Full text: Hessenland (8.1894)

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ein; er kommt gerade dazu, als Vater und 
Tochter sich zu dem einfachen Nachtmahl setzen 
wollen. Der Doktor begrüßt den Oberst höflich 
und reicht auch Luise die Hand, ohne daß der 
Papa Einsprache erhebt. — „Nun", meint im 
Laufe des Gesprächs der Oberst, „nun, Herr 
Doktor, jetzt ist ja wohl die verfluchte Influenza 
überstanden? Und heute Abend erlauben Sie mir, 
meinen Skattisch im ,Schwan' aufzusuchen?" — 
„Das geht nicht", sagt der Doktor entschiede». 
„Das dürfen Sie auf keinen Fall." — „Aber 
wenn ich doch gesund bin!" ruft der Oberst 
ärgerlich. — „Sie sind Rekonvaleszent, Herr 
Oberst, und wollen erst gesund werden. Bei dem 
schneidigen Ostwinde, der draußen weht, wäre es 
eine Gewissenlosigkeit, würde ich Sie hinauslassen." 
Da half kein Vorstellen und Bitten, Doktor 
Wehn war unbeugsam. Murrend ergab sich der 
Oberst in sein Schicksal. „Sie wissen nicht, was 
Sie mir anthun, Doktor, indem Sie mich um 
meinen Skat bringen." — „Schweren Herzens 
thue ich's nur, Herr Oberst, denn —" — „Was 
meinst Du, Papa," fiel Luise ein, „wenn ich 
Sechsundsechzig mit Dir spiele." — „Ein fades 
Spiel!" sagte der Oberst verdrießlich. — „Ich 
kann ja auch ein Bischen Skat", meinte das 
Mädchen. — „Schon! Aber woher den dritten 
Mann nehmen?" — „Wenn Sie mit mir vor 
lieb nehmen wollen, Herr Oberst," bemerkte hier 
Doktor Wehn rasch, „so stehe ich zu Ihrer Ver 
fügung. Ich bin ein eifriger Skatspieler, und da 
ich außerdem meine Krankenrunde beendet habe, 
habe ich Zeit!" Der Oberst war hocherfreut, und 
Luise hatte auch nichts einzuwenden. — „Nun 
rasch essen", rief der Alte, der die Skatzeit kaum 
erwarten konnte. „Sie thun doch mit, Doktorchen. 
Etwas sehr einfach, Butterbrod, Wurst, Käse, 
Bier." — „Mit Vergnügen, wenn Sie erlauben." 
Bald war das Abendbrod eingenommen, und 
Babette trug das Tischgeräthe ab. Der Doktor 
war auf einen Augenblick zur Frau Oberst ge 
gangen, und Luise holte auf des Papas Geheiß 
Karten, Bier und Cigarren herbei. — „Der 
Doktor ist wahrhaftig kein übler Mensch", sagte 
der Alte halblaut. Aber Luise hatte ihn ver 
standen und fügte eifrig hinzu: „Siehst Du, Papa? 
Jetzt lernst Du ihn auch schätzen!" — „Dummes 
Mädel, ich habe Dich um Deine Meinung gar 
nicht gefragt. Außerdem möchte ich mir nach 
drücklich verbitten, daß Tu dem Herrn Doktor 
Deine gefühlvollen Blicke zuwirfst. Verstanden ?" 
Doktor Wehn kam in diesem Augenblicke zurück, 
und so i war Louise jeder Antwort überhoben. 
Sie hätte auch um eine solche nicht gebangt, 
denn aus den knurrenden Worten des Vaters 
ging ja deutlich hervor, daß er keinerlei Ab 
neigung mehr gegen den Doktor hatte. Man 
setzte sich und fing an zu spielen. Der Oberst, 
ein eifriger und geschickter Skatmann, hatte als 
bald herausgefunden, daß Doktor Wehn ein seiner 
Spieler sei. „Beim Himmel, Doktorchen," rief 
er, als gerade Luise die Karten mischte, „Sie 
haben's los. Das war eben ein Spielchen, das 
sich gewaschen hat." 
Luise war so erfreut über die Fortschritte, die 
ihr Heinrich in dem Herzen des Papas machte, 
daß sie — dem ausdrücklichen Verbot zuwider 
— dem Liebsten einen glückseligen Blick zuwarf, 
den der Doktor durch ein Kußhändchen erwiderte. 
— „Aber Doktor, Schellen ist ja Trumpf, was 
machen Sie denn." — „Ach so", sagte Doktor 
Wehn phlegmatisch, zog die grüne Zehn, die er 
irrthümlicherweise dem Gegner „gewimmelt" hatte, 
zurück und warf ein kleines Schellen bei. 
Nach einer kleinen Weile rief der Oberst plötzlich 
empört: „Aber zum Teufel, Luise, Du hättest 
keine Eckern mehr, das ist ja nicht möglich! Aha, 
sieh da, Jungfer Leichtsinn!" Sv ging es fort. 
Einmal bediente Luise überhaupt nicht, nicht weil 
sie die Farbe nicht mehr hatte, sondern weil der 
Doktor ihre Hand festhielt. 
Der Oberst hatte es erst bemerkt, als das 
Spiel eine halbe Minute gestockt hatte. Er 
blickte über seine Karten und sah, was vorging. 
„Na, da soll ja doch gleich —, Herr Doktor, 
wollen Sie augenblicklich die Hand los lassen?" 
brauste der alte Herr auf. Doktor Wehn war 
aufgesprungen, aber er hielt Luisens schmale weiße 
Rechte noch fest in seinen Händen. „Ich werde", 
sagte er, den Obersten ansehend, „nicht nur diese 
Hand nicht lvs lassen, sondern ich will Sie zugleich 
fragen, Herr Oberst, ob Sie mir die Hand und 
ihre Besitzerin für's Leben anvertrauen wollen?" 
Und Luise richtete einen so flehenden Blick aus 
den alten Herrn und flüsterte schmeichelnd: „O 
einziger bester Papa!" daß ihm ganz weich im 
Gemüth wurde und er schließlich sagte: „Was 
kann man denn da machen? Nehmen Sie sie 
hin und behandeln Sie mir das Kind gut. 
Sonst — —" 
Was er weiter sprechen wollte, erstickte, denn 
Luise war dem Papa in die Arme gefallen und 
bedeckte sein runzeliges Gesicht mit Küssen. 
„Laß mich los", rief der Oberst endlich. „Geh' 
zur Mama, da ist das besser angebracht." Und 
Luise lief zur Mutter, um ihren Segen einzuholen. 
Der Doktor aber füllte die Gläser und stieß 
mit seinem an dasjenige des Obersten an: „Es 
lebe die Influenza!" — „Sie Sakermenter!" 
schalt der Alte. „Haben mich richtig drangekriegt.
        

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