Volltext: Hessenland (8.1894)

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sich der Stofs zum gemeinen Soldaten, wie man 
sich ihn nur wünschen konnte. 
Seit Wackenitz und Schliessen aber ist nicht nur 
nichts geschehen, das Militär zu verbessern, son 
dern Alles, um es zu verschlechtern. Der Kurfürst 
hatte eine Vorliebe für Gamaschendienst, für 
Paradekram und für den Adel. Er haßte Alles, 
was aus Frankreich kam, er wollte eine Nation 
nicht als Lehrmeisterin anerkennen, die so Vieles 
zertrümmert hatte, wobei man sich so wohl befand, 
die aber Ideen in Umlauf brachte, die man 
wohl benutzen konnte, und so kam es, daß je 
mehr Fortschritte die französische Armee zum 
Guten machte, um so mehr sich die hessische 
verschlechterte. In der ganzen hessischen Armee 
war Kleinigkeitskrämerei, in hohem Werthe und 
Ehren standen Exerziermeister, die den Parade 
unfug im Puppenspiel sich recht geläufig gemacht 
hatten. Nur der flache Kopf ward ausgezeichnet, 
Talente konnten ihre Anlagen nicht entwickeln, 
nur wenige intelligente Offiziere konnten sich 
geltend machen, fanden am Militärdienst ein 
Wohlgefallen. Die sich auszeichneten, wurden 
weggeschickt zu einem Landregiment oder zu einer 
Wegekommissariatstelle, in der sie gar verküm 
merten. Bessere Kopfe verließen den hessischen 
Dienst. Huth, Staatsminister und General nahm 
seinen Abschied, Ewald ging nach Dänemark, 
Wiederhold nach Portugal (1787), Bödicker bekam 
einen Ruf in badische Dienste, sie Alle waren 
unadelig. Wackenitz und Schliessen wurden nach 
Ableben Friedrich's II. übel behandelt, sodaß sie 
sich zurückzogen. Wenige waren lernbegierig, 
meist waren die Offiziere Subjekte, deren Un 
wissenheit unglaublich war. In deren Gesellschaft 
hörte man Fluchen, Zoten u. s. w. 
iSchluß folgt.) 
MaidmmmsheU! 
Von Frida Storck. 
lSchluß.) 
s ie Sparöllampe im Wohnzimmer des Forst 
hauses wirft ihr Licht auf den Theetisch. 
Walburg erholt sich, bei lebhafter Aussprache 
mit der Schwägerin, allmälig von den Auf 
regungen des Tages. Gerta fröhnt in Haus 
und Hof der Wiedersehensfrende mit lebendem 
und todtem Hausinventar. 
Das vom Major vorahnend geweissagte Ge 
witter zieht herauf. Grelle Blitze fahren nieder, 
der Donner weckt dröhnend das Echo der Berge. 
Zwei Männer betreten den Forsthof, ein graubärtiger 
Forstlaufer und an seiner Seite — Assessor 
Erich Ebert. Walburg's konfuser Bericht über 
sträfliche Attentatspläne auf des Forstmeisters 
geschonten Wildstand haben doch zu ernsten 
Maßnahmen geführt. 
Leider gelang es dem pflichttreuen Unterbeamten 
ilur, diesen einen Frevler zu ertappen, der sich 
nicht einmal durch Waffenschein legitimiren 
konnte, obgleich er sehr zuversichtlich in allen 
Taschen nach diesem wichtigen Aktenstück wühlte. 
Der schlaue Forstlaufer ließ sich keineswegs durch 
solches Scheinmanöver verblüffen. Der Mann 
hatte über die Grenze hinaus einen Bock gefehlt 
und konnte sich nicht einmal ausweisen, mithin 
transportirte man ihn zum Forsthause, damit 
der Vorgesetzte selbst entscheide. 
Die lächerliche Behauptung des Arrestanten, 
er sei Gerichtsassessor, geruhte der Alte zu 
ignoriren. Der Sturm toste im Hochwald, das 
war nicht einladend zu einer zwecklosen Plauderei. 
„Forstlaufer Werner möchte den Herrn Forst 
meister sprechen", meldet die Magd. 
„Soll nur hier 'reinkommen", befiehlt Eichner. 
Und herein tritt straff der Wackere, den De 
linquenten Vorausschicbend. Erich hat sich längst 
mit Galgenhumor in die Situation gefunden. 
Als er jetzt Walburg's triumphirendem Blick 
begegnet, blitzen seine Augen auf. 
„Der Herr Forstmeister hatten befohlen, die 
Jagdgrenze abzugehen. Da fand ich diesen 
Schützen, wie er gerade einen Bock fehlte, und 
ausweisen kann er sich auch nicht. Wollen der 
Herr —" 
Erich exekntirt seine eleganteste Salonverbeugung 
und unterbricht den Alten heiter: „Herr Forst 
meister, meine Damen, ich habe die Ehre mich 
vorzustellen: Gerichtsassessor Erich Ebert ans 
Kassel. Leider steckt mein Waffenschein noch in 
Onkels Tasche, doch bin ich gern bereit, mich in 
die übliche Strafe nehmen zu lassen, bitte sehr 
um Nachsicht, daß mich dieser wackere Bieder 
mann so spät in Ihren Burgfrieden schleppte." 
Und sich zu Walburg wendend, nach einem
        

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