Full text: Hessenland (8.1894)

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Wmdmannsheil! 
Von Frida Storck. 
^^s war zu der Zeit, da die Eisenbahnen 
jls , noch nicht lange das Land durchkreuzten. 
Oj Auf dem stattlichen Bahnhof der Residenz- 
stadt Kassel hastete eine ältliche Dame ängstlich 
von einem Wagen zum andern. Hinter ihr, 
mit übermüthig lächelndem Angesicht, ward ihre 
Nichte Gertrud sichtbar, die Fräulein Walburg, 
ehr- und tugendsame Schwester des Forstinspektors 
Eichner, laut Gelobnist unversehrt an Leib und 
Seele im heimischen Forsthof abzuliefern hatte. 
„Nein, ist das eine Ungemüthlichkeit, Kind. 
Mit dieser Eisenbahnfahrerei kann ich mich mein 
Lebtag nicht befreunden", jammerte Fräulein 
Walburg. „Und Du sollst sehen, es passirt auch 
ein Unglück. Freitag soll man nicht reisen." 
„Einsteigen, bitte einsteigen!" rief der Schaffner 
dringend und schob die alte Dame in den Wagen 
hinein. „Sie fahren doch dritter Klasse?" 
fragt er noch, als Walburg schon auf die Bank 
hingesunken ist. 
„Leider ja", seufzt das alte Fräulein, dem die 
Angst vor dem nahenden Unglück Kopfschmerzen 
macht. 
Gerta ist sehr vergnügt und meint, während 
sie den Schirm ltub eine Schachtel auf das obere 
Brett legt: „Ich frene mich doch, dast ich es 
mit der dritten Klaffe durchsetzte. Gieb acht, das 
wird sehr lustig! Auf der Herreise habe ich mich 
in der leeren zweiten Klasse halb todt gegähnt." 
In diesem Augenblick klimmt ein hagerer Mensch 
mit Hutschachtel und Regenschirm in das Coupo. 
Gerta tarirt ihn sofort für einen nach Anstellung 
im Pfarramt schmachtenden Hauslehrer. Be- 
fcheidentlich drückt er sich in die fernste Ecke, 
denn es nahen drei Männer mit Büchsen und 
Jagdranzen. Sonntagsjäger, wie Gerta kon- 
statirt. Drei Jagdgewehre, in unheimlich bedroh 
licher Nähe —, Walburg überläuft eine Gänsehaut. 
Sie macht stets einen Bogen um des Forstmeisters 
Gewehrschrank. Gerta ringt tapfer gegen einen 
Lachkrampf. Die Gesichter der Tante und des 
Kandidaten sind urkomisch in ihrer Todesangst. 
Erstere macht sich endlich Luft gegen ihren Nachbar. 
„Bitte! Ihr Gewehr—, es passirt doch nichts?" 
stammelt sie scheuen Blicks. 
„Keine Bange, meine Dame! Es geht nichts 
los, denn es ist nichts d'rin", lacht der Jäger. 
Inzwischen halten Gerta's Augen Personal 
musterung. Papa würde sich köstlich amüsiren 
über dieses Kleeblatt. Tantens Nachbar in 
froschgrünem, strapazirtem Rock, verwitterter 
Schirmmütze und ledernen, über die Beinkleider 
geschnürten Gamaschen, sieht besonders abenteuerlich 
aus. Er ist stark gebräunt, hat funkelnd schwarze 
Augen und einen Kinnbart ä la Wallenstein, 
das giebt ihm etwas Verwegenes. Die Anderen 
nennen ihn Major. Sein Gegenüber beseitigt 
eben seine steife Halsbinde und läßt sie, auf- 
athmend, in die Tasche der ausgewaschenen Joppe 
gleiten. Dieser in Damengesellschast befremdliche 
Toilettenwechsel wird seitens des Majors lobend 
anerkannt. 
„Recht so, lieber Rath! Steife Kragen hindern 
die Bewegung. Besonders beim scharfen Zielen 
sollte der Hals nie beengt sein. Halten Sie nur 
immer auf's Blatt. Das heißt mehr nach dem 
Hals hin, so." Er hebt die Büchse, aus die rechte 
Haud Walburg's zielend, die, Halt suchend, den 
Fensterriemen umklammert. Entsetzlich! Sie ist 
mit Gerta und der ganzen Welt zerfallen und 
sinkt resignirt in ihre Ecke. Da ertönt neben 
Gerta die Stimme des Dritten: „Aber Herr 
Major, Sie erschrecken die Damen." 
„Den Teufel auch, Assessor! Der Schießprügel 
ist ja leer. Denken wohl, ich vergeude mein 
kostbares Blei? Hab' ohnehin nur zwei Kugeln 
und drei Schrotpatronen." 
„Vielleicht kann der Krämer tu Baumbach 
aushelsen." * 
„Hahaha! Assessor, Sie sind naiv! Danke 
schön für die Sorte. Das knallt überhaupt nicht 
los. Pscht! Pscht! schleicht das so in aller Ge 
müthlichkeit aus dem Laus und schlängelt sich 
wie'n Feuerwerkskörper durch die Atmosphäre. 
Die Kreatur äßt dabei ruhig weiter. Sollt 
Dings schadet nicht, das kennt sollt alter Bock 
schon aus Erfahrung. Haha!" 
Der jugendliche Assessor, in normaler Kleidung 
wie andere Sterbliche, scheint wenig Verständniß 
und mangelhafte Begeisterung für diesen Jagdzug 
zu haben. Seitte braunen Augen sind vielmehr 
beharrlich aus deut Anstand — nach einen Blick 
seiner hübschen Nachbarin, die wiederum ange 
legentlich die fernste Ecke, mithin den Kandidaten, 
fixirt. 
„Wo stellen Sie mich nun an, Major, und 
wo soll Erich stehen?" forscht der Rath inter- 
essirt. Erich, der Assessor, ist sein Nesse. 
„Na, Sie werden staunen! Hochittteressattter 
Stattd. Fünf, sechs Böcke gehllt da sicher 'raus.
        

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