Volltext: Hessenland (8.1894)

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die Zeitungsschreiber ausgeheckt, die iu der stillen 
Zeit zwischen den Jahren keinen sonstigen Stoss 
haben!" — „Und doch, es ist die Influenza, 
ganz sicher, ich weist es!" beharrte das Mädchen. 
— „Grünschnabel! Wenn ich, Dein Vater, Dir 
sage, es ist keine Influenza, so hast Du nicht zu 
widersprechen." — „Trotzdem sag' ich es, Papa, 
denn ich weist es von Jemandem, der das doch 
besser beurtheilen kann, als selbst Du —" - 
„Nun und von wem?" — „Von einem Arzte. 
Ach!" 
Das arme Kind hatte sich verplappert. Der 
einzige Arzt auf mehrere Stunden im Umkreis 
war Doktor Wehn. „Natürlich! Von dem Doktor 
Wehn!" schrie der Oberst wüthend, obgleich er 
im Grunde recht froh war, das; seine Befürchtungen 
wegen der Pilze grundlos waren. „Der Herr 
Doktor denkt wohl, mit Hilfe der Influenza sich 
hier einzunisten, he? Daraus wird nichts. Nicht 
über die Schwelle kommt er mir." Der alte 
Herr hatte sich in Wuth geredet und that einen 
gräßlichen Schwur, das er den Doktor nicht gegen 
die Influenza holen werde. 
Indeß, die Verhältnisse erwiesen sich in diesem 
Falle stärker als der menschliche Wille. Am 
nächsten Tage waren Vater, Mutter und Tochter 
nicht nur erheblich kränker geworden, sondern auch 
das Dienstpersonal, bestehend in dem alten, steifen 
Johann und der gleichfalls nicht mehr jugendlichen 
Babette, war von der tückischen Krankheit befallen 
worden. Das Reinig'sche Haus glich einem 
Lazareth. Im Schlafzimmer lag die Frau -Oberst 
im heftigen Fieber, im Eßzimmer hatte sich Luise 
auf den alten Divan gelegt, im Wohnzimmer 
fast brummend der Alte im Lehnstuhl. In der 
Küche hustete Babette, und Johann, der die 
Influenza durch reichlichen Alkoholgenuß zu 
bändigen trachtete, hockte halb berauscht in seinem 
ebenerdig gelegenen Stübchen. Sv ergab cs sich 
denn schließlich von selbst, daß Doktor Wehn 
geholt werden mußte, um nach dem Rechten zu 
sehen. Die Frau Oberst bestand ganz entschieden 
darauf, und da der alte Herr sich tenfelsmästig 
schlecht fühlte, war er trotz seiner Einwendungen, 
Flüche und Redensarten herzlich froh, als man 
ihm die Einwilligung abgerungen hatte. 
Daß Doktor Wehn sich beeilte, born Rufe 
Folge zu leisten, ist nicht verwunderlich. Ain 
folgenden Morgen erschien er in aller Frühe. 
Der Herr Oberst, mit dem er sich zuerst beschäftigte, 
hielt es für angemessen, dem jungen Arzte gleich 
den Standpunkt klar 51t machen. „Herr Doktor, 
Sie sollen uns von der niederträchtigen Influenza 
befreien. Weiter nichts. Ich erwarte, daß sich 
allein darauf Ihre Thätigkeit in diesem Hanse 
beschränkt." Dabei hatte der alte Soldat beit 
jungen Mann mit einem energischen Blicke an 
gesehen. 
Aber der Doktor liest sich nicht einschüchtern. 
Ein spöttisches Lächeln flog um seinen Mund, 
Ohne ein Wort direkt zu erwidern, erfaßte er die 
Hand des Obersten, fühlte ihm den Puls und 
sagte dann mit scharfer Betonung: „Wie ich 
sofort bemerkt habe, Herr Oberst, haben sie starkes 
Fieber. Sie müssen augenblicklich in's Bett." 
Der Oberst brummte etwas Unverständliches in 
den Bart; der Hieb hatte gesessen. 
Doktor Wehn begab sich darauf zu der Frau 
Oberst und zuletzt zu Luise. Luise hatte sich er 
hoben und ging ihm entgegen, beide Hände ihm 
entgegenstreckend. Der Doktor zog das Mädchen 
an sich und küßte es. „Armes Kind! Du bist 
auch krank!" — „Ach Heinrich," sagte Luise, 
„das ist das Wenigste, Schlimmeres ist passirt." — 
„Erschrecke mich nicht, Luise!" — „Höre, Liebster!" 
Und sie erzählte die heftigen Auftritte, die sie 
mit dem Vater gehabt; sie zweifele, — so schloß 
sie —, daß dieser jemals seine Zustimmung geben 
werde. — „Nur nicht verzagt, mein Lieb," sagte 
der junge Arzt tröstend. „Wir wollen den Kampf 
für unser Glück muthig durchkämpfen und wir 
werden siegen." — „Glaubst Du es, Heinrich?" 
fragte Luise. Sie sah ihn mit Augen an, die 
selbst glaubten. 
Schon am Abend desselben Tages erschien 
Doktor Wehn wieder. Und so jeden Tag. Der 
Oberst hätte lügen müssen, wenn er hätte sagen 
wollen, daß ihm das unangenehm sei. Nein, er 
hatte den Doktor bald recht gern. Der erzählte 
die prächtigsten Anekdoten, und, — was mehr 
war —, er hörte verstündnißvvll zu, wenn der 
Oberst erzählte. Er gestattete dem Patienten, 
sein Pfeifchen zu rauchen und sein Glas Bier zu 
trinken, kurz, er erwies sich als ein durchaus ver 
nünftiger Mensch. Die Frau Oberst schwärmte 
in aller Kürze für Doktor Wehn, der nicht nur 
als sorgsamer und gewissenhafter Arzt sich zeigte, 
sondern auch als ein hochgebildeter und gemüth- 
vvller Mann. Sie hatte sich vorher schon mit 
dem Gedanken vertraut gemacht, in Doktor Wehn 
ihren zukünftigen Schwiegersohn zu erblicken, und 
jetzt, wo der Doktor täglich um sie war, war sie 
völlig mit Luise einverstanden. — 
Acht Tage sind verflossen seit jenem Abend, 
an welchem der Oberst sein Töchterchen zu enterben 
gedroht. Tie Influenza ist im Weichen begriffen. 
Der Alte ist fast ganz wohl, Luise desgleichen. 
Nur die Frau Oberst leidet noch, hauptsächlich 
an Gliederschmerzen, die es ihr unmöglich machen, 
das Bett z» verlassen. Abends tritt Doktor Wehn
        

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