Full text: Hessenland (8.1894)

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G. «Humoristisches. 
44. Wenn der Lenz die Blumen bringt 
Und die Nachtigallen singt. 
Und die Welt und Felder lachen 
Und die Vögel Hochzeit machen. 
Mürlenbach. 
45. Als ich tu dieses Haus 'nein kam, 
Uebernahnr mich großes Wunder. 
Denn als ich Alles in's Auge nahm, 
Da war auch nichts darunter, 
Das nicht entzwei, zerrissen war 
Hub auch beschmutzt ja ganz ltnb gar, 
Daß Gott soll sich's erbarmen. 
Sterztzausen. 
46. Wenn ich wüßte aller Menschen Gedanken 
Und könnte heilen alle Kranken, 
Aus alten ßeitteu junge machen. 
So wollt' ich die ganze Welt auslachen. 
Nie-rrrvrimar. 
47. Ein Felsenkeller zeigt uns an, 
Wo früher hier ein Kloster stand. 
Ihr Wanderer, kommt All' herein,' 
Hier giebts 'neu guten Schoppen Wein. 
Hachborn. 
48. Es war ein Weib, eine schöne Figur, 
Sie heirathete, ehe sie war alt, eine Uhr, 
Sie gebar, ehe sie war alt ein Jahr, 
Und starb, ehe sie geboren war. 
Wohra. 
49. Schuhmacher braucht man überall 
Vom Bettler bis gum Edelmann, 
D'rum wer nicht barfuß laufen kann. 
Der muß sich bei uns melden all. 
Ein Jeder fühlt sich schon beglückt. 
Wenn ihn der Schuh so hart nicht drückt. 
Schiffelbach. 
50. Wenn es wäre Landessitte, 
Daß man der H . . . die Nase abschnitte. 
Dann würde gewißlich mancher Mann 
Seine Frau ohne Nase han. 
Schiffelbach. 
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Doktor Wehn. 
Erzählung von D. John. 
f l er alte Oberst schlug mit der flachen Hand 
e auf den Tisch, daß Teller und Gläser, die 
Cy von dem eben gehaltenen Abendessen noch 
dastanden, klirrten lind schüttelten und ein Messer- 
block sich überschlagend in das Zimmer flog. 
„Und das sag' ich Dir, Mädel, wenn Du Dir 
den Gedanken an den Doktor ilicht aus deni 
Kopfe schlägst, sind wir geschiedene Leute. Du 
weißt, ich scherze nicht. Entweder Du giebst dem 
Menschen den Abschied — oder ich — verstoße 
Dich, enterbe Dich." 
Letztere fürchterliche Drohung, die der Oberst 
v. Reinig mit einiger Vorliebe gegen sein Töchter 
lein auszustoßen pflegte, wenn dasselbe einmal 
widerspenstig war, war im Grunde genommen 
doch recht harmlos, denn der Himmel hatte den 
biedern Kriegsmann nur in sehr bescheidenem 
Maße mit irdischen Gütern gesegnet. Doch der 
gewaltige Ernst, mit dem der alte Herr sic ans 
sprach, verfehlte gewöhnlich seine Wirkung nicht 
ans Luise, der bei solchen harten Worten die 
schrecklichsten Zukunftsbilder sich zu enthüllen 
pflegten. Heute aber blieb die Wirkung aus: 
das Mädchen stand ruhig, selbstbewußt und in 
straffer Haltung da. 
Die Mutter klapperte in der Osenecke des alt 
modischen, aber recht wohnlichen Zimmers mit 
den Stricknadeln, das Auge unverwandt auf Luise 
geheftet. Sv hatte sie das Mädchen noch nie ge 
sehen. Welche Entschiedenheit des Ausdrucks und 
der Bewegung bei ihr, die sonst so stille, fast 
zaghaft war! Das Mutterauge sieht scharf, und 
es fand hier richtig heraus, daß die Liebe diese 
Veränderung hervorgebracht habe. — „Was hast 
Du zu antworten, Luise?" sagte der Oberst, die 
eisengrauen Brauen zusammenziehend. Das 
Mädchen wartete noch einen Augenblick, ehe cs 
antwortete: „Ich kann nicht, Vater. Verlange 
das nicht! Alles, nur Das nicht." — „Gerade 
Das verlange ich!" rief der Oberst, der sich 
mittlerweile seine Meerschaumpfeife angezündet 
und in dem alten Lehnstuhle Platz genommen 
hatte. — „Ich will — ich verspreche Dir, ach 
Vater —" 
Luise wurde bewegt und wollte sich dem alten 
Herrn nähern, aber er stieß sie rauh zurück. 
„Dummes Zeilg! Heulereien! Damit wollt Ihr 
Weiber Euch immer im entscheidenden Augenblick 
salviren. Aber ich falle ans den Schwindel nicht 
herein!" Er brummte, aufstehend und das 
Zimmer durchschreitend, noch weitere wenig 
schmeichelhafte Bemerkungen über das andere Ge 
schlecht in den Bart. 
Luise hatte die weiche Stimmung, die sie eben
        

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