Full text: Hessenland (8.1894)

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nur eine für die Eitelkeit Ludwig's XIV. charakte 
ristische Stutzuhr erwähnt werden: ehe sie die 
Stunde schlug, bewegte ein kleiner Hahn die gol 
denen Flügel, krähte dreimal, und dann öffnete 
sich ein zweiflügeliges goldenes Thor, aus dem 
Ludwig XIV. zu Pferd herauskam, über ihm 
schwebend der ihn krönende Ruhm, dann schlug 
die Uhr, und es ertönte ein Glockenspiel. 
Dann waren die Reisenden beim Mittagsmahl 
des Grafen von Artois, der Frau Dauphine*) 
und einiger Prinzessinnen zugegen. „Das der 
Frau Gräfin von Provence versäumten wir, aber 
bei ihrer Rückkehr vom Speisen ging sie so nahe 
an uns vorüber, daß wir Zeit hatten, sie bequem 
zu sehen. Die Frau Dauphine ist Alles, was 
man Liebenswürdiges und Unmuthiges sehen kann, 
mehr artig als schön, sie hat einen interessanten, 
jedermann zusagenden Gesichtsausdruck. Als wir 
von da wieder in den Hof hinabstiegen, sahen 
wir Madame Du Barry, die sich in ihren Neu 
bau tragen ließ, um dessen Fortschritte zu sehen." 
Die Reisenden besahen dann noch die übrigen 
Sehenswürdigkeiten, auch das nach der Angabe der 
Marquise von Pompadour erbaute Wachthaus 
der Schweizergarde, das in seinem Aeußeren ein 
Mau und weiß gestreiftes Zelt nachahmte, begeg 
neten auch nochmals die Frau Dauphine, welche 
in eine rosa Pekesche gekleidet und mit einem 
Rohrstock in der Hand ihren Arm dem eben von 
der Jagd zurückgekehrten Grafen von Provence 
gegeben hatte. Der allgemeine Eindruck von Ver 
sailles war kein günstiger: „man läßt an diesem 
schönen Ort Alles verkommen, man macht kaum 
die gröbsten Ausbesserungen. Die Bäume der 
Orangerie haben ein gelbes und krankes Aus 
sehen. Jedermann ohne Ausnahme, Stiefelputzer, 
Mägde, Kinder, Alles hat Zutritt zu den Ver 
sailler Gärten, fast jeder hat Schlüssel zu den 
Bosquets und dein Labyrinth, und die Freundin 
nen gehen mit ihren Arbeiten hin, indem sic die 
Kinder beaufsichtigen. Die Schildwachen sagen 
niemals: es kommt niemand durch; alle Welt 
geht dort spazieren, man hält das für selbstver 
ständlich." 
Während unsere Berichterstatterin in Paris 
kaum auf die Straße gehen konnte, ohne 
deutsch sprechen zu hören, fürchtete sie nun mit 
Recht, als die Weiterreise nach dem Süden 
angetreten werden sollte, ihre Muttersprache nur 
noch dann reden zu hören, wenn sie selbst sie 
spreche. Die Reisenden kauften sich ein leichtes 
Kabriolet, vor welches Postpferde gespannt wurden, 
und nahmen nur das nöthigste Handgepäck mit. 
*) Marie Antoinette. 
Die Koffer wurden der Frachtpost übergeben, 
welche für die Fahrt vierzehn Tage gebrauchte, 
während die Reisenden selbst höchstens eine Woche 
nöthig hatten, uni ihr Ziel zu erreichen. 
Am Eingang zum Forst von Orleans erblickten 
sie erst Räder, ans deren jedem ein Geradbrechter 
lag; zur Sicherung der Landstraße waren auf 
jeder Seite der Straße die Bäume 300 Schritt 
weit abgehauen. Wir folgen dann unsereit Rei 
senden eine lange Strecke lang durch Orte, welche 
durch die Heldenthaten unserer Brüder im Jahre 
1870 geweiht sind, und hören die Namen Orleans, 
Gien, Chatillon, Blois, Romorantin, La Fertv, 
Vierzon. In Orleans bewunderten sie die zu 
der Loirebrücke, damals der größten und schönsten 
in Frankreich, führende Königstraße, an welcher 
der König jederseits eine Reihe von Häuser 
fassaden, „iin Stile von Badepavillons", im 
Erdgeschoß mit Bogengängen und eigens zu 
Läden eingerichtet, erbaut und dann den Leuten, 
welche die dahinter liegenden Häuser kaufen woll 
ten, geschenkt hatte. In La Fertö sahen sie ein 
schönes Schloß mit einer Zugbrücke xtnb einem 
mit Bildsäulen, Vasen und Buchenhecken ver 
zierten Garten. Hinter Vierzon führte der Weg 
durch die vollständig unangebaute, selbst baumlose 
Ebene von Vatan, dann ans schlechten Wegen 
durch einen Theil des Poitou, wo die Reisenden 
die Richtigkeit der Redeweise kennen lernten, die 
der Franzose gebraucht, um anzudeuten, daß er 
Jemandem nicht das geben wolle, um was er 
bittet, indem er sagt: Ich will Dir das Poitou 
geben. 
In der Provinz Limousin bewiesen die Land 
straßen die treffliche Verwaltung des Jntendanteu 
der Provinz, Turgot, die so sehr aller Augen 
aus diesen Mann zog, daß er später Fiuanz- 
minister wurde, weil ganz Frankreich auf ihn die 
größten, wenn auch unter den damaligen Ver 
hältnissen vergeblichen Hoffnungen setzte. Durch 
zum Theil fast unbewohnte Gegenden, über steile 
Berge und durch tiefe Thäler, die breiten Ströme 
mittels Fähren übersetzend, gelangten sie bei dem 
in einem tiefen Thalkessel liegenden Cahors in 
die Weinbau treibenden Gegenden und erreichten 
endlich, nachdem sie lange Strecken eintöniger 
Felder durchfahren hatten, in welchen nur ein 
zelne zerstreute Meiereien lagen, ihr erstes Reise 
ziel, Montauban, wo sie sich aber zunächst 
nicht lange aufhielten, weil dort ein heftiges Fanl- 
fieber herrschte; die nicht geringe Sterblichkeit, 
verbunden mit der Sitte, um die entferntesten 
Verwandten und Verschwägerten, z. B. die Schwä 
gerin des Schwagers, und dann drei Jahre lang 
Trauer anzulegen, ließen den größten Theil der
        

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