Full text: Hessenland (8.1894)

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zimmers abspielten, sondern nur eine kurze, 
einfache Geschichte; sie handelt von einer edlen, 
unglücklichen Frau, einer Frau, wie mau sie 
heutzutage selten trifft. 
Eine vornehme Eigenart in ihrem Wese», 
eine unmuthige Bildung des Geistes und 
Herzens waren es, welche sofort für sie ge 
wannen. Sie, die einst mit tausend berech 
tigten Hoffnungen in die Welt getreten war, 
hatte in ihr nichts gefunden als ebenso viele 
herbe, bittere Enttäuschungen, Täuschungen des 
Lebens, Täuschungen des Herzens. Mit er 
grauenden Haaren, mit vergrämten Zügen, mit 
einer edlen, aber wie gebrochenen Haltung kehrte 
die in der Mitte der Vierziger Stehende in die 
Heimath zurück. Aus einer unglücklichen, schmach 
vollen Ehe brachte sie zwei Kinder mit: einen 
Sohn und eine Tochter. Aber das Unglück 
ließ nicht von ihr. Es saß fest mit der grau 
samen Zähigkeit, die ihm eigen. Sie wohnte 
kaum ein halbes Jahr, still zurückgezogen, fast 
ohne auszugehen, in der Heimathsstadt, fürlieb 
nehmend mit dem Wenigen, was ihr geblieben, 
als der Sohn, der kaum eben Offizier geworden 
war, Schulden halber aus dem Heere ausscheiden 
mnßte und, anstatt durch ein neues, tüchtiges 
Leben gut zu machen, was gut zu machen war, 
den leichteren Ausweg feigen Selbstmords vorzog. 
Dieser neue Schlag knickte die arme, einsame 
Frau fast ganz. Wenn ihre Tochter nicht ge 
wesen wäre, hätte sie dem Tod am gebrochenen 
Herzen, dem Tod aus Kummer nicht widerstanden. 
Aber der Gedanke, die eben Konfirmirte allein 
in der Welt zurücklassen zu müssen, arm, hilflos, 
zart und fein, wie sie es war, in einer Welt, 
die so grausam selbstsüchtig war —, der Gedanke 
hielt sie aufrecht. Was sie aber nur irgend 
noch geben konnte, gab sie hin, um des Leicht 
sinns Schulden zu decken. Ihr blieb so gut wie 
nichts. 
Dazu trieb sie nun ihr edles, vornehmes 
Pflichtgefühl, der Tochter jetzt neben einer guten 
Ausbildung ein bischen von dem Sonnenschein 
zu geben, welchen die Jugend haben muß, soll 
sie nicht verkümmern und verbittern. Eine Be 
kannte aus besseren Tagen hielt in einer Provinz- 
stadt ein als vorzüglich bekanntes Mädchenpensionat. 
Dort sollte die Tochter Ausnahme finden; und 
ob man auch der unglücklichen Frau weit ent 
gegengekommen war, das Pensionsgeld sowie die 
Ausstattungskosten waren trotzdem zu hoch, um 
von ihr ohne Weiteres bestritten werden zu können. 
Da kam sie zu mir. Ich kannte sie von 
früher. Sie konnte bei mir ein aus Ver 
ehrung und Freundschaft gemischtes Wohlwollen 
voraussetzen. Sie fing ganz in ihrer ruhigen, 
vornehmen Art an, ihre Verhältnisse kurz dar 
zulegen und mir von ihrem Vorhaben zu sagen, 
die Tochter in eine Pension zu geben. - Da sic 
aber hierzu nicht die Mittel habe, müsse sie .... 
Hier hörte sie plötzlich auf zu sprechen und 
wandte sich gegen das Fenster. Ich fühlte, wie 
sie mit den Thränen kämpfte und sich zniu 
Weiterreden zwingen wollte. Aber die Thränen 
ließen sich nicht bannen —, und mit einem Male 
legte sie das Gesicht in die Hände und schluchzte 
laut auf. Sie weinte in jener erschütternden 
Art des Weinens, der man das Beiwort „bitter 
lich" zu geben pflegt, so, daß dem, der es hört, 
selbst die Augen feucht werden. 
Mir schien jedes Wort des Trostes hier banal und 
roh. Doch aber trat ich zu ihr. Und wie uns oft in 
den ernstesten und feierlichsten Augenblicken nur die 
alltäglichsten Worte zur Verfügung stehen, sagte 
ich: „Gnädige Frau ..." Ich muß es wohl 
aber weich und mitleidsvoll gesprochen haben, in 
einem Ton, in deni all' meine Ergriffenheit 
widerklang, denn plötzlich hob sie den Kopf, 
und während die Augen noch in Thränen perlten, 
die Wangen noch feucht waren, lachte sie. Es 
war ein Lachen, wie es die Jugend hat, naiv, 
kindlich, heiter, eigene Thorheit verspottend, 
melodisch. Es war vielleicht das Einzige, was 
ihr von ihrer verlorene Jugend geblieben war. 
Und über ihr Antlitz zauberte dies Lachen fast 
auch wieder Jugend und Jugendschönheit zurück —, 
etwas Sonniges war's — sekundenlang. 
„Wie dumm! Wie kindisch ich bin!" sagte 
sie, „ich muß arbeiten! Ist da etwas dabei! 
Arbeit adelt ja nur! Und ich wollte Sie bitten, 
mir eine Anzeige aufzusetzen, — Sie habeir ja 
die Erfahrung —, und mir zu sagen, in welchem 
Blatt der größte Erfolg zu erhoffen ist! In 
das Ihrige und in eine Zeitung der Residenz 
dachte ich. — Ich möchte also — als Hilfe 
der Hausfrau — natürlich in einer gebildeten 
Familie " Da erstickte ihre Stimme 
wieder. Ihr ganzes Wesen, ihre vornehme 
Eigenart lehnte sich gegen ihren Entschluß 
auf. Ja, sie wollte eine Stelle haben, sie 
wollte arbeiten, sie wollte es, wie man nur 
wollen kann, aber ihrem innersten Empfinden 
dünkte es eine Erniedrigung —, es wurde ihr 
schwer, unsagbar schwer — nicht, zu arbeiten 
überhaupt, sondern es sich und Anderen ein 
gestehen zu müssen, daß ihr Weg so weit hinuuter- 
geführt vor den sonnigen Höhen jugendlichen 
Höffens und einstigen vornehmen Lebensgenusses 
zu den finsteren Thälern ringender Arbeit rind 
unendlicher Mühen. — — —
        

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