Full text: Hessenland (8.1894)

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aber in Paris und Versailles gewesen wäre und 
daß also das Schloß des Erzbischofs, so schön es 
sei, nichts böte, was mich hätte überraschen können 
als der Umstand, daß es zu Auch erbaut sei. 
Der Advokat lachte, und Herr von Uzes schwieg. 
Dennoch ist es wahr, daß man nichts Freund 
licheres und Angenehmeres sehen kann, als das 
Schloß von der Seite der Landschaft aus." 
Sehr bald ging die Reise nach Montauban zurück, 
bei welcher Gelegenheit die Reisenden einen Wald 
durchfuhren, der von Wölfen unsicher gemacht 
wurde, von denen aber keiner zum Vorschein kam. 
Hören wir nun die Beschreibung der Stadt Mon 
tauban und der dort herrschenden Sitten. „Es ist 
eine verräucherte Stadt, erbaut aus Backsteinen, 
die sich zwar durch ihre Dauerhaftigkeit auszeich 
nen, aber, wenn sie nicht von Zeit zu Zeit roth 
gemalt werden, allmälig eine schwarze Farbe an 
nehmen. Außer den neueren sind wenige Häuser 
getüncht oder geweißt. Die Erdgeschosse sind un 
bewohnt und dienen zu Läden oder Küchen; ge 
wöhnlich enthalten die Häuser nur zwei Wohnungen. 
Die Straßen sind meist eng und von einer Gosse 
durchschnitten, die alle Ausflüsse aus den Häusern 
aufnimmt, die man nie ausfegt und in die man 
mit Behagen das Geflügel rupfen und die Abfälle 
von Kohl, Salat, Lauch, Sellerie u. dgl. werfen sieht. 
Umsonst ist der mit Trompetengeschmetter und 
lauter Stimme ausgerufene Befehl, die Gosse 
täglich zu fegen, er läßt sich jeden Morgen von 
Neuem vernehmen, ohne daß man sich über die 
Polizei lustig macht. Man thut nichts, oder, 
wenn mau durch de» Unrathhaufen vor der Thür 
zu sehr belästigt wird, daun legt mau Hand au 
den Besen, d. h. an einen der hier üblichen 
Schilfbesen, der weiter nichts leistet, als sanft 
über die spitzen Kieselsteine, mit denen die Straßen 
gepflastert sind, Hinzugleiten, ohne aber je den 
Schmutz vom Grund der Gossen zu beseitigen. 
Es sicht aus, als wenn die Gossen nie gefegt 
wären, wodurch das Wasser schwarz und faulig 
wird; man wirft auch den Kehricht aus den 
Häusern in diese Gossen. Ist es da erstaunlich, 
daß die Stadt übel riecht, und daß man dort so 
viel Knoblauch ißt, namentlich während einer an 
steckenden Krankheit und während der Weinlese? 
Ich möchte glauben, alle Wohlgerüche Europas 
könnten diesen Übeln Geruch nicht beseitige». Das 
Innere der Häuser ist chesenreinh und das ist 
Alles; sämmtliche Zimmer sind mit großen Ziegel 
steinen belegt, die man täglich vor dem Auskehren 
anfeuchtet. Sie bilden einen lächerlichen Gegen 
satz zu dem Grün, mit dem alle Wände tapezirt 
sind, und den Spiegeln mit vergoldeten Rahmen. 
Die Tisch-, Bett- und Leibwäsche ist sehr rein 
und weiß. Wer ein Landhaus hat, zieht sich 
einen guten Theil des Sommers dahin zurück 
und kommt erst nach Martini oder selbst nach 
Weihnachten in die Stadt zurück. Ich halte es 
für sehr vernünftig wegzugehen, um reine Luft 
zu athmen. Die Landhäuser liegen so nahe bei 
einander, daß man Gesellschaft haben kann, so oft 
man will." 
(Fortsetzung folgt.) 
o- 
Eine alte Schrift aus westfälischer Jeit. 
Von G. Th. D. 
(Fortsetzung.) 
er Verfasser prophezeit noch gewaltigere 
Im Stürme, nach denen „der höchste und hohe 
Os Adel, dem wir allein die jetzige Katastrophe 
verdanken, kraftvolleren und edleren Stämmen 
das Feld, das er nicht mehr behaupten kaun, 
räumen muß". (Es ist zu bezweifeln, daß Martin 
so geschrieben hätte.) 
Landgraf Friedrich II. wird beschuldigt, eine 
asiatische Ueppigkeit und eine Sittenverderbniß 
wie zu Sodom und Gomorrha verursacht zu 
haben. Armuth des Landes war die Folge des 
siebenjährigen Kriegs. Aus dem Seelenverkauf (!) 
für Englands amerikanischen Krieg flössen uner 
meßliche Summen in den Säckel des Fürsten. 
Aber nichts davon ward für das Wohl der Unter 
thanen verwendet, kein Ackerbau befördert, keinen 
Fabriken aufgeholfen, keine Schulden der Ge 
meinden bezahlt. Unter seinem Sohn und Nach 
folger folgte Sparsamkeit und Zusammenscharren! 
Ueberall Plusmacherei für den Landesherrn, der 
gewiß über 50 Millionen Thaler gebot. — Diese 
Behauptung möchte doch übertrieben sein. 40 
Millionen gab man als seinen Schatz um das 
Jahr 1820 an. 
Auch Kritik anderer Art übt der Verfasser. 
Es gab Husaren zu Fuß, die Pferde kamen erst 
lange nachher, Landregimenter wurden zu Garni 
sonsregimentern gemacht, die Offiziere erhielten ein 
geringes Traktament. Man hing gleichsam einem 
Buckligen einen schönen Mantel um.
	        

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