Full text: Hessenland (8.1894)

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Sie lachte, tanzte und scherzte wie die anderen 
jungen Damen, aber ein tieferes Interesse für 
die geselligen Freuden fehlte ihr. „Wo Dein 
Schatz ist, da ist auch Dein Herz" bewährte sich 
bei ihr in vollem Maße. Agnesens Herz weilte 
im fernen Lande bei dem Onkel Eckebrecht, ihr 
Hoffen kannte nur ein Ziel: seine Rückkehr. Nur 
eine Person ahnte, was sie bewegte, diese Eine 
war Jlsabe. Die Hofetiquette erlaubte Fräulein 
von Lostberg, zurückgezogen die tiefste Trauer zu 
verleben; das heißt, soweit theilnehmeude Freunde 
es zuließen. Allmälig aber nahte die Zeit heran, 
wo man ihr Wiedererscheinen in der Gesellschaft 
erwartete, da mußte es eine wesentliche Erleichterung 
für den Geheimrath sein, wenn seiner Tochter 
eine Dame zur Seite stand. 
Somit ward das Schreiben des Stiftsfrüuleins 
zustimmend beantwortet. Am vorerwähnten Tage 
entstieg Tante Klementine dem Innern der Stifts 
kutsche, nachdem sie sich aus zahlreichen Pelzum- 
hüllunge», „Vonwegen des Rheumatismus", heraus 
gewunden. 
Die Freiin war von Kopf bis zu den Füßen 
Pedantin. Vollbewußt der Würde, welche Rang 
ilnd Stellung ihr verliehen, bewegte sie sich ge 
wissenhaft in den Grenzen der Anstandsregeln, 
welche vor etwa 40 Jahren engherzige Erzieher 
ihrem etwas beschränkten Geiste beigebracht 
hatten. — 
Es war vorauszusehen, daß die Bevormundung 
durch diese Dame Agnese schier unerträglich er 
scheinen würde. Wäre nicht Ohm Tankmar's 
besänftigender Einfluß dazwischengetreten, das 
junge Mädchen wäre gegen Tante Clementinens 
„standesgemäße Anschauungen" in offene Rebellion 
ausgebrochen. 
Schon vor mehreren Wochen war der Kammer 
herr von Münikervde nach Kassel gekommen mit 
der ganz bestimmten Absicht, durch eine direkte 
Frage sich über Aurora's Gefühle gegen ihn Ge 
wißheit zu verschaffen. 
Durch alle die Jahre hindurch bestand zwischen 
diesen beiden Menschen dasselbe Verhältniß, sie 
zogen einander an, um sich abzustoßen, und 
umgekehrt stießen sie sich ab, um alsbald Aus 
söhnung zu suchen. Tankmar war nicht mehr 
der schüchterne Knabe von ehedem; mit dem 
erweiterten Wissen war auch seine männliche 
Selbständigkeit gewachsen. Im Kreise ernster 
Männer genoß er das höchste Ansehen, besonders 
der Landgraf zollte seinem Streben volle An 
erkennung. 
Freilich für das glatte Parquett des Hofes 
fehlte ihm nach wie vor noch ebenso die Gewandt 
heit wie für das leichte und oft leichtfertige Wort 
geplänkel, welches dort vielfach üblich war und 
als geistreich galt. 
Frau von Münikervde drängte den Sohn 
täglich zu dem Entschluß, eine Heirath einzugehen. 
Verlockend pries sie ihm die besten Partieen des 
Landes an. Tankmar's Wahl aber traf Aurora 
von Wilden, wenn denn überhaupt einmal ge- 
heirathet sein mußte. 
Mit vollen Segeln schien der Freiherr auf sein 
Ziel loszusteuern, als er plötzlich den Kurs änderte. 
Auf einem Hofseste hoffte der junge Mann 
günstige Gelegenheit zur Aussprache zu finden. 
Aurora's Liebreiz war an jenem Abende bestrickender 
denn je, sie nahm ihren Verehrer völlig gefangen, 
aber sie wich geflissentlich jeder Möglichkeit einer 
Erklärung aus. 
Tankmar's Augen folgten ihrer graziösen 
Gestalt unablässig. Als er sie in ein weniger 
besuchtes Vorzininier treten sah, ging er ihr als 
bald nach, jedoch ohne das Mädchen anzutreffen. 
Der Raum war ganz leer, da Fräulein von 
Wilden aber durch denselben zurückkehren mußte, 
lehnte er ihrer harrend am Fenster. 
Aurora zwar kam, aber sie war in Begleitung 
einer Freundin. Tankmar schmiegte sich tiefer 
in die ihn verbergende Nische. 
„Warum", sagte die Andere, „spielst Du 
Grausame mit Deinem Verehrer wie die Katze 
mit der Alans? Die Sache wird langweilig, 
mache ein Ende, es liegt ja nur an Dir, die 
Entscheidung herbeizuführen." 
Tankmar's Herz schlug so heftig, daß er- ver 
meinte, sein Pochen müsse ihn -verrathen. Aurora's 
Antwort ließ nicht aus sich warten. 
„O," erwiderte sie lachend, „ich will ihn kirre 
machen. Er bildet sich ein, ich würde mit ihm 
Jahr aus Jahr ein auf dem langweiligen Neste 
Welsen sitzen. Gottbewahre, ich will mein Lebeir 
genießen. Ich werde ihn so verliebt machen, daß 
er einwilligt, sich dauernd am Hofe niederzu 
lassen." 
„Spanne den Bogen nicht zu scharf," warnte 
die Freundin, „die Sehne könnte zerreißen." 
„Pah!" höhnte Aurora, „der Hinkepaß wird 
mir nicht fortlaufen." 
Die beiden Mädchen verschwanden im Festsaale. 
Wie mit glühender Scham übergössen, in auf 
wallendem Zorn, bedurfte der Baron geraumer 
Zeit, um seine Fassung wiederzugewinnen. Er 
war an der empfindlichsten Stelle getroffen, dem 
fast vergessenen körperlichen Gebrechen. An dieses 
berechnende Geschöpf hatte er sein Herz gehängt. 
„Gottlob, die Binde war ihm noch zur rechten 
Zeit von den Augen genommen", dies Bewußt-
        

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