Full text: Hessenland (8.1894)

Seine Majestät der König durch Verleihung eines 
in diesem Falle wohlverdienten Ordens. 
Dieser Ehrentag sah den 72jährigen noch in 
voller Rüstigkeit und Frische. Im nächsten Jahre 
trat er in den Ruhestand. Blumenpflege, ansprechende 
Lektüre und regelmäßige Spaziergänge füllten nun 
sein Leben aus. Noch einmal, im Jahre 1870, 
besuchte er die Stätten seiner Jugenderinnerungen. 
Von Kassel kam er auch in unser Forsthaus in 
die Rhönberge. 
Am Rhein, wo er sür ein paar Wochen bei den 
Freunden einkehren wollte, überraschte ihn das jäh 
hereingebrochene Kriegsgetümmel. Noch einmal 
lebten die Tage seines Ausmarsches nach Frankreich 
in ihm aus. Noch einmal begeisterte er sich sür 
das Ideal seiner Jünglingsjahre, sür ein starkes, 
einiges Deutschland. Wie hätte sein patriotisches 
Herz gejubelt, hätte er die Neubegründung des 
Deutschen Reiches miterlebt. Diese Freude sollte 
ihm nicht mehr werden. Schon auf der überstürzten 
Heimreise traf ihn ein Unwohlsein, welches nach 
Atonalen den Tod zur Folge hatte. Sein Ende 
fiel in eine Zeit, in der sich jenseits des Rheins 
gewaltige, erschütternde Ereignisse drängten, denen 
das Hauptinteresse Aller galt. 
Er schied still uub friedlich, wie er gelebt. Mag 
nun auch sein schlichtes Grab im Schaumburger 
land des Blumenschmuckes entbehren, denn es lebt 
wohl dort Niemand, der sich der Pflege desselben 
unterzöge, im Herzen manch' eines Schülers grünt 
ihm sicher noch ein unverwelkliches Erinnerungsblatt. 
Onkel Georg war ein Märtyrer der Bruderliebe, 
er opferte sein Ich, um den Seinen zu helfen. Er 
war ein edler Mensch. 
Ohm und Onkel. 
Erzählung von C. von Dincklage-Campe. 
(Fortsetzung.) 
V. 
„Viellieber, sehr geehrter Herr Vetter! 
Hochwohlgeborener Herr Geheimrath von Loßberg! 
Mit sonderlicher Theilnahme spreche ich Euer 
Liebden meine schmerzliche Condolenz ans be 
züglich des schweren Verlustes, der Ihr Haus 
durch das unerwartete Hinscheiden derv liebwerthen 
Frau Gemahlin betroffen hat. 
Ich bin allezeit eine Selbstlose Natur gewesen, 
den irnpressiorm clu moment folgend, ohne an 
die eigenen inconvenients zu denken. Derweil 
ich Sie nun in solcher besonders betrübten Lage 
weiß, fühle ich ein menschlich Rühren. Ich habe 
mich somit entschlossen, aus dem Frieden meines 
Stiftes zu Fischbeck herauszutreten, Ihren: ver 
ödeten Hanse eine würdige Repräsentantin und 
Euer Liebden mutterlosem Kinde eine wohlweise 
Führerin in der Wirrsal dieser verderbten Welt 
zu sein. Habe nur die Wintermonden vorüber 
gehen lassen, derweilen ich vielfach am lilleu- 
matisinus leide, anjetzo aber beschlossen am Dienstag 
nach (juaminockoAeniti meine Reise anzutreten. 
Ich werde mich der Stiftskutschen bedienen und 
bitte mir halbwegs Vorspann entgegenzuschicken. 
Der ollere nieoe mein Compliment. Au 
revoir 
derv wohlaffectionirte Cousine 
Freiin Clementine von Loßberg, 
Conventualin des freiweltlichen Stiftes Fischbeck. 
Am 8ten des Monates März 1778." 
Herr von Loßberg las den vorstehenden Brief 
mit sehr gemischten Gefühlen. Eines Theils war 
ihm das Stiftsfräulein unsympathisch, in anderer 
Hinsicht mochte er ihr Anerbieten nicht unbedingt 
ablehnen. Seine Tochter war in der That noch 
zu jung, um ohne Beschützer aufzutreten. Diese 
ihm zugefallene väterliche Pflicht aber war dem 
Geheimrath im höchsten Grade unbequem. Während 
Elisabeth's Lebzeiten hatte die Gattin ihn solcher 
Verantwortung überhoben; er durfte sich nur des 
frischen, jungen Wesens freuen, über dessen vor- 
theilhafte Entwickelung ihm am Hofe nicht selten 
Schmeicheleien gesagt wurden. 
Jetzt, wo die treue Gefährtin seines Lebens 
ihm fehlte, glaubten wohlmeinende Freunde den 
Wittwer berathen zu müssen. Bemerkungen wie: 
„Möchten Sie Fräulein Agnese nicht aufmerksam 
machen, ...?", Es schickt sich wirklich nicht sür 
ein junges Mädchen, . . .", „Glauben Sie, daß 
es für Ihre Tochter angemessen, . . und 
andere mehr beunruhigten Loßberg, zumal er 
selbst in dem Wesen Agnesens nichts Tadelnswerthes 
fand. Freilich besaß sie eine übertriebene Wahrheits 
liebe, wodurch sie vielfach anstieß. 
Fräulein von Loßberg junior bezeigte wenig 
Neigung für die Lustbarkeiten, um welche sich das 
Hauptinteresse der Hofgesellschaft drehte. Ihre 
Mutter hatte sie in diese Kreise eingeführt, und 
Agnese nahm den Schlußakt ihrer Erziehung 
ebenso gleichmüthig hin wie ehedeni die Versetzung 
in eine höhere Klaffe.
	        

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