Full text: Hessenland (8.1894)

310 
Aber was wird dem, aus unserm Skat?" — 
„Den spielen wir ein ander Mal weiter, Herr 
Oberst," sagte der Doktor, „eben ist keine Zeit 
vorhanden." Und das war wahr. Denn im 
selben Augenblick war Luise zurückgekommen, 
uitb der Doktor zog das Mädchen an sich und 
küßte es auf die frischen Lippen, ohne sich um 
die übrige Welt, einschließlich des gestrengen Herrn 
Obersten, im Mindesten zu kümmern. 
i-**!"*- 
Uertiorgrillirit. 
Die holde Maid 
Verborgenheit 
Erblüht int dunkeln Waldesranm. 
Im tiefen Hag 
Sie finden mag 
Ein leise streifend Lüftchen kaum. 
Es dringt zu der geheimen Stelle 
Kein Waidgeselle. 
Sie hüllet sich 
Gar züchtiglich 
In goldnes Haar und grünes Laub. 
Ihr Schmuck allein 
Der Mondenschein 
Und bunter Falter Flügelstaub. 
So kauert sie im dunkeln Moose, 
Die Gleichenlose. 
O holde Maid, 
Verborgenheit, 
Wie lockst Du süß im Waldesgrund! 
Wer je Dich fand, 
All' Leid entschwand, 
Denn linde Tröstung beut Dein Mund! 
Wen je Dein weicher Arm umschlungen, 
Hat Ruh' errungen! 
Mkljel'm Aennccke. 
Aus alter und neuer Zeit. 
Eine Attila sage im Hessenland. In 
Udenhausen liegt, — so berichtet die Sage —, 
das Schwert Attila's vergraben. Das stille 
Dörfchen Udenhausen liegt inmitten von Wäldern 
int Amte Grebenau, an der alten Straße, die von 
Hersfeld über Lanterbach uitb Herbstein in die 
Wetterau führt. Wer zuerst die obige Sage nns 
mittheilte, ist zu meinem großelt Leidwesen mir 
entfallen; es war in der Schulzeit, und zwar in 
der Zeit, da die Nibelungensage das empfängliche 
Gemüth bewegte, Siegfried unsere Sympathien, 
Hagen dagegen nufere ganze Abneigung besaß. 
Was dem grübelnden Sinn des Schülers ohne die 
Kenlltniß historischer Thatsachen nicht verständlich 
sein konnte, wurde ohne Prüfung für wahr all 
genommen, es galt sogar für ausgemacht, daß 
unmöglich das Schwert Attila's allein dort liegen 
könne, sondern der Heerführer selbst dort begraben 
sei —, stand doch König Alarich's Beispiel 
zu Gunsten unserer Auffassung. — Der der Sage 
zu Grunde liegende Kern ist folgender: König 
Heinrich's IV. Regierungszeit war mit Kämpfen 
aller Art angefüllt, und zu seinen erbittertsten 
Gegnern gehörten die Sachsen. Im Frühjahr des 
Jahres 1071 lagen sich die feindlichen Heere in 
der Kasseler Landschaft gegenüber. Heinrich hatte 
mit seinen Franken und Schwaben den stattlichen 
Dörnberg besetzt, der heute noch die Spurlinien 
der Verschanzungell aus jener fernliegenden Zeit 
trägt, das Sachsenheer unter Herzog Otto von Nort 
heim hatte dagegen^den Hasnnger Berg 31t einer 
Festung umgewandelt. Der unvermeidlich scheinende 
Kampf endete in Folge der diplomatischen Künste 
Heinrich's mit der Unterwerfung der sächsischen 
Heerführer unter dem Schiedsspruch eines dem 
nächst abzuhaltellden Fürstengerichts. Hierauf eilte 
Heinrich nach kurzem Aufenthalte in Goslar, 
seinem bevorzugten Sitz, nach Mainz, wo die 
geistlichen Würdenträger eben versammelt waren, 
um über einen seiner Anhänger, den Bischof 
von Konstanz, zu Gericht zll sitzen. Es ist leicht 
erklärlich, daß Heinrich aus dieser Reise Hersfeld, 
einen seiner Hauptstützpunkte, nicht unberührt ließ 
lind dann aus dem Eingangs geschilderten kürzesten 
Wege weiter eilte. Eine halbe Tagereise von 
Hersfeld entfernt liegt nun das Dörfchen Uden 
hausen, wo für den König und sein stattliches 
Gefolge das Mittagsmahl bereitet wurde. Beim 
Wiederaufbruch wollte Luitpold von Merseburg, 
eill Markgraf aus Sachsen, Anhänger und Günst 
ling des Königs, sein unruhiges Pferd besteigen, 
kam hierbei zu Fall und verletzte sich so schwer 
an seinem eigenen Schwert, daß er seiner Wunde 
erlag. Dieses Schwert nun, wenn wir dem ehr 
lichen Geschichtsschreiber Lambert von Aschaffen 
burg Glauben schenken dürfen, ist das Schwert des 
Hunnenkönigs Attila gewesen, das durch eine 
ungarische Königin an den Herzog Otto von Baiern 
und von diesem durch den Markgraf Tedi in den 
Besitz des Königs gekommen war. Heinrich hatte 
es seinem begünstigten Liebling Luitpold von 
Merseburg geschenkt, wahrscheinlich auch in An-
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.