Full text: Hessenland (8.1894)

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Sein Bunds-Genossen ihm stunden bey 
Allmal der Churfürst half ihm frey." 
Der Herzog wurde in Ziegenhain internirt, 
sein Sohn blieb in Kassel. Philipp selbst zog 
an die Weser, um seine abtrünnigen Vasallen zu 
bestrafen. Graf Johann von Schaumburg wurde 
der Feste Bückeburg entsetzt und diese bis zum 
endlichen Vertrage seinem Bruder Otto übergeben. 
Sodann rückte der Landgraf vor die Feste Ritt 
berg, die er einnahm. «Fortsetzung folgt.) 
■HK-+ 
Auch eine Reise in's mittägige Frankreich. 
Voit Otto Gerland. 
^Meannette Philippine Le Clerc, geb. Du 
y Ry, eilt Mitglied der bekannten Architekten- 
fainilie Du Ry zll Kassel, machte in den 
Jahren 1773 bis 1775 mit ihrem Gatten eine 
Reise von Kassel bis an den Fuß der Pyrenäen 
und hat darüber sehr ausführliche, auf gründ 
licher Beobachtung beruhende Berichte hinterlassen. 
Es mag im Nachfolgenden daraus das mitgetheilt 
werden, was uns zeigt, wie man damals zu 
reisen pflegte, was damals der Besichtigung und 
Beachtung werth gehalten wurde, wie es in dem 
am Vorabend der Revolution stehenden Frank 
reich aussah, lind welches Bild auch insbesondere 
die damals noch nicht gesetzlich anerkannten 
reformirten Gemeinden in Frankreich boten, 
Dinge, die wohl ein allgemeineres Interesse 
voraussetzen können. 
Die Reise ging von Kassel über Frankfurt, 
Darmstadt, >vo nur das drei Jahre zuvor erbaute, 
berühmte große Exerzierhaus mit seinen 16 Oese» 
und 136 Fenstern die Aufmerksamkeit der Reisen 
den erregte, und die ungemein „artige Stadt" 
Mannheim nach Speyer. „Beini Abendessen 
sagte man uns hier," erzählt die Berichterstatterin, 
„daß wir durch einen großen Wald fahren 
müßten, der nicht zu deu sichersten gehöre, dort 
seien vor Kurzem ein Postillon ermordet und 
die Postreisenden beraubt worden. Weil aber 
der Mörder ergriffen und gerädert war, wir bei 
hellem Tag hindurchreisten und unsere Reise 
gesellschaft aus acht Personen bestand, so machte 
ich gute Miene zum bösen Spiel, und wir begaben 
lins vergnügt auf den Weg. Herr B. und einer 
unserer Kutscher bildeten zu Fuß die Vorhut, 
dann kam der Haupttrupp, bestehend aus Herrn 
K., meinem Mann und mir, die Nachhut bil 
deten ein Schweizer Offizier, der in russischen 
Diensten stand und von dort mit Herrn G. und 
seinem Kutscher kam. Beim Ausmarsch aus 
Speyer wurde unsere Karavane noch durch zwei 
Fußreisende vergrößert, die denselben Weg wie 
wir machten, bald voraus, bald zur Seite und 
bald hinterher gingen. Nachdem wir auf diese 
Weise zwei Stunden lang beschleunigt marschirt 
und einem Trupp sogenannter Handwerksburschen 
begegnet waren, die wir im Holz in einiger 
Entfernung von der Straße sitzen sahen, kamen 
wir nach Germersheim, wovon der gefährliche 
Wald seinen Namen hat." Bei der Fahrt in 
einem eigens gemietheten Wagen von Straßburg 
aus durch Lothringen auf bewunderungswürdig 
schön angelegten Straßen wurden die Reisenden 
von der Sauberkeit der Arbeitsmädchen entzückt, 
bte alle in Weiß gekleidet waren, wie denn die 
Lothringerinnen allgemein leinene Kleider von 
blendender Weiße trugen; alle Männer erschienen 
anmuthig und von angenehmen Gesichtszügen, 
die Frauen in ihrer Jugend artig und wohl 
gestaltet, im Alter abschreckend und wie Hexen. 
In Luneville traf man am Mittagstisch Reiter- 
offiziere, welche Alle im siebenjährigen Krieg in 
Kassel gewesen waren. Nancy mit seinem Stanis 
lausplatz erregte natürlich das Entzücken der 
Reisenden, in Vitry fiel ihnen zweierlei auf, was 
uns jetzt als selbstverständlich erscheinen würde, 
daß nämlich die Straßennamen an den Ecken 
angegeben und an der Kirche Verbote gegen die 
Verunreinigung des Platzes angebracht waren. 
So kamen die Reisenden voll Freude über die 
schönen durchreisten Gegenden in die Nähe von 
Paris. „Zwei Meilen von Paris", wird uns 
erzählt, „wurden zwei meiner Sinne sehr ver 
schieden berührt. Mein Gesicht konnte sich nicht 
sättigen, ich hätte Argnsaugen haben mögen, 
aber mein Geruch, mein armer Geruch, wurde 
lebhaft durch einen Gestank verletzt, den ich nicht 
anders beschreiben kann, als wenn ich sage, es 
roch wie in den schmutzigsten Häusern der 
elendesten Armuth. Dieser Eindruck verfolgte 
mich bis zu dem (in der Nähe der Schlächtereieil 
belegenen) Gasthaus, oder vielmehr, er schien sich 
dort zu vermehren, und ich wäre sicher krank 
geworden, wenn ich längere Zeit in der Umgebung 
der Schlächtereien geblieben wäre." Die Klagen
	        

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