Volltext: Hessenland (8.1894)

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muthsvoll ruhten seine Augen ans den Oelgemälden 
und Entwürfen, die ihm aus des Bruders Nachlaß 
zugingen. — Ueberhaupt verwandelte sich die 
freundliche Wohnung allmälig^ in eine kleine 
Bildergalerie. 
Und Bruder Fritz ? Nun, auch er bereitete dem 
brüderlichen Mentor noch manche Sorgenstunde, 
wenngleich sein Lebensschisf in ruhiger, fast zu 
langsamer Fahrt dahinglitt. Er hatte die Forst- 
cctrriere ergriffen. Wieder zog Georg willig den 
Beutel. Die Lehrzeit in der Obersörsterei, die 
zehnjährige Dienstzeit im Jägerbataillon und die 
Studienjahre aus der Forstschule zu Melsungen, 
das waren harte Zeiten, tu denen der Jägersmann 
die thatkräftige Hükfe des Bruders nicht missen 
konnte. Selbst, als er nach langer Wartezeit die 
langersehnte Anstellung im Forstdienst erlangte, 
war das Gehalt von 72 Thalern nebst zwei Klaftern 
Besoldungsholz, — von letzterem mußte noch der 
Hauerlohn an die kurfürstliche Renterei entrichtet 
werden —, knapp ausreichend. 
Zu dieser Zeit traf den sorgenden älteren Bruder 
ein neuer, ungeahnter Schlag. Sein Schwager 
Berthold, ein beliebter Komiker und Sänger komischer 
Partieen am Stadttheater zu Leipzig, starb plötzlich, 
seine Wittwe und den jüngsten Sohn völlig mittel 
los zurücklassend. Berthold hatte nach Künstlerart 
sorglos in den Tag hineingelebt. „Leben und 
leben lassen" war die Parole im Kreise seiner 
zahlreichen Freunde gewesen, zu denen auch Lortzing 
gezählt. Nun pochte das bleiche Gespenst „Noth" 
bei den Hinterbliebenen an. Man appellirte an 
Onkel Georg's gutes Herz. Schwester Philippine 
war seit Jahren todt, so kam die Wittwe mit 
ihrem Knaben in sein Haus. Da hatte er aufts 
Neue Familiensorgen, wieder einen Knaben, den er 
sich gelobt zum tüchtigen Staatsbürger heranzu 
bilden, und der ihm dies weidlich erschwerte. Alle 
Bücherweisheit schmeckte dem verwöhnten Nesthäkchen 
nicht, um so besser mundete ihm der gute Tisch, 
welchen der Onkel bei zunehmendem Alter führte. 
Es gab schwere Konflikte, ta die allzunachsichtige, 
schwache Mutter dem Liebling bei allen Schelmen 
streichen Vorschub leistete, und wenn der Onkel ein 
mal zur Strafe eine kleine Fastenkur anbefohlen hatte, 
ihn mit wohlbelegten Stullen regalirte. 
So konnte kein erfreuliches Resultat erzielt 
werden. Der Herr Neffe machte dem Onkel manche 
sorgenvolle Stunde. Und eines schönen Tages, — 
er war Lehrling in einem kaufmännischen Geschäft 
geworden, weil die alten Sprachen ihm ganz und 
gar unsympathisch waren —, war er verschwunden. 
Nach Wochen schrieb er aus einer kleinen sächsischen 
Stadt, daß er bei einer Schauspieltruppe engagirt 
sei, natürlich hatte er selbst von seinen darstellerischen 
Talenten eine hohe Meinung, aber er ist nie aus 
der Sphäre der Wandertheater herausgekommen. 
Für den Onkel, der sich redlich mit dem Burschen 
gemüht hatte, war's ein neuer herber Schlag. 
Er zog seine Hand von dem Undankbaren zurück. 
Indirekt, durch die schwache Mutter, hat er doch 
noch zu dessen Unterstützung hergeben müssen. Sein 
Leben gestaltete sich immer einsamer. Die Schwester 
stand ihm im Geistesleben allzusern, als daß ihre 
Unterhaltung ihn befriedigen konnte. Dennoch er 
trug er ihre Schwächen mit großer Geduld und 
Nachsicht. 
Mit der Zeit nahm er allerlei kleine Jung 
geselleneigenheiten an. Besonders pflegte er seine 
Blumen mit einer Sorgfalt, als seien es lebende 
Wesen. Eine andere Liebhaberei waren gute, ab 
gelagerte Cigarren. Es gab da in seinem Tuskulum, 
zwischen zwei Bücherspinden, eine hohe Schicht 
gefüllter Kisten und Kistchen. Er suchte etwas 
darin, seinen Freunden ein „gutes Kraut" anbieten 
zu können. Dasselbe galt von dem Wein, den er 
in größeren Gebinden von einem befreundeten 
Weinbauer am Rhein bezog. 
Die angenehmste Zeit im Jahr waren ihm die 
Wintermonate, wo seine zweite noch lebende Schwester, 
die Wittwe des Hoftheaterinspektors Brämer aus 
Kassel, ihn besuchte. Die Beiden tauschten dann 
eifrig ihre Meinung über die wichtigen Tagessragen 
und über die Geschicke der Völker aus. Schwester Betti 
hatte immer eineu regen Geist und gesunden Humor. 
Sie besprachen alte Jugenderinnerungen mit einander 
uub wunderten sich über die zunehmende „Verdrehtheit" 
der jüngeren Generation. War Betti im Frühling 
gen Kassel gezogen, so war's dem Bruder etliche 
Tage „in keiner Ecke recht". In solchen Momenten 
überkam es ihn doch wie Heimweh-nach eignem 
Familienglück. Dann seufzte er, nahm den Hut 
und ging in die erwachende Natur, um sein seelisches 
Gleichgewicht herzustellen. 
In den Sommerserien packte er seinen kleinen 
Lederkoffer und begab sich aus Reisen. Meist ging 
die Reise an den Rhein, in die alte Heimath. 
In Kirn und Kreuznach lebten ihm noch alte 
treue Freunde. 
Der schönste und ehrenvollste Tag seines Lebens 
war der 31. Oktober 1867. Dieser Jubiläumstag 
zeigte ihm deutlicher denn alle seitherigen Erfahrungen, 
wie vielfacher Sympathieen er sich erfreuen durste. 
Unzählig waren die Glückwunschschreiben, Telegramme 
und Geschenke, aus aller Herren Ländern, voll Freunden 
und ehemaligen Schülern. Die Stadt Rinteln 
ehrte den Jubilar durch einen künstlerisch aus 
gestatteten Ehrenbürgerbrief, die königliche Regierung 
durch ein Gratulationsschreiben, in welchem besonders 
der opferfreudigell Bruderliebe gedacht ward, uub
        

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