Full text: Hessenland (8.1894)

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Einwohner in Trauerkleidung gehüllt einhergehen, 
und der Gemüthszustand unserer Reisenden wurde 
noch niedergedrückter, als am Tag nach ihrer 
Ankunst ihre Gastfreundin, wenn auch an einer 
anderen Krankheit, so heftig erkrankte, daß der 
Arzt sie zunächst aufgab. Sic reisten daher auch 
ziemlich bald weiter, um zunächst auch die Haupt 
stadt der Gascogne zu besuchen. Jenseits der 
bald nach der Abreise von Montauban über 
schrittenen Garonne wehte eine bessere Luft als 
in der von allen möglichen Gerüchen durchströmten 
Stadt. Auch eine andere Landschaft zeigte sich 
den Augen. „Die Gegend ist hier mannigfaltig, 
man sieht Wiesen und Weinberge, Hohes und 
Niedriges, wie im menschlichen Leben. Die Tauben 
häuser, der schönste und schmuckste Theil der 
Wohnungen, glänzen nach allen Richtungen, zum 
Theil in Gesellschaft von Windmühlen. Eine 
Meierei bildet ein sehr artiges landschaftliches 
Bild. Das Haus ist gewöhnlich sehr niedrig ge 
baut wie eine Klause, meistens aus Bruch- oder 
Backsteinen; der Taubenschlag, hundert Schritte 
entfernt, beworfen und geweißt, ist wie ein Thurm 
gebaut; die Mühlen stehen in gleicher Entfernung, 
dazu kommen Ländereien, Wiesen, Weinberge und 
eine keine Zahl von Ulmen und Eichen, zwar 
etwas schmächtig, aber doch genügend für die Be 
heizung der Bewohner dieser Heimstätten; fügen 
wir noch einen Küchen- und Obstgarten mit einem 
Springbrunnen hinzu, dessen Wasser frisch und 
von gutem Geschmack ist, so haben wir ein land 
schaftliches Bild, das mit seinen etwas vom Haus 
entfernt liegenden Heil- und Strohschobern gewiß 
in Natur und im Bild gefallen wird. Wenn der 
Eigenthümer dieser Meierei selbst sie bewohnt, sv 
ist gewönlich auch ein kleines Wohnhaus vorhan 
den, etwas größer als das Haus des Meiers, 
aber immer sehr bescheiden. Die Rüstlöchern 
gleichenden schlechten Lichtöffnungen sind gewöhn 
lich nach Norden gerichtet; Fenster kann ich diese 
Löcher nicht nennen, durch welche nur eine Ahnung 
von Tag in die 20—30 Fuß im Quadrat hal 
tenden Zimmer eindringt. Man könnte, ohne 
Baukünstler zu sein, bloß mit seinem geringen 
Verstand das verbessern, was diese beschränkten 
Leute der alten Zeit, sei es aus Unwissenheit, sei 
es aus Borurtheil, sv schlecht eingerichtet haben, 
aber ihre Nachkommen, ihnen gleichend, sagen: 
mein Vater, Großvater und Urgroßvater haben 
gut darin gewohnt, sv werde ich auch gut darin 
wohnen, und die Häuser bleiben die alten Ge 
fängnisse." 
Im Verlauf der Reise traten die Pyrenäen in 
den Gesichtskreis, deren Schneeberge einen eigen 
thümlichen Gegensatz zu der starken und unerträg 
lichen Hitze bildeten, unter der die Reisenden 
seufzten, und in Folge deren während der Wein 
ernte noch in allen Gärten die köstlichsten Blumen 
blühten und dufteten, gleich als wenn sie eben 
erst aufgeblüht gewesen wären. In dem amphi 
theatralisch gelegenen Auch waren zwei Gebäude 
von hervorragender Bedeutung, die Kathedrale 
und das erzbischöfliche Palais. In ersterer galten 
die gemalten gothischen Fenster für eine besondere 
Merkwürdigkeit. „Sie sind", sagt unsere Erzäh 
lerin, „mit den lebhaften und glänzenden Farben 
gemalt, deren Geheimniß in den letzten Zeiten 
verloren gegangen sein soll; ich glaube aber viel 
mehr, daß man es wegen des gothischen Chara 
kters, den es den Gebäuden giebt, vernachlässigt 
hat; denn man besitzt heute noch dasselbe Geschick 
wie vor 500 oder 600 Jahren. In der Nähe 
der Kirche liegt die Wohnung des Erzbischofs. 
Als wir sic uns von außen betrachteten, fragte 
uns ein berittener Polizeibeamter, ob wir nicht 
auch die Zimmer sehen wollten, und da wir er 
widerten, daß uns dies Vergnügen machen würde, 
rief er den Zimmerbohner herbei, der uns überall 
herumführte und uns Zimmer zeigte, wie wir sie 
in einer solch abgelegenen Provinz nicht vermuthet 
hätten. Obgleich sie gut und selbst reich ausge 
stattet waren, so war doch über Alles ein 
Schimmer von Bescheidenheit ausgegossen. So 
stellten z. B. in einem Zimmer die Bilder über den 
Thüren die vier Jahreszeiten vor, aber alle Figuren 
sind bekleidet, nichts Wollüstiges ist in den 
Darstellungen des Frühlings und des Sommers. 
Dazu sind nur zwei Farben angewandt, violett 
und blau mit ihren verschiedenen Schattirungen. 
In einem Zimmer, das als Betzimmer diente, 
war nur ein Betstuhl von karmoisinrothem Sam 
met unter einem großen gvldnen Kreuz und das 
Bild eines gekreuzigten Christus in Lebensgroße, 
sv weit ich es beurtheilen kann, ein gutes Bild; 
das war Alles. Einige wenige Bilder von Hei 
ligen und der Jungfrau, die Tapisserien und die 
Spiegel bilden de» Hauptschmuck dieses Schlosses, 
von dem die Bewohner der Provinz glauben, daß 
es das schönste auf der Welt übertreffe. Ein 
Edelmann Namens d'ltzos, von gutem Aeußern 
und guter Redeweise, der mit uns das gleiche 
Gasthaus ff,Zum französischen Wappen') bewohnte, 
machte uns nach unserem Spaziergang einen Be 
such mit einem Advokaten, der Paris gesehen 
hatte; der Edelmann ist nie aus der Provinz 
herausgekommen. Er fragte mich, ob ich schon 
jemals etwas so Schönes wie das Schloß des Erz 
bischofs gesehen hätte. Ich erwiderte ihm, ich 
hätte schon Besseres als das gesehen, ehe ich von 
meiner Heimath abgereist wäre, daß ich dann
        

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