Full text: Hessenland (8.1894)

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sein brach sich schon durch die dumpfe Betäubung 
des ersten Schmerzes Bahn. 
Am liebsten wäre Tankmar nach dieser Ent 
täuschung sogleich abgereist, aber das würde zu 
Mißdeutungen Veranlassung gegeben haben, also 
hieß es ausharren bis zum anberaumten Termin. 
Außerdem hegte Agnese den dringenden Wunsch, 
der doppelten Tyrannei Tante Klementinens und 
des Hoflebens zu entfliehen. Sie hoffte noch auf 
die Zustimmung ihres Vaters, den Ohm für 
einige Zeit nach Welsen zur Großmutter begleiten 
zu dürfen. 
Die junge Dame, welche freilich den Zusammen 
hang der Dinge so wenig wie alle klebrigen kannte, 
aber die Antipathie gegen Fräulein von Wilden, 
nicht überwinden konnte, stand auf ihres Ohmes 
Seite. Eines Tages unterhielten sich die Beiden 
bei einer Partie Schach, als der Geheimrath zu 
ungewohnter Stunde und mit großer Feierlichkeit 
bei ihnen eintrat. Loßberg durchmaß mehrmals 
die Länge des Zimmers und machte dann bei den 
harmlos Dasitzenden Halt. 
„Du mußt mir zugeben," begann er, sich an 
seinen Schwager wendend, „daß das unver 
antwortliche Spiel, welches Du mit dem Fräulein 
von Wilden getrieben hast und das Du ohne 
eine Veranlassung ihrerseits abbrachest . . ." 
„Erlaube," fiel ihm hier Münikerode in die 
Rede, „ich habe schwerwiegende Gründe für mein 
Verhalten." 
„Welche Du aber nicht die Gnade hattest uns 
mitzutheilen. Du läßt es ruhig geschehen, daß 
der Name einer Dame aus den ersten Kreisen 
der Hofgesellschaft komprvmittirt wird. Ich bin 
für Dich in die Schranken getreten, ich habe mich 
soeben mit Aurora von Wilden verlobt." 
Einem Blitzstrahl gleich fuhr diese unvermuthete 
Nachricht nieder zwischen die friedlichen Wider 
sacher am Schachbrett. Mit so jähem Ruck 
schnellte das Mädchen empor, daß die feingeschnittenen 
Elfenbeinfiguren in ganz respektwidriger Nicht 
achtung ihres Ranges durch einander polterten. 
„Vater," rief sie in höchster Erregung, „wie 
kannst Du mir das anthun!" 
Unter dem strengen Blicke des Geheimraths 
verstummte ihre weitere Klage, während Tankmar 
Aus Hermath und Fremde. 
Am 6. Januar, dem Todestage des Kur 
fürsten Friedrich Wilhelm von Hessen, 
war dessen Grabstätte am alten Friedhofe reich 
geschmückt. Außer den prachtvollen Kränzen, 
welche wie alljährlich seit seinem Hinscheiden vor 
noch vergeblich nach einer milderen Auffassung 
rang. 
„Ich hatte eine freudigere Ausnahme meiner 
Mittheilung erwartet", sagte jetzt der Geheimrath. 
„Es mag sein, daß dieselbe Euch zu überraschend 
traf. Nun wohl, ich gönne Euch Zeit, einen 
freundlicheren Gesichtspunkt für ihre Beurtheilung 
zu finden, von meiner Tochter wenigstens kann 
ich das verlangen." 
Tankmar ermannte sich nun doch zu einem 
Glückwunsch, worauf Loßberg dröhnenden Schrittes 
das Gemach verließ. 
Agnese stand mit abgewandtem Gesichte, die 
Hände verschlungen, am Fenster, der Ohm legte 
den Arm um sie und zog ihr thränenüberströmtes 
Antlitz an seine Schulter. 
„Weine nicht, Kind," sprach er, sanft mit der 
Hand über ihr volles dunkles Haar streichend, 
„Du sollst fortan eine Heimath bei uns haben. 
Sobald es irgend angeht, wollen wir zurück zur 
Großmama nach Welsen, dort sollst Du allen 
Kummer vergessen." 
Wie die schlanke Gestalt des Mädchens sich 
vertrauensvoll an ihn schmiegte, da war es dem 
Baron plötzlich garnicht so zu Mnthe, als hätte 
er soeben einen großen Verlust erlitten, nein, 
vielmehr, als wäre ein großes Glück unerwartet 
über ihn gekommen und hielte er dasselbe hier 
leibhaftig in seinen Armen. — 
Für alle Betheiligteu schien eine zeitweilige 
Abwesenheit Agnesens wünschenswerth. Somit 
wurden die Vorbereitungen zur Reise so rasch 
wie möglich getroffen, da ja Tante Klementine 
für die Wohlfahrt des Hauses Sorge trug. 
Das Stiftsfräulein meinte freilich, der „eher 
cousin“ hätte noch ein wenig warten und sic 
bei einem so wichtigen Schritt erst zu Rathe 
ziehen können, übrigens fand sie die Partie sehr 
„standesgemäß und convenable". 
Jlsabe erschrak sehr, als sie von dem Wechsel 
der Dinge hörte, sie bat flehentlich, die Baronesse 
begleiten zu dürfen, und man legte ihr kein 
Hinderniß in den Weg. In Welsen gab es 
Arbeit genug, um zwei fleißige Hände mehr zu 
beschäftigen. — 
(Fortsetzung folgt.) 
nunmehr 19 Jahren hohe Anverwandte und dem 
ehemaligen kurhessischen Hofe nachstehende Persönlich 
keiten gesandt, waren auch von den Vereinen der 
„Althessen" in Kassel, in Marburg und dem Club 
„Junghessen" in Melsungen Kränze niedergelegt 
worden, bereu roth - weiße Schleifen entsprechende 
Inschriften trugen.
        

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