Full text: Hessenland (8.1894)

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Es war mir schwer um's Herz noch lange, 
nachdem ich die unglückliche Fra» bis zur Thüre 
begleitet hatte. Und am Abend ertappte ich mich 
über stillem Philosophieren. Ich hatte den Fluch 
der Armuth gesehen. Ja, es ist heute — 
leider Gottes — ein Fluch, arm zu sein,' ein 
doppelter Fluch für den, dessen Geist und Herz 
gebildet ist. — 
philosophrnlebkn. 
Hast Du am Sternenhimmel je gelesen, 
Daß über uns ein mächt'ger Gott gebeut, 
Daß ein Geschlecht von geistbegabten Wesen, 
Ein Heer von Welten sich im Raum zerstreut; 
Hast Du des Raums Unendlichkeit gemessen, 
Hast Du die Ewigkeit der Zeit bedacht —, 
Dan» kehrst Du um zu ruhigem Vergessen 
Deß, was die Zeit auch Schlimmes Dir gebracht. 
Dich kümmert nicht das Loos der rauhen Tage, 
Dich kümmert nicht der ruhmbedeckte Held, 
Dich kümmert nicht des Volkes laute Klage 
Nach Brot und Gleichheit, Freiheit und »ach Geld. 
Tn lebst ein eigen, abgeschlvss'nes Leben, 
Ein höher Ziel erwies Dir Dein Beruf —, 
Du fragst: Wer hat das Leben mir gegeben ? 
Wer war der Mächtige, der mich erschuf? 
.'>n«s von liUcni. 
Erwartung. 
Auf weißem Zelter, im schattigeil Wald, 
Da macht mein Liebchen Rast und Halt. — 
Sie lauschet dem Hufschlag von meinem Pferd, 
Erwartet mich sehnlichst, — bin ihr so werth. 
Und im scharfen Trab eil' ich mit dem Thier 
Zur heimlichen Stelle, bin nun bei ihr, 
Und überglücklich in seliger Lust 
Ist uns're Umarmung, Brust an Brust. - 
Der Abend schon naht; die Dämmerung zieht ein; 
Die Nachtigall singt im Buchenhain. 
Die Rosse stampfen, das Spiel ist aus. — 
Gott, führe mein Liebchen wohl nach Haus! 
Lark Wevcr. 
Aus alter und neuer Irrt. 
Rothschild und der hessische Hof. Die 
Rothschild's che öffentliche Bibliothek in 
Frankfurt a. M. kam in den Besitz eines 
Sammelbandes, der, — wie man der „Frankfurter- 
Zeitung" mittheilt —, u. A. nenn numismatische 
Kataloge von M. A. Rothschild enthält. Bon 
diesen Katalogen tragen zwei die Jahreszahl 1783, 
welche einmal mit Tinte in 1784 geändert ist. 
Diese beibeu geben am Schluß die Adresse: Mayer 
Amschel Rothschild, Hoch-Fürstl. Hessen-Hanauischer 
Hos-Factor, wohnhaft in Frankfurt am Mahn. 
Ein Katalog trägt die Jahreszahl 1786 und 
giebt am Schluß die Adresse: Mayer Amschel 
Rothschild, Hoch-Fürstlich Hessen-Casselischer Hof- 
Factor, wohnhaft in Frankfurt am Mahn. Roth 
schild war also bereits im Jahre 1783 Hoffaktor 
des späteren Landgrafen Wilhelm IX., welcher im 
Jahre 1785 seinem Vater in der Regierung von 
Hessen-Kassel folgte, aber bereits seit 1760 die 
Grafschaft Hanau besaß. Der Katalog aus der 
pfälzischen Bibliothek ist undatirt. Rothschild 
bezeichnet sich indes dorteil als Hochsürstl. Hessen- 
Hanauischer Hof-Factor. Demimch dürfte dieser 
Katalog vor dem 31. Oktober 1785, dem Todestag 
des Landgrafen Friedrich II., des Vaters Wil 
helm IX., gedruckt sein. Die sechs übrigen 
Kataloge sind undatirt und tragen die Adresse des 
Verkäufers nicht wie jene vier in fetten Lettern 
am Ende, sondern in kleiner Fraktur beim Kopf 
titel, unter der einfachen Bezeichnung: „zu haben 
bei M. A. Rothschild". Da nicht anzunehmen ist, 
daß Rothschild sich des ihm zukommellden Hof 
titels nicht überall, sondern nur hier und dort 
bediellte, zumal dieser Titel damals lloch eine viel 
größere Empfehlung bebentete als ähnliche Titel 
voll heute, so darf man wohl vermuthen, daß 
Rothschild, als er diese sechs Kataloge brucfen 
ließ, noch nicht den Titel eiues Hosfaktors hatte, 
daß die Kataloge mithin älter fiitb als der älteste 
datirte Katalog, älter auch als derjenige aus der 
pfälzischen Bibliothek. Der Umfang der sechs 
Kataloge ohne Hoftitel schwankt zwischen 8 und 
11 Seiten, derjenige der vier übrigen zwischell
	        

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