Full text: Hessenland (8.1894)

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über den Pariser Schmutz kehren noch öfters 
wieder. 
Wir übergehen die Schilderungen der Pariser 
Moden und wenden uns zum Besuch des refor- 
mirten Gottesdienstes. Dieser war damals noch 
in ganz Frankreich verboten, die Kapelle des 
niederländischen Gesandten diente aber in Paris 
ganz öffentlich und mit nicht gar zu vielen Be 
lästigungen auch den einheimischen Reformirten 
als Versammlungsort. „Sonntag den 1. August 
waren wir im Holländischen Hos. Als 
mein Mann den Fiaker bestieg, sagte er zum 
Kutscher, er solle uns in den Holländischen Hof 
fahren. Mollen Sie zur Predigt?' fragte der 
Kutscher. .Wird dort gepredigt', fragte ich 
meinerseits. ,Jawohl, Madame/ sagte der 
Kutscher, ,nur zu, wir sind in einer guten halben 
Stunde dort/ Wir fanden für uns Plätze in 
einem der drei Zimmer, welche die Zuhörer ein 
nahmen. Ein dicker Vorleser und Kantor las 
gerade in näselndem Tone vor, als wir ein 
traten, seine Stimme suchte er zwar zu ver 
ändern, sie war aber von einer unerträglichen 
Eintönigkeit. Zufrieden war ich mit seinem 
Gesang. Man singt sehr gut im Holländischen 
Hof und mit einem Eifer, der leider bei uns 
unbekannt ist; fast Jeder weist die Psalmen aus 
wendig und braucht kein Gesangbuch. Orgeln 
giebt's nicht. Der Pfarrer erschien gegen 11 Uhr. 
Er nahm seinen Text aus der Offenbarung: 
Ich bin das A und O; und das, was er sagte, 
seine ganz abstrakte metaphysische Predigt, war 
gewist für sieben Achtel seiner Zuhörer hebräisch, 
aber seine salbungsvollen Gebete entschädigten 
für die Trockenheit seiner Predigt. Ich war 
außerordentlich überrascht, die Damen bei der 
Predigt mit rother Schminke zu sehen, das paßt 
für den Spaziergang, aber nicht für die Predigt. 
O Zeiten, o Sitten! Ich habe die Familie 
Calas*) im Holländischen Hos gesehen; eine 
*) Jean Calas, ein allgemein geachteter reformirter 
Kaufmann zn Toulouse, wurde aus religiösem Fanatis 
mus angeklagt, seinen ältesten Sohn erdrosselt zu haben, 
durch ein parteiisches Gericht auf Grund falscher Zeugen 
aussagen zum Tod verurtheilt und 1762 gerädert. 
Voltaire nahm sich des Andenkens des Unschuldigen 
an und bewirkte die Wiederaufnahme des Prozesses, in 
Folge deren 1765 das Urtheil vernichtet und Calas und 
seine Familie für unschuldig erklärt wurden. Ter König 
suchte darauf der Familie Calas durch Freigebigkeit ihre 
Verluste zu ersetzen, und die Personen der ersten Stände 
wetteiferten darin, ihre Lage zu erleichtern. 
Dame, die neben mir saß, zeigte sie mir. Ich 
hatte schon zwei dieser Damen bemerkt, denen 
man viel Ehrerbietung erwies und die ihren 
Platz zu Füßen des Predigtstuhls hatten. Die 
eine war die Mutter, die Wittwe des Herrn 
Calas, eine starke Frau, sehr sauber gekleidet, 
60 Jahre alt, in einem schwarzen Kleid mit 
einem schwarzen Band und einen: Nohrstvck in 
der Hand. Die andere war ihre älteste Tochter, 
klein, schlank, mit schwarzen Augen, mit einem 
melancholischen Zug im Gesicht, übrigens sehr 
gewählt gekleidet und roth geschminkt. Meine 
Nachbarin sagte mir, daß die andere Tochter an 
einen Herrn Du Voisin verheirathet sei, den 
Geistlichen, der gerade predigte. Dieser Herr ist 
sehr beliebt, und man erstickt in Folge der vielen 
Kirchengänger an den Tagen, an welchen er 
predigt. Frau Du Voisin sitzt als Gattin des 
Geistlichen im Parket.*) Ich habe sie auf den 
Spaziergängen init ihrem Manne gesehen, sie ist 
größer und jünger als ihre Schwester, von einer- 
recht angenehmen Gestalt und wie jene sehr gut 
gekleidet. Der Gottesdienst wird abgehalten wie 
bei uns, aber es ist inehr Eifer lind Aufmerk 
samkeit dabei. Etwas, was mir eigenthümlich 
vorkam, war, daß man dem öffentlichen und dem 
Privatgebet das bevorstehende Urtheil in einem 
in Wahrheit für das Schicksal einer Familie 
entscheidenden Prozeß empfahl und für die Ge 
winnung des Prozesses am folgenden Sonntag 
Dank sagte, während die Betheiligten gegenwärtig 
waren." 
Eine merkwürdige Beschreibung erhalten wir 
über ein Kloster. „Mir gegenüber habe ich das 
Kloster der Karmeliter. Diese Herren haben 
sehr artige Zimmer mit getäfelten und gebahnten 
Fußböden, Tapete», Vorhängen und Balkönen 
vor den Fenstern. Einer von ihnen malt; ich 
habe ihn ein Bild über einen Kamin malen 
sehen; einer ist musikalisch und spielt alle Abend 
die Flöte; er spielt aber nicht fromme Weisen, 
sondern die neuesten Operetten. Dann ist noch 
ein Bruder Apotheker da, den ich alle Tage sein 
Zimmer kehren und bohnen sehe, lind endlich ein 
anderer, der ein geschickter Tischler sein soll, der 
aber so schmutzig ist, wie man nur Jemanden 
sehen kann, und der schon mehr Trunkenbold ist." 
__ *) Das Parket ist der in den reformirten Kirchen 
Frankreichs den Aeltesten der Gemeinde und sonstigen 
hervorragenden Personen vorbehaltene Platz um den 
Altartisch.
        

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