Full text: Hessenland (8.1894)

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Haben müssen wir einen. Wissen Sie, meine 
Frau rechnet bestimmt auf die Keule — für 
Sonntag." 
„Unbesorgt! Werd' schon tüchtig d'raushalten. 
Hab' meiner Alten ja den Ziemer fest zugesagt." 
„Zeug giebt's da genug. Wenn nur die 
verd Bauern nicht Alles abschießen 
wollten! Nichts als die Spießböcke lassen sie 
lausen." 
„Wie wür's, wenn wir an der Staatsgrenze 
Posto faßten. Der Forstmeister Eichner will 
vor Mitte Juni nichts schießen. Da fühlt sich 
das Rehzeug sicher, wie in Abrahams Schoß." 
„Hahaha! Wär' ein Hauptspaß, dem 
Herrn Nachbar so'n paar Ueberläuser sortzu- 
putzen!" lacht der Major. 
Gilt das blitzartige Aufleuchten in Gerta's 
Augen dem Kandidaten? Walburg wirst einen 
entsetzten Blick ans die lachenden Gesellen. So 
also sehen Wilddiebe aus! Sie wird dem Bruder 
sofort Meldung machen. 
Der Assessor schreckt aus seinen Profilstudien 
auf bei des Majors Frage: „Die Damen ge 
statten wohl, daß wir rauchen?" 
Walburg graut vor dem Frager. Um keinen 
Preis möchte sie solch' wüsten Menschen reizen. 
„Sie werden uns ja nicht im Rauch ersticken 
wollen", meint sie, ein Lächeln erzwingend. 
„Tante, im Rauch konservirt man sich gut", 
lacht Gerta. 
„Hoffentlich haben Sie ein aromatisches Kraut 
mit?" fragt Erich. 
„Na, eine echt Impartirte gerade nicht. Das 
Wild ist an kräftige Gerüche gewöhnt, und auf 
Damen war ich nicht vorbereitet. Na, zum 
Henker! Jetzt hab' ich kein Feuerzeug." Tie 
Zigarre bereits im Mund, durchwühlt er die 
Taschen des grünen Nöckleins. „Assessor, haben 
Sie Zündhölzer?" 
„Bedaure, nein!" 
Auch der gleichfalls rauchbereite Rath kon- 
statirt verdrossen, daß er nicht versehen ist. 
Woraus er sich mit verbindlichem Grinsen zu 
den Damen wendet: „Hätten vielleicht, zufällig, 
die Damen Feuerzeug?" 
Gerta platzt silberhell auslachend heraus: 
„Bedaure, wir rauchen nicht!" 
„Siehst Du, Onkel, das Fräulein beliebt Dich 
auszulachen", spottet Erich, das lachende, rosige 
Mädchen unverhohlen bewundernd. 
Versagtes reizt doppelt. Der Rath durchstöbert 
nun sein Gepäck. Man will die Nacht in der 
Dorfschenke bleiben, sollte die fürsorgliche Rüthin 
nicht Feuerzeug beigepackt haben? „Ah!" Ein 
Freudenscheiu zieht gleich der Morgenröthe über 
seine feisten Wangen, er fand das Gesuchte, eine 
ganze Schachtel. 
„Ah", triumphirt auch der Major. „Das 
Rauchopser beginne!" 
Plötzlich schwirrt es dünn und heiser, wie die 
verstimmte Saite einer Guitarre, aus der schwarzen 
Binde des Kandidaten herüber: „Ich muß 
ergebenst bitten, nicht zu rauchen. Ich bin 
nämlich halsleidend. Selbstrauchen ist aber kaum 
so schädlich, als Sitzen im Rauch." Allgemeine 
Verblüfftheit. Tie Hand des Raths sinkt mit 
dem aufflammenden Hölzchen herab, indeß der 
Major ingrimmig brummt: „VerdammtesPech 
heute! Mich soll der Teufel frikassiren, falls ich 
wieder in solchen Kasten steige, wo man nicht 
'mal rauchen kann." 
„Jst's denn so furchtbar schlimm, 'mal nicht 
rauchen zu dürfen?" fragt Gerta belustigt. 
„Na ob!" stöhnt der Grüne, während Erich 
die Gelegenheit zu der kühnen Phrase nutzt:' 
„In solcher Gesellschaft bringt man aber jedes 
Opfer gern und leicht." 
Walburg gönnt dieser einzigen fühlenden Brust 
einen dankbaren Blick. Die wüsten Gesellen 
traktiren sich nun mit dem abenteuerlichsten 
Jägerlatein, dem Halsleidenden verächtlich den 
Rücken kehrend. Wie mag ein junger Kerl das 
Rauchen nicht vertragen können. Jammervolle 
Jugend heute! 
Walburg vernimmt notgedrungen alle Details 
einer verunglückten Fuchsjagd. Tie Bestie hatte 
sich regungslos im Sande verscharrt, alle Mühe 
der dreistündigen Belagerung blieb erfolglos. 
Gestikulirend fährt der Major vor Walburg hin 
und her, um dem andächtig lauschenden Rath 
die Situation zu schildern. Sie versinkt völlig 
in ihrer Ecke hinter dem Redelustigen. Ergebungs 
voll vernimmt sie, daß der Rath unlängst einen 
Kapitalhirsch mit Schrot geschossen, weil er keine 
Kugel mitgehabt, daß der Major einst einen 
sich am Wege sonnenden Fuchs vom Wagen 
herab erlegt. Daß der Rath in einem Treiben 
vier Hasen zur Strecke gebracht, wundert sie 
schon gar nicht mehr, hätte er einen Eisbären 
mit Vogeldunst geschossen, es hätte sie säum noch 
erregen können. 
Auch Gerta achtet dieser Münchhausen'schen 
Abenteuer nicht. Unmerklich, durch Frage und 
Antwort hat der Assessor eine Konversation mit 
ihr angebahnt. Der schüchterne Kandidat ge 
stattet sich ob dieser Thatsache eine eifersüchtige 
Regung. Warum auch hatte er sich in diese 
entlegene Ecke geflüchtet? 
„Na," meint der Major, „wenn wir nur erst
        

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