Full text: Hessenland (8.1894)

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suchenden Blick durch das Gemach, fragt er: 
„Unsere gemeinsame Fahrt ist Ihnen doch gut 
bekommen, meine Gnädige?" 
Eichner hat sich mit ernster Miene erhoben. 
Walburg thut desgleichen und schwebt, ohne eine 
Antwort auf solch' unerhörte Frechheit, aus dem 
Gemach. Die Forstmeisterin, offenbar nicht 
orieutirt, blickt fragend auf den Fremden. 
„Ich bedauere, junger Mann, daß Sie sich 
so leichtsinnig in Gefahr begaben", sagt Eichner, 
dem nun doch Zweifel an der Ruchlosigkeit dieses 
Wilderers aufsteigen. „Wie konnten Sie sich 
verleiten lassen, ohne Schein und ohne alle Be 
rechtigung auf fremdem Gebiet zu jagen? Sind 
Sie wirklich Jurist, um so schlimmer für Sie." 
«Ja, zweifeln Sie denn an meiner Aussage? 
Und ohne Berechtigung sagen Sie? Onkel Re 
gierungsrath hat mit dem Major die Feldjagd 
der Gemarkung Baumbach gepachtet, folglich hat 
er unbestrittenes Recht, seinen leiblichen Neffen 
dort jagen zu lassen. Die Herren sind zweifellos 
im Wirthshaus zu Baumbach — vielleicht ohne 
Jagdbeute wie ich — gelandet, denn das Wetter 
drohte längst loszubrechen." 
In der That folgt nun Schlag auf Schlag, 
und der Regen strömt plötzlich wolkenbruchartig. 
Schaurig heult der Sturm um das einsame Forsthaus. 
„Allerdings ein böses Wetter", meint Eichner. 
„Nehnien Sie einstweilen Platz, so können Sie 
nicht hinaus." 
Erich sitzt noch nicht auf dem gebotenen Stuhl, 
als die Thür auffliegt und Gerta, umkreist von 
zwei Jagdhunden, hereinstürzt. Da stehen sie 
sich, Aug' in Auge, gegenüber. Sie noch lieb 
licher, in dem Hellen Hauskleid und der mädchen 
haften Verwirrung bei seinem unerwarteten 
Anblick, er freudig erregt, einen Schritt ihr eut- 
gegenthuend. 
Dann wird ihm das Fatale seiner Lage fühlbar. 
Gleichzeitig regt sich aber auch die Kühnheit 
jugendlichen Wagemuths. 
„Ihr Waidmannsheil!, verehrtes Fräulein, 
brachte mir Glück. Man schleppte mich als 
Arrestanten hierher, damit ich Sie wiedersehen 
sollte. Hoffentlich haben Sie eine bessere Meinung 
von mir, als der Herr Forstmeister, der mich 
auf Grund der Indizienbeweise für einen ab 
gefeimten Gauner hält." 
Verrätherisch zuckt es um die frischen Mädchen 
lippen, und dann lacht sie hell auf: „Köstlich! 
Das hat natürlich Tante Schuld, sie wittert stets 
Unheil." 
Die Forstmeisterin hält es ihrerseits für ge 
rathen, handelnd einzugreifen und Gerta das 
Ungebührliche ihrer Heiterkeit darzuthun. 
Der Assessor intervenirt jedoch: „Bitte gnädige 
Frau. Die Sache ist wirklich sehr komisch. Ich 
danke dem Geschick, das so viel reiselustige Mensch 
heit in die dritte Klasse trieb." 
Gerta und der Assessor hatten sich schon auf 
der Fahrt klaglos in die Schicksalsfügung ergeben. 
Sie fanden sich, am nächsten Morgen, sogar mit 
dem ersten Kuß und der Versicherung ewiger Liebe 
zurecht. Dieses geschah folgendermaßen. 
Erich, nach Austoben des Wetters durch den 
alten Werner nach Baumbach eskortirt, hatte auf 
Ehrenwort gelobt, seine Legitimation schnellstens 
zu bewirken. 
Früh Morgens nun steckte Gerta, in breiter 
Wirthschaftsschürze, zwischen den Gemüsebeeten. 
Während sie die Markerbsen zum Mittagstisch 
bricht, weilen ihre Gedanken, absonderlicher Weise, 
bei dem Assessor. Sie bedarf keines schriftlichen 
Nachweises, obgleich Tante noch eben behauptet, 
sie sei eine Menschenkennerin par excellence und 
die drei Jäger seien Schwindler der gefährlichsten 
Sorte. 
Da klirrt die Pforte zum Walde, und es 
erscheint lnpu8 irr fabula, der Assessor. Er stürmt 
über die Erbsenbeete und schwenkt vor der Hellen 
Gestalt nicht nur triumphirend seinen polizeilich 
gestempelten Waffenschein, sondern auch ein mit 
blauem Kanzleisiegel geschlossen gewesenes Schreiben. 
„Lesen Sie, bitte, lesen Sie!" verlangt er. 
Und die bestürzte Gerta liest, daß, laut dieses 
Dekrets, der Gerichtsassessor Erich Ebert an's 
Oberappellationsgericht berufen ist. 
„Glauben Sie nun, daß ich's bin, oder glauben 
Sie's nicht? Mama schickt mir das eben nach." 
Er hält ihre Hand und schaut fragend, bittend, 
in ihre sonnigen Augen, die sich plötzlich senken. 
„Ich hab's doch aber gleich geglaubt. Tante 
meinte nur, weil die Herren Papas Wild fort 
schießen wollten, Sie seien —" Die Ver 
theidigungsrede wird sehr verwirrt. 
Der Morgenwind spielt in den Zweigen, über 
tönt das Flüstern zweier Menschenkinder und 
wirft Thauperlen in Gerta's Flechten. Nicht 
lange, so naht Arm in Arm durch den Garten 
pfad ein seliges Paar. Tante Walburg sieht's 
vom Flur und ihrer Hand entgleitet das Tablett 
mit Frühstücksgeschirr, daß es klirrend zerschellt. 
„Gerta! Unglückskind!" ruft sie entsetzt. „Was 
wird Dein Vater sagen?" 
„Hoffentlich Ja und Amen", lacht Gerta. 
Versöhnt und gerührt ist Tante Walburg erst, 
als beim Mittagstisch der nunmehrige Nesse sie 
als die eigentliche Stifterin seines Glückes 
preist.
        

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