Full text: Hessenland (8.1894)

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Der Landgraf Wilhelm IX. hatte einen Haß 
gegen Frankreich und Alles, was französisch war. 
Runde Hüte. Backenbärte lind lange Hosen zu 
tragen war verboten. Gleichermaßen hegte der 
Regent bittern Haß gegen Napoleon. 
Mitunter gab es kleine Komödien, z. B. als 
im Jahr 1805 Bernadotte mit seinem Korps 
aus dem Hanauischen durch Hessen marschieren 
wollte, that man hier zwei Tage gewaltig grimmig. 
Beurlaubte wurden einberufen, Kanonen ans die 
Wälle gefahren, Befehle an alle Kommandirenden 
ertheilt, sich bis auf den letzten Mann zu wehren 
n. dergl. Nach zwei Tagen war die Komödie 
aus, die Einberufenen gingen wieder nach Haus. 
Bald darauf wurde hessisches und preußisches 
Militär mobil gemacht. Man irrte mit Sack 
und Pack umher ohne allen Zweck und zog, ohne 
Pulver gerochen zu haben, wieder heim. Diese 
Kampagne wurde die „Dreckkampagne" genannt. 
Eher kann man wohl dem Verfasser Recht 
geben, wenn er den Versuch des Kurfürsten, im 
Jahre 1806 neutral zu bleiben, verurtheilt. 
Er hält diesen Versuch für Thorheit und 
Unsinn. Allein, da er selbst keine hohe Meinung 
von dem preußischen Heer hatte und eine noch 
geringere von dem hessischen, konnte er den un 
günstigen Ansgang trotz des Zusammengehens 
mit Preußen voraussehen. Die Entscheidung 
war also eine sehr schwierige. Auf der einen 
Seite voraussichtlich Niederlage, auf der anderen 
zwar Sieg, aber zugleich Schimpf und Schande. 
Wir sind auch nur zu sehr geneigt, einen ein 
geschlagenen Weg nach dem Erfolg zu beurtheilen. 
Immerhin ist es bemerkenswertst, was der Ver 
fasser bezüglich eines entschlossenen Widerstandes 
sagt: „Was würde ich als Minister gethan 
haben? .Jetzt, Eure kurfürstliche Durchlaucht, ist 
der Zeitpunkt da,' würde ich gesagt haben, ,wo 
man der Nachwelt beweisen kann, daß noch nicht 
aller Muth, alle Entschlossenheit im Anfang des 
19. Jahrhunderts aus Deutschland verbannt war. 
Auf, wir wollen versammeln, was wir versam 
meln können! Wir sind in einer verzweiflungs 
vollen Lage, lassen Sie uns auch wie Verzweifelte 
handeln ! Es ist möglich noch etwas zu gewinnen, 
und wenn auch nicht, so ist ein ehrenvoller Tod 
einem schimpflichen Leben vorzuziehen?" Er 
meint, die nöthige Zahl Truppen wäre in Eile 
zusammenzubringen gewesen. „Mortier müßte 
nicht bloß geschlagen, er müßte aufgefressen 
werden." Auch mit den aus Norden an 
rückenden Holländern wäre man fertig geworden. 
„Hessische Männer! (Die Soldaten waren 
sonst gewohnt zu hören: Verdammter Kerl! oder: 
Verfluchter Kerl,' was hat er wieder für einen 
Zopf!) „ich habe Alles gethan, meinem Lande 
den Frieden zu sichern. Allein Alles ist umsonst 
gewesen. Auf, laßt uns zeigen, daß wir noch 
die Nachkommen jener heldenmüthigen Hessen 
sind, die im siebenjährigen Krieg unb in Amerika 
der Schrecken Frankreichs waren. Wir können 
fallen. Allein, was ist besser und wünschens- 
werther, nach jahrelanger Knechtschaft dahin 
schmachten oder jetzt ans dem Schlachtfeld für 
Ehre und Freiheit rühmlich zu verbluten? — 
Kein Prinz von Hessen wird das Land unserer 
Väter verlassen. Hier wollen wir begraben sein 
— oder siegen. Unser Blut, unser Leben 
gehört dem Vaterland, dem wir unsern Glanz 
verdanken. Auf! und wenn wir alle fallen, ein 
ewiger Ruhm, der Hessen schönster Lohn, ist unser 
Theil." Das wäre ein ehrenvoller Ausgang 
gewesen nach dem Urtheil des Verfassers. Statt 
dessen eilige Flucht aus dein Lande. 
An den Kaiser Napoleon hat sich der Kurfürst 
gleich schriftlich gewandt und um Wiedereinsetzung 
in sein Land gebeten. Eine Antwort darauf ist 
nicht erfolgt. 
Wieviel hätte der Kurfürst mit dem hessischen 
Militär ausrichten können, wenn er nicht den 
Gamaschendienst zur Hauptsache gemacht hätte. 
Der Verfasser spendet den hessischen Truppen, die 
in fast allen Kriegen der großen Mächte seit 
Jahrhunderten mitgekämpft haben, das gebührende 
Lob: „Sie haben sich stets brav gehalten und 
die Achtung der ganzen Welt erworben. Das 
hessische Militär war verhältnißmäßig ungeheuer 
stark, svdaß aus den geringeren Ständen beinahe 
jeder, der kein Krüppel war, Soldat werden 
mußte. Selten fand man einen Bürger oder 
Bauer, der nicht in seinen früheren Jahren 
Feldzüge mitgemacht datte. Durch das Andenken 
an ruhmvolle Thaten, durch die Erzählung von 
Schlachten und Siegen, die der Knabe schon in 
zarter Jugend aus dem Munde seines Vaters 
oder Großvaters, der selbst dabei gewesen war 
und mitgesochten, der sich daran mit leuchtenden 
Augen, mit geheimem Stolz erinnerte, besonders 
wenn er in einer Narbe ein Ehrendenkmal auf 
zeigen konnte, vernahm, hatte sich der ganzen 
Nation ein kriegerischer Geist im höchsten Grade 
mitgetheilt. Die Buben, sobald sie laufen konnten, 
spielten Soldaten. Ein hölzerner Säbel, eine 
Flinte, Trompete, Trommel u. dergl. war das 
liebste Christtagsgeschenk, eine Grenadier- oder 
Husarenkappe von Zuckerpapier die schönste Zierde. 
Ueberdies war das hessische Volk ein gesunder 
und starker Menschenschlag, durch frühe Arbeit 
und Entbehrung abgehärtet und daher zu den 
Strapazen des Krieges sehr geschickt. Hier fand
        

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