Full text: Hessenland (8.1894)

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Auch eine Meise ins mittägige Frankreich 
Vvn Otto Gcrland. 
(Fortsetzung.) 
„Schon am Tag unserer Ankunft war das 
Haus mit Besuchen überlaufen, man hatte von 
der Ankunft einer Deutschen gesprochen, nun war 
sie da, man mußte sie sehen; hat sie wohl eine 
menschliche Gestalt, wie ist ihr Aenßeres, wie ist 
sie gekleidet ? Endlich geht's los. Ich hatte mich 
keineswegs zurecht gemacht, als sie kamen, in 
einem Zug drei Stunden lang am Vormittag, 
man hatte gar keine Zeit, sich gewählt anzukleiden, 
und ich hatte auch geglaubt, diesen Tag vom 
Dekorationswechsel befreit zu sein. Im Reisekleid 
empfing ich daher die Neugierigen, die, weil sie 
wußten, daß wir von Paris gekommen waren, 
die von mir mitgebrachten Hauben und Kleider 
zu sehe» begehrten. Ich glaubte sie zufrieden 
stellen zu müssen, man wünscht ja das Wohl 
wollen der Leute zu erwerbe», unter denen man 
einige Zeit verweilen muß, namentlich, wenn es 
nichts weiter kostet als ei» paar Koffer zu offnen. 
Beim Anblick meines Mäntelchens schrieen sie 
Alle laut ans, es wäre nicht lang genug, und 
man trüge ein derartiges hier nicht. .Das kann 
ja sein, aber das meinige ist zu Paris verfertigt, 
und Paris giebt den Ton für die Provinzen an? 
Diese kühl ausgesprochenen Worte machten dem 
Aburtheilen ein Ende, und so wurden meine Hauben 
und alles klebrige als geschmackvoll befunden. Ich 
entnahm aus den Unterhaltungen mit diesen 
Damen, daß man spielen müsse, um hier will 
kommen zu sein. Die Spielwuth hat alle Bewohner 
Montaubans besessen, vor Allem die Frauen. Die 
Einwohner zerfallen hier in drei Klassen. Die 
erste umfaßt die feinste Gesellschaft, daH sind die 
von ihrer Abstammung her vornehmen Familien 
wie Marquis, Grafen, die Beamten, die Bürger 
lichen, welche durch ihre Stellung als Sekretäre 
des Königs oder Schatzmeister von Frankreich 
hervorragen, diejenigen, welche von ihrem Ver 
mögen leben, und die Abbes, die sich überall 
hinzudrängen; diese verschiedenen Stünde ver 
kehren mit einander, das Spiel vollendet ihre 
Verbindung. Dieser Klasse gesellen sich noch die 
Großkaufleute zu, die aber darin doch immer 
eine eigene Gesellschaft gegenüber den so viel 
ivie möglich unter sich zusammenhaltenden Beamten 
bilden. Die zweite Klasse besteht aus den übrigen 
Geschäftsleuten, die eine Gesellschaft für sich 
bilden und niemals in der großen Welt, wie 
man hier sagt, sind, obgleich sie wohl in der 
Lage wären, die entsprechenden Ausgaben zu be 
streiten, und sie auch wirklich machen. Denn sie 
besitzen besser eingerichtete Häuser und moderner 
und besser gebaute Landhäuser als die Glieder 
der ersten Klasse, haben Wagen und Pferde, 
Schmucksachen u. dgl. Endlich kommt die große 
Menge der Handwerker, so zahlreich, daß man 
ans 4000 Einwohner 3800 vvn ihnen rechnet. 
Man könnte dreist noch eine vierte Klasse aus 
den Bettlern und Nichtsthuern beiderlei Geschlechts 
bilden, von denen alle Spaziergänge und Straßen 
voll sind, und die die Häuser zu allen Tages 
zeiten belagern; das hat man aber bis jetzt noch 
nicht gethan. Die große Welt versammelt sich 
viermal in der Woche bei einer Frau De la 
Mothe, welche spielen läßt und ans den Ein 
künften des Spieltisches ein großes Vermögen 
gesammelt hat, das sich täglich noch vermehrt. 
Die Zusammenkünfte nennt man Sümpfe (marais). 
Die Geschäftsleute haben auch einen derartigen 
Versammlungsort, den man Ellensumpf (marais 
de Tanne) nennt. Es giebt noch zwei solche Spiel- 
stätten für die große Welt, die man Sümpfchen 
(marillons) nennt, weil sie nicht so zahlreich wie 
die erstgenannten sind; den einen unterhält eine 
Frau Cadas, den andern unterhält eine Frau 
de Genibrall. Man beschuldigt die hiesigen 
Damen, beim Spiel etwas spitzbübisch zu sein. 
Man hat nicht geruht, bis ich in der großen 
Welt eingeführt war, da ich mich aber nicht 
leicht ergebe, so wollte ich erst die Personen kennen 
lernen, ehe ich eine Art von Verbindung einging; 
was ich aber von den meisten dieser Damen 
kennen gelernt habe, hat mich bis in's Innerste 
von ihrer Gesellschaft abgeschreckt. Es ist eine 
Kleinigkeit für eine Frau der großen Welt, fünf 
oder sechs Männer auf ihrer Rechnung zu haben, 
eine Frau mit nur einem „Sigisbee" ist sehr 
bescheiden, auch übt sich die Feder der Männer 
darin, eine solche in Spottliedern, anonymen 
Briefen und satyrischen Versen zu kritisiren. 
Die Fremden haben den Vorzug, vvn den Anek 
doten der Stadt besser unterrichtet zu sein, so 
weiß ich, Gott sei Dank, alle Skandalgeschichten 
vvn ganz Montauban auswendig. Man urteile, 
ob ich bei einer solchen Erkenntniß und bei meiner 
Abneigung gegen das Spiel wohl versucht war, 
die große Welt zu sehen, wo man nur wohl 
aufgenommen ist unter dem Schutz eines Whist 
oder eines Reversis, Brelan, Piquet oder ans 
Duldung einer Partie Schach. Unter Führung
        

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