Full text: Hessenland (8.1894)

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beschliche», gewaltsam zurückgedrängt und sah säst 
trotzig drein. Ihre grauen Augen blickten gerade 
so fest und furchtlos wie diejenigen des Herrn 
Papa, als sie sagte: „Ich heule Dir nichts vor 
und will mich nicht salviren, Vater. Aber ich liebe 
den Doktor Wehn und werde nicht von ihm lassen." 
Der Alte schien nicht recht zu wissen, was er 
auf diese Bemerkung zu erwidern hatte. Sollte 
er das Töchterchen wegen der unerhörten Insub 
ordination beim Kragen nehmen und einsperren? 
Oder sollte er die ganze Geschichte nicht vielmehr 
ungeheuer lächerlich finden? Das Letztere schien 
ihm schließlich das Gerathenste, und er schlug eine 
Helle Lache auf. „Sie liebt! Hörst Du's, Alte? 
Sie liebt." lind da die Frau Oberst nur durch 
ein verstärktes Klappern der Stricknadeln antwortete, 
fuhr er in seiner bärbeißigen Ironie fort: „Das 
Jüngferchen liebt! Ist noch nicht hinter den 
Ohren trocken, fängt aber schon ein Verhältniß 
mit einem Herrn Doktor Wehn au. Die göttliche 
Liebe! Der Vater ist natürlich ein Barbar, weil 
er die zarten Gefühle des Töchterchens nicht zu 
würdigen weiß, ein Menschenschinder, ein Calignla, 
ein Buschiri — nicht wahr? Aber" — und jetzt 
fiel der Oberst wieder in den früheren Zorn — 
„meine Geduld ist zu Eude! Ich dulde die Wirth 
schaft nicht uud werde Dich zu Vernunft und 
Mores mit Gewalt zwingen, wenn's nöthig!" 
Luise antwortete nichts. Sie nahm einen Theil 
der auf dem Tische stehenden Eßgeräthe an sich 
und verließ das Zimmer. Ihr Antlitz war ruhig, 
wenn auch von leichter Blässe überzogen, und 
nur das Wogen ihres hochgewölbten Busens ver 
rieth ihre innere Erregung. 
Frau Oberst v. Reinig hatte in die erregte 
Auseinandersetzung zwischen Vater und Tochter 
trotz der an sie ergangenen Aufforderung aus 
zwei Gründen nicht eingegriffen; einmal, weil 
der Gemahl sie mit „Alte" angeredet hatte, was 
sie als durchaus taktlos ansah, zweitens aber, 
weil sie in der peinlichen Angelegenheit sich eine 
eigene Meinung eigentlich noch nicht gebildet hatte. 
Sie stammte aus einer verarmten gräflichen 
Familie und besaß eine gute Summe Adelsstolzes; 
doch war sie zu einsichtig, um nicht zu wissen, 
daß sie und ihr Gatte thöricht handeln würden, 
wollten sie die Bewerbung eines tüchtigen und 
ehrenhaften Mannes wie des Doktor Wehn zurück 
weisen. Wenn sic daher die Gründe für und 
wider diese Heirath abwog, war sie geneigt, den 
ersteren eine stärkere Bedeutung zu geben. Allein 
die Heftigkeit ihres Gatten kennend, hatte sie be 
schlossen, vorläufig sich von jeder Einmischung 
fernzuhalten, um für gelegenere Zeit ihren ver 
söhnenden Einstliß geltend zu machen. 
Am andern Vormittag ging der Oberst im 
Wohnzimmer auf und ab. Er hatte Kopfweh, 
Fieber und Schnupfen, litt an Appetitlosigkeit, 
kurz, er fühlte sich recht unwohl. Anfangs meinte 
er, daß die Aufregung über das „gottlose 
Mädchen" ihm geschadet habe, aber er sah bald 
ein, daß hier thatsächlich ein körperliches Uebel- 
befinden vorhanden war. Er öffnete die Thür 
zum Zimmer seiner Frau. „Margaretha!" Ein 
leises Stöhnen war die Antwort. „Margaretha!" 
Wieder ein Stöhnen. „Fehlt Dir etwas, Mar 
garetha!" — „O," seufzte die Gattin, „ich habe 
schlimmes Kopfweh!" — „Das habe ich auch", 
knurrte der Oberst. — „Und Fieber und Schüttel 
frost." — „Stimmt." — „Und Schnupfen." 
— „Wie bei mir. Was soll Das heißen?" — 
„Und Gliederschmerzen." — „Ganz mein Fall! 
Margaretha, ich glaube, —" — „Was meinst 
Du?" — wir sind — vergiftet!" 
Die arme Frau Oberst vermochte nur durch 
ein wiederholtes Stöhnen zu antworten. „Halt, 
ich hab's!" rief der Oberst. „Ich weiß es! O, 
die Schwämme von gestern, diese verfluchten 
Schwämme!" 
Das war richtig, wie der Frau Oberst mit 
Schrecken einfiel. Sie hatte die getrockneten 
Schwämme zwar sorgfältig durchgemustert, aber 
eine absolute Sicherheit der Uugefährlichkeit ist 
eben bei getrockneten Pilzen nicht zu konstatiren. 
„Ich habe es ja immer gesagt, daß Ihr mit deu 
I verfluchten Schwämmen noch ein Unglück an 
richtet", sagte der Oberst. Die Pilze waren 
nämlich seine Lieblingsspeise, und er hatte gestern 
Abend gewiß drei Viertel derselben verzehrt. 
Indem trat Luise in das Wohnzimmer. Ihr 
Gesicht war blaß, sie war offenbar nicht wohl. 
„Papa, ich bitte, mich heute von Essen dispensiren 
zu wollen, mir ist nicht gut, ich — ich muß zu 
Bette." — „Hörst Du's, Alte," schrie der Oberst, 
„hörst Du's? Nicht wahr, Kopfweh, Mädel?" 
! fragte er eifrig, und als sie bejahte, fuhr er fort: 
i „Und Fieber? Und Gliederschmerzen? Und 
Schnupfen?" — „Ja, ja, ja!" 
Beinahe triumphircnd schrie der Vater in das 
i Wohnzimmer: „Wir sind wahrhaftig vergiftet, 
j Margarethe." — „Vergiftet?" rief erschrocken das 
! Mädchen. — „Ja, Deine Mutter und ich sind 
! unter denselben Symptomen erkrankt wie Du." - 
I „Papa, ich glaube uicht daran, ich glaube es 
I gewiß nicht, Weißt Du was uns fehlt? Wir 
! haben die Influenza. Tn liest ja doch jeden 
! Tag in den Zeitungen, welche Fortschritte sie 
macht. Gerade so tritt sie ans wie hier." - 
j „Dummes Zeug!" brauste der alte Herr auf. 
I „Influenza! Das ist so ein Schwindel, den haben
	        

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