Volltext: Hessenland (8.1894)

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meister!" ertönt es keck von oben, „sind die Pistolen 
noch nicht fertig?" 
„Ja — eh — nein", lautet die in weniger 
zuversichtlichem Tone gegebene Antwort, indeß die 
andern sich einen Augenblick betroffen ansehen. 
Aber nun wird es höchste Zeit! Der Unbekannte 
gewinnt zuerst die Fassung wieder und schreitet 
schon, die klebrigen bei Seite drängend, mit raschen 
Schritten auf die verschlossene Thür zu. Dorn 
ist mit einem Satze wieder unten und gewinnt, 
die Frau, die im Begriffe ist, die Hausthür zu 
verriegeln, unsanft bei Seite schiebend, schnell das 
Freie. Ein scharfer Ritt bringt ihn bald in 
wohlthuende Entfernung von dem unheimlichen 
Waldhause. Doch da strauchelt plötzlich das 
Pferd und ist nicht wieder ans die Beine zu 
bringen. Kein Wunder, da es eins derselben ge 
brochen. Dorn selbst hat glücklicherweise keinen 
Schaden genommen, muß aber das Pferd im 
Stich lassen und seinen Weg zu Fuß fortsetzen. 
Schon bricht die Dunkelheit herein. Da horch! 
ein bekannter Pfiff. Im Walde rechts und links 
beginnt es sich zu regen. Ein zweiter Pfiff und 
gleich darauf ein Schuß! Zwei Schüsse zu gleicher 
Zeit! Dorn glaubt das Einschlagen der einen 
Kugel in den Steinhaufen neben ihm deutlich zu 
vernehmen. Er rafft alle Kraft zusammen und 
läuft, was er kann. Doch der Vorsprung vor 
seinen zum Theil noch jugendlichen Verfolgern 
wird immer kleiner. Ueberzengt, daß ihnen ihr 
Opfer binnen Kurzem in die Hände fallen muß, 
stellen sie das Schießen ein. Da tönt ein 
mächtiges Brausen an das Ohr des Verfolgten. 
Ein heller Streifen wird hier und dort zwischen 
Bäumen und Buschwerk sichtbar. Es ist die hoch 
angeschwollene Kinzig. Die Verfolger erheben 
ein Freudengeheul. Denn nun bleibt dem Flücht 
ling nur noch die Wahl zwischen Gefangenschaft 
oder Tod in den Wellen. Er scheint das letztere 
zu wühlen. Ein kühner Sprung — und die Fluthen 
des wild tosenden Baches rauschen über ihn hinweg. 
Doch nicht lange dauert es, und etwas weiter 
abwärts am anderen Ufer taucht er wieder auf, 
ergreift einen in das Wasser herabhängenden 
Strauch, zieht sich daran empor und ist gerettet. 
Von den Verfolger wagt keiner den Sprung, auch 
der Unbekannte nicht. Ein paar Schüsse senden 
sie dem kühnen Schwimmer noch nach und, als 
auch das nichts hilft, ein paar — Flüche. Dorn 
wirft den dunklen Gestalten da drüben noch einen 
trinmphirenden Blick zu und legt dann den Rest 
des Heimwegs ohne weiteren Zwischenfall zurück. 
Wie es nun den Uebelthätern erging, in welcher 
Gestalt und ob überhaupt die rächende Nemesis 
sie ereilte, darüber fehlt leider jede Mittheilung. 
Doch scheint es damals, wie der geneigte Leser 
gleich sehen wird, zum Mindesten einem Theil 
derselben gelungen zu sein, sich dem strafenden 
Arme der Gerechtigkeit zu entziehen. 
Dorn wurde im Jahre 1802 in gleicher Eigen 
schaft nach Amöneburg versetzt. Ein Jahrzehnt 
mochte seit jenem Vorfalle verflossen sein, als 
er eines Abends spät sich auf dem Rückweg von 
einer auswärtigen Tour befand. Schon lagen 
die schroffen Basaltfelsen der Amöneburg in 
deutlichen Umkreisen vor ihm. Da ertönt wiederum, 
in dem einsamen Wanderer nicht die angenehmsten 
Empfindungen weckend, in unmittelbarer Nähe ein 
schriller Pfiff. Mit einer Deutlichkeit, als sei 
es gestern erst gewesen, steht ihm mit einem Male 
jenes schon halb vergessene Erlebniß wieder vor 
Äugen. Doch er findet nicht Zeit, lange über 
die Situation nachzudenken. Noch hört und sieht 
er etwa ein halbes Dutzend dunkler Gestalten 
auf sich zukvmmmen. Da fühlt er einen heftigen 
Schlag, und seine Besinnung ist geschwunden. 
Hier fehlt es wieder an weiteren Mittheilungen. 
Thatsache ist, daß Dorn im Jahre 1813 am 
5. November an den Folgen jenes Schlages ver 
schieden ist. 
Und der Thäter? Es war, wie sich später 
herausstellte, kein Anderer als jener räthselhafte 
Unbekannte und dieser kein Anderer als der später 
und auch heute noch so viel genannte — 
Schinderhannes. 
Armuth. 
Von Heinrich Förster. 
Frühling war ich Leiter einer Zeitung. 
Jy Es giebt wenige Orte, von denen aus man 
T so tief in das Leben blicken kann als vom 
Redaktionstische. Ich will aber heute nichts 
erzählen von den interessanten und berühmten 
Persönlichkeiten, welche ich damals kennen lernte, 
und nichts von hundert humoristischen Szenen, 
die sich innerhalb der Wände meines Arbeits
        

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