem man einige Male 
an einem Strumpf herumstrickt (die Frauen können 
nur stricken), Sixette oder, wie man hier sagt, 
Sizette spielt, schwätzt und sich langweilt. Ich 
höre alle Tage sagen: „Mein Gott, wie sind 
die Tage lang, es dauert lange, bis es Nacht 
wird." Leben diese Leute wohl zehn Jahre bei 
einem Alter von 50—60 Jahren? Abends nach 
dem Essen kommen die Gevatterinnen von hüben 
und drüben, — hier ist Alles Gevatter —, nach 
dem sie den Tag zusammen verbracht haben, 
nochmals unter den bedeckten Gängen, die 
der Bauart dieser Gegend entsprechen, zusammen, 
um zu schwätzen. Es herrscht tiefe Unwissenheit 
unter ihnen und eine unbescheidene Neugierde. 
An Sonn- und Festtagen kommen sie vor den 
Thoren zusammen und spielen Sizette, als Spiel 
tische dienen ihnen Teppiche. Die Männer haben 
eine Art von Kaffeehans, wo sie täglich zusammen 
kommen, wohin sie nach dem Mittagsessen gehen 
und wohin sie nach dem Abendessen zurückkehren 
und wo sie spielen und trinken. Dort sind sie 
von allen Ständen zusammen, der Ludwigsritter 
uitb der Schuster, der Beamte und der Schneider, 
die Müßiggänger, die Bauern, sie kommen zu 
sammen, um Sizette zu spielen, was sie bisweilen 
bis in den Tag hinein zusammen hält. 
Die Umgegend von Mauvezin ist mit Schlössern 
bedeckt, die zwar sehr alt und schlecht gebaut, aber 
von gutem Adel bewohnt sind, der sich fast alle 
Montag, an dem Markttag, in der Stadt versam 
melt ; die Einen kommen, um Frucht, die Andern, 
um Thiere, Pferde und Maulesel, zu verkaufen. 
Die Einen reiten aus ihren Zuchtstuten, die 
Anderen auf sehr artigen Pferden; die Elegants 
kommen iu Kabriolets, die durch einen Diener 
gefahren und schnell und flink gelenkt werden. 
Die Damen kommen zu Fuß, zu Pferd (sie 
reiten sehr gut), auf Mauleseln oder ans Eselinnen. 
Das ist der schöne Tag; da hatte ich Gelegenheit, 
eine Menge Offiziere zu sehen, die größtentheils 
den Feldzug gegen Hessen*) mitgemacht hatten 
und denen es ebenso großes Vergnügen machte, 
davon zu reden, als mir selbst, daraus einzugehen. 
Der Adel der ganzen Umgegend hat mich alsbald 
nach meiner Ankunft hier besucht; da die Schlösser 
nicht sehr entfernt sind, so ist es leicht, diese 
Besuche zu Fuß zu erwidern. Ich fand die 
Damen sehr liebenswürdig, wohl erzogen, artig, 
gut gekleidet unb roth geschminkt wie zu Paris." 
Bei einem dieser Spaziergänge besah man eine 
für die damalige Zeit wunderbare Erfindung 
eines Seidenfabrikanten, eine Maschine, durch 
die eine einzige Frau vermittels eines Leder 
riemens hundert Spulen bewegen und Seide 
haspeln konnte. 
Wie hohl die vornehme Gesellschaft aber 
bereits war, zeigt außer dem bereits Erzählten 
eine andere Geschichte. „Ein Herr von F. 
aus der Familie von Barbazan, genannt der 
Ritter ohne Furcht und Tadel, ein sehr artiger 
Herr, verliebte sich in die Tochter eines Buch 
händlers in dem benachbarten Toulouse. Sie 
wurde die Herrin seiner Handlungen oder viel 
mehr seiner Kassette, die 400,000 Franken oder 
100,000 Thaler einschloß. Er hatte eine Anzahl 
Nebenbuhler, schien aber vor Allen bevorzugt jtt 
sein, nur wollte sich das Fräulein nie erklären. 
Zwei Jahre lang machte er ihr unausgesetzt den 
Hof und verschwendete sein Vermögeil in großen 
und kleinen Geschenken. In Verzweiflung über 
den schlechten Erfolg seiner Liebeswerbung beklagte 
er sich eines Tages bei einer mit der Grausamen 
befreundeten Dame; diese empfahl ihm eine 
Entführung und ergriff mit ihm alle erforder 
lichen Maßnahmen, damit das Unternehmen 
glücke. In Folge dessen hielten sich zwei Freunde 
des Herrn von F. bereit, um sofort mit 
ihren Dienern Hand anzulegen. Die Dame 
lud das Fräulein zum Abendessen ein und ebenso 
den Liebhaber, der nicht verfehlte, ihr den Arm 
zu bieten, um sie iu ihre Wohnung zurückzuführen; 
aber-wenige Schritte vom Hans der Dame setzte 
man das Fräulein iu eine Portechaise, in der sie 
die genannten Personen geradewegs zu einem 
der Freunde brachten. Das Fräulein verweigerte, 
sich zu erklären, uitb die Freunde halfen dann 
dem Ritter ohne Furcht und Tadel, dem Fräulein 
die Schmach anzuthun, die nur durch eine schnelle 
Heirath gesühnt werden kann." Das Fräulein 
ergab sich aber doch nicht, ließ sich schleunigst 
nach Toulouse zurückbringen, heirathete einen 
anderen Liebhaber unb strengte nun gegen die 
Räuber ihrer Ehre Prozesse an, die zwar für 
*) Während des siebenjährigen Krieges.
        

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