Full text: Hessenland (8.1894)

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Auch eine Meise mV, mittägige Frankreich 
Von Otto G c r l a n d. 
(Fortsetzung.) 
Xffflw die Vorgänge beim Gottesdienst in der 
j Kirche in Montanban berichtet unsere 
hessische Erzählerin weiter: 
„Der Gottesdienst begann mit der Ver 
lesung eines Kapitels; der dienstthuende Vorleser 
war ein junger Mann in einem grauen Anzug 
mit einem großen Veilchenstranß im Knopfloch 
und wohl frisirt, mit einem Wort, sehr anständig. 
Der Ton seiner Stimme hatte nichts Angenehmes; 
er hielt oft an, oder die Stimme versagte ihm. 
Aber er sprach auch „le peuble d’Irael“, wobei 
er das 8 verschluckte, und nannte den Vater des 
heiligen Johannes des Täufers ,, Jacarie“. Darauf 
folgte vom Vorsitzenden der Aeltesten eine scharfe 
Rüge über de» Mangel an Andacht lind die Nach 
lässigkeit in der Theilnahme am heiligen Abend 
mahl, verbunden mit einer Mahnung, die Jugend 
besser zu erziehen, daß sie sich nicht so den Schau 
spielen und dem Spiel hingäbe, dann ein neues 
Verbot des Schwätzens, „de faire la belle con- 
versation“, so lauten die Worte, „aber meine 
Mutter schlägt mich, und ich schlage den Kreisel", 
sagt unser Freund Sancho. Die Leute befolgten 
keineswegs das Gebot zu schweigen, als Schwätzer 
sind sie geboren, als Schwätzer leben sie, und als 
Schwätzer sterben sie. Das Vorlesen und der 
Gesang der Psalmen dauerte bis zur Ankunft des 
Geistlichen, eines jungen Mannes von 20—30 
Jahren, wohl gebaut und mit einem angenehmen 
Gesicht, Namens Fon Frede ans der Grafschaft 
Foix. Ich war von seiner Predigt, die als Vor 
bereitung für das Weihnachts-Abendmahl*) dienen 
sollte, sehr befriedigt. Der geringe Anflug von 
der heimathlichen Mundart, den er sich bewahrt 
hatte, war nicht gerade unangenehm. Sri» Kollege 
Muralt war an den Blattern erkrankt. Die 
Fenster des Versammlungsraumes waren mit 
Vorsetzrahmen verschlossen, und die Hüte der 
Aeltesten dienten als Klingelbeutel. Die Pro 
testanten von gutem Ton, deren es viele giebt, 
haben meist den äußern Gottesdienst dem niedern 
Volk überlassen, sie würden sich zu entwürdigen 
glauben, wenn sie es veröffentlichen, daß sie Gutes 
thun, aber sie würden unwiderruflich beschimpft 
zu sein glauben, wenn sic bei einer Spielpartie 
*) Hieran schließt sich die Bitte der Briefschreiberin 
um Zusendung einer Bescheinigung ihres Heimathsgeistlichen, 
um diese dem Geistlichen in Montanban zwecks Zulassung 
zum Abendmahl vorlegen zu können. 
oder einem Schauspiel, das, nebenbei bemerkt, recht 
schlecht ist, fehlten. Die meisten von ihnen gehen 
weder zur Predigt noch znm Abendmahl sdie 
Katholischen nicht zur Messe), sie fürchten das 
zu erscheinen, was zu sein sie vorgeben. Einige 
lassen den Prediger zu sich in's Hans kommen, 
laden 15 bis 20 Freunde dazu ein, und nach 
dem sie alle zusammen zu Abend gegessen haben, 
hält ihnen der Geistliche während der Verdauung 
eine Predigt und reicht ihnen das Abendmahl, 
An den Orten der Gemeinde-Versammlungen 
wird das Abendmahl auch nur Nachmittags aus 
getheilt, damit ja nicht der Schlaf der Gläubigen 
gestört werde. Tie Geistlichen werden außerdem 
verzärtelt, geschont, geliebkost und sagen deshalb 
auch nur Artigkeiten, man macht es mit ihnen 
wie die Indianer mit dem Teufel, man beränchert 
sic, um nicht von ihnen geschlagen zu werden. 
Ich gestehe, daß ich von der Art des Landes 
hier wenig erbaut bin, ich glaube deshalb, daß 
man in keiner Ecke Europas leichtfertiger lebt. 
Ailch die Frauen der Handwerker sind zwar 
sehr artig, aber Alle sehr gefällig, was ihre Haltung 
niemals verleugnet. 
Die Kinder werden noch als Wickelkinder in 
Pflege außer dem Hans gegeben, das sagt Alles." 
Mitte Februar 1774 verlegte unsere Bcricht- 
erstatterin ihren Aufenthalt nach M a u v ez i n, etwas 
näher an die Pyrenäen heran, deren schneebedeckte 
Gipfel, von dem Pie du Midi überragt, die Aus 
sicht aus ihren Fenstern bildeten. Hier zeigte 
sich der Süden nicht nur in der Natur und 
Pflanzenwelt, sondern auch an den Menschen 
in unverkennbarster Weise. Die als Volksgenossen 
des guten Königs Heinrich IV. Theilnahme er 
weckenden Bewohner der Grafschaft Bearn mit 
ihrer an das Spanische erinnernden Tracht und 
Sprache erscheinen täglich als Verkäufer von Lebens 
mitteln lind Leinwand im Hause, die Gesichter 
der Bewohner sind stark an der Sonne gebräunt, 
bei den Weibern sogar häufig mit einem mit 
unter ganz stattlichen Schnurrbart verziert. Das 
Leben der leicht erregbaren Bewohner spielt sich 
meist im Freien ab. Doch auch die Abgeschlossen 
heit vom übrigen Frankreich macht sich geltend 
und zeigt sich bei Allen, die nicht „die Garonne 
verlassen und eine weniger warme Luft als die 
ihrer Heimath geathmet haben", also namentlich 
bei dem weiblichen Geschlecht. „Die Frauen
        

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