Full text: Hessenland (8.1894)

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11 und 16 Seiten. Bei Gelegenheit des Erwerbs 
obiger Bücher erhielt die Bibliothek zwei inter 
essante ebenfalls auf W. A. Rothschild bezügliche 
Schriftstücke als Geschenk. Das eine, datirt 
Rendsburg, den 19. April 1807, enthalt den Auftrag 
des nunmehrigen Kurfürsten Wilhelm I. an seinen 
Oberhofagenten, das in den Händen der Franzosen 
befindliche Medaillenkabinet des Kurfürsten für 
den letzteren zurückzukaufen. Das zweite Schreiben, 
datirt Itzehoe, den 26. Februar 1808, enthält 
die Anweisung des Kurfürsten ans Zahlung des 
für das zurückerstattete Medaillenkabinet zugesicherten 
Kaufpreises, welcher 28053 Gulden iinb 20 Kreuzer 
betrug. 
Aus Hermath und Fremde. 
Im vorigen Jahre wurden auf einem in der 
Nähe der Steinbrüche bei Flörsheim gelegenen 
Acker Bruchstücke von römischen Ziegeln aus 
geackert, auf welchem der Stempel LG XXII CY 
zu entziffern war. Thurmuhrensabrikant I. Höckel 
schickte dieselben an Herrn Oberst von Cohausen 
in Wiesbaden, der sie dem Museum daselbst ein 
verleibte. Da Ziegeln mit solchem Stempel nur 
bei Worms, nirgends aber östlich von Castel und 
Wiesbaden aufgefilnden wurden, so vermuthete 
man an den: genannten Orte eine der ältesten 
römischen A n s i e d e l u n g e n. Unter Leitung des 
Herrn Professors Wolfs aus Frankfurt a. M. wurden 
am 22. September an dieser Stelle Ausgrabungen 
vorgenommen, deren Ergebniß die Vermuthungen 
vollständig bestätigte. Nachdem man eine Menge 
Falz-, Hohl- unb Plafond-Ziegeln mit dem er 
wähnten Stempel zu Tage gefördert, stieß man 
auf die Grundmauern eines römischen Hauses, die 
zum Theil scholl bloßgelegt sind. Die Mauern 
fiub ein Meter dick und aus Kalkstein, wie sie die 
hiesigen Steinbrüche liefern, ausgeführt. Alts 
verschiedenen Fundstücken zu schließen, war das 
Haus mit einer Luftheizungsanlage versehen. Der 
Ball der Ansiedelung datirt nach Ansicht des 
Herrn Professors Wolfs in die Zeit von 50—-70 
n. Chr. Da man in der Nähe eiu römisches 
Kastell vermuthet, so sollen die Ausgrabungen nach 
der vollständigen Bloßlegung des Hailses an ver 
schiedenen Stellen fortgesetzt werden. 
Der serbische Gelehrte Buk Karadschitsch, 
dessen literarischer Nachlaß gegenwärtig in Belgrad 
geordllet wird, hat zahlreiche Briese der G e - 
brüder Grimm, mit denen er eng befreundet 
war und in wissenschaftlichem Verkehr stand, hinter 
lassen. Karadschitsch war Sprachgelehrter uub 
Ethnograph und hat als solcher zur Förderung der 
Literatur seines Vaterlandes außerordentlich viel 
beigetragen. Mit dem hessischen Brnderpaar ver 
band ihn das gleiche Streben, tu den Geist der 
vaterländischen Sprache einzudringen. 
Alls der Berliner Gesellschaft wird llns geschrieben: 
Gräfin Ilse Wedel hat sich mit dem Legations 
sekretär Grasen Botho Wedel verlobt. Dies 
Familienereigniß dürfte auch tu Hessen Interesse 
erwecken. Gräfin von der Grüben, die Mutter 
der Braut, die in erster Ehe utit dem Grafen 
Wedel vermählt war, ist die einzige Tochter des 
von Vielen unvergessenen Oberstallmeisters von 
Eschwege, dessen schöne, ritterliche Erscheinung 
lllld liebenswürdiges Wesen jedem bekannt war, 
der den kurfürstlichen Hof kannte. Zugleich ist 
die Gräfin die einzige Nichte uub Verwandte des 
wohlbekannten, erst im vorigen Jahr in Kassel ver 
storbenen Oberstlieutenants von Heathcote. Der 
Stiefvater der jllngen Brallt, Generallieutenant 
Gras von der Grüben, steht ebenfalls Hessen 
nahe, ist er doch ein Enkel des in den Freiheits 
kriegen so bekannt gewordenen tapfern Obersten 
von Dörnberg. 
Am 4. Oktober verschied in Melsungen nach 
längerem Leiden der Amtswundarzt A r m i n K o l l m a r 
im 80. Lebensjahre. 1814 als Sohn des Arztes 
Dr, Kollmar zu Spaugenberg geboreu, hatte er in 
Marbilrg Medizin stlldirt, wurde später Kreis 
wundarzt in Lichtenau, wo er bis 1866 blieb, 
woraus er die Kreiswundarztstelle in Melsungen 
erhielt. Er war eiu stets hilfsbereiter, pflichttreuer 
Arzt, beit Armen und Bedrängten ein selbstloser 
Helfer und Wohlthäter. Bei Allen war er ge 
achtet uub geehrt. Aus chirurgischem Gebiete hatte 
er s. Z. in der Verbesserung von Bandagen ver 
schiedenes Neue eingeführt, was von dem berühmten 
Chirurgen Roser in Marburg besonders anerkannt 
wurde. Dem Heimgegangenen ist es vergönnt 
gewesen, das Fest seines 50jährigen Dienstjubiläums 
und seiner goldenen Hochzeit zu begehen. 
Nersonatien. 
Ernannt: Justizrath Caspar: in Kassel zum 
Notar; Nechtskandidat Stöcke daselbst zum Referendar; 
Direktor des Gymnasiums und Realgymnasiums in Goslar 
Lie. Dr. Karl Ludwig Leimbach (aus Marburg) 
zum Provinzialschulrath unter lleberweisung an das 
Provinzialschulkollegium in Breslau.
	        

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