Volltext: Hessenland (8.1894)

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der Frau von Genibrall trat ich in die große 
Welt ein. Ich unterrichtete mich bei verschiedenen 
Personen, was meine Führerin für eine Frau 
sei, man erwiderte mir, daß sie in ihren guten 
Tagen galant gewesen sei, daß sie aber seit 15 
oder 16 Jahren nichts mehr auf ihrem Kerbholz 
habe, daß unter ihren fünf oder sechs Kindern 
nicht zwei denselben Vater hätten, und was weiß 
ich noch Alles. Ich weiß zu viel von dieser und 
von vielen Andern, um meine alterthümlichen 
Vorurtheile schweigen zu lassen, und bleibe lieber 
zu Haus, als daß ich in schlechter Gesellschaft 
bin. Gott behüte mich, daß ich allgemein den 
Lebenswandel aller Frauen der großen Welt für 
schlecht erkläre, es giebt darunter sehr viele achtungs- 
werthe, ich habe drei oder vier davon besucht, lind 
das genügt mir, denn ich will nicht alle Tage, 
wie man es hier thut, vier bis fünf Besuche 
machen und dann in den Sumpf gehen, von 
dem sich die Spielerinnen schwer abhalten lassen. 
Einige von ihnen halten sich Portechaisen, in 
denen die Hühner oft genistet haben, ohne daß 
sie gereinigt sind, und nehmen sich Träger dazu, von 
denen etwa der Eine eine rothe, der Andere eine braune 
Jackb oder auch einen leinenen Kittel hat. Diese 
Träger werden für drei Monate zu einem sehr 
billigen Lohn angenommen, weil sie drei oder 
vier Personen zugleich bedienen. Miethträger 
kennt man hier nicht. Man kleidet sich hier sehr 
gut; während der Art von Winter, die es hier 
giebt, sieht man Damenkleider nur von der schönsten 
und glänzendsten Seite, Männeranzüge nur von 
Sammet in allen Farben, goldbetreßt oder ein 
fach. Die Männer der ersten Gesellschaftsklasse 
unterscheiden sich von den Geschäftsleuten nur 
dadurch, daß sie Degen tragen; denn dies ist 
den letzteren nicht erlaubt. Die Damen lassen 
sich alle Tage frisire». Zeitungen zu lesen ist 
hier unmöglich, einige Vornehme lassen zwar 
solche kommen, aber diese kennen wir nicht. Es 
giebt auch eine Dame, zu der man geht, um sie 
zu lesen, da muß inan sich aber mit 60 bis 80 
Schlingeln zusammenfinden, von denen die Einen 
singen, die Andern schwätzen, das paßt nicht Jedem. 
Am 19. Dezember waren wir zuerst seit unserer 
Ankunft zum Gottesdienst, ü t'asZsnidleo pastorako, 
wie man hier sagt. Daß wir so lange zögerten 
hinzugehen, kam daher, daß die Geistlichen seit 
Michaelis mit den Visitationen und dem Alls 
theilen des Abendmahls in den Dörfern und 
Flecken der Umgegend beschäftigt waren, sie waren 
also währenddem nicht hier und vernachlässigten 
den hiesigen Gottesdienst. Daraus kann man 
entnehmen, ob die Bewohner dieser Stadt von 
Eifer für das Haus Gottes verzehrt werden. 
Diese Versammlung wird in einer Kapelle am 
äußersten Ende der Vorstadt abgehalten. Solche 
Versammlungsorte giebt es in allen Vorstädten, 
der, wo wir waren, vertritt die Stelle der Pfarr 
kirche. Wir traten in ein kleines Häuschen mit 
einer engen und niedrigen Thür; ein langer, 
enger und dunkler Gang führte uns auf einen 
Theil des Hofes, ivv ein Schlippen gebaut ist, 
der Sonntags als Tempel lind außerdem gelegent 
lich den Händlern mit Geflügel, Taubeil l>. dgl. 
zum Lagerraum dient. Dies Gebällde von etwa 
150 Fllß Länge lind 30 Fllß Breite war schon 
sehr voll Menschen, meist kleinen Leuten und 
wenigen von höherem Stand, lvelche meist Fremde 
waren. Wir erhielten Platz in dem recht engen 
Parket, bem einzigen Platz, wo man noch zwei 
Stühle hinsetzen konnte, ich befaild mich am Fllß 
des Predigtstuhls, der etwa 4 Fuß über dem 
Fußboden war. Es war 1 llhr Nachmittags, 
seit Mittag waren die meisten Plätze besetzt, und 
es kamen jeden Augenblick noch inehr Leute. 
Ich war entrüstet über das wenige Zartgefühl 
welches hier herrschte, inan schwätzte ganz laut trotz 
der Rügen von zwei oder drei Kirchenältesten. 
(Fortsetzung folgt.) 
—i'N'i-»- 
Fünfzig Haussprüche ms der Umgegend Marburgs. 
Von Dr. Paul Wigand. 
A. Leöeirsiveisijeit und Levensregetn. 
1. Wo Liebe, Friede, Einigkeit regieret, 
Ta ist das ganze Halls gezieret. 
Münchhausen. 
2. Tie Mänller, die das Feld beban'n 
Und alle Welt ernähren, 
Tel! wackern Männern soll man trau'll 
Und halten hoch in Ehren. 
Fangenstein.
        

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